Flüchtlinge in Ostfriesland  Afrikanische Geflüchtete in Leer wollen gleiche Rechte

Michael Kierstein
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Von Michael Kierstein
| 03.07.2022 13:57 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Abdrahmane Banhoro (hinten von links), Adama Guy und Ali Kone riefen mit Aicha Popa (vorne links) und Annabell Che Kone zur Mahnwache auf. Foto: Kierstein
Abdrahmane Banhoro (hinten von links), Adama Guy und Ali Kone riefen mit Aicha Popa (vorne links) und Annabell Che Kone zur Mahnwache auf. Foto: Kierstein
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Der Afrikanische Verein Diaspora rief am Freitag zur Mahnwache auf. Kritisiert wird die Situation an den Außengrenzen und die Ungleichbehandlung der Flüchtlinge.

Leer - „Wir sind keine Tiere. Das, was da in Melilla passiert, muss aufhören“, sagt Aicha Popa. Sie ist die zweite Vorsitzende des Vereins Afrikanische Diaspora Ostfriesland. Sie selber sitzt sicher in einem Garten in Moormerland. Doch der Schmerz ist jedem ihrer Worte anzuhören.

Was und warum

Darum geht es: Der Afrikanische Verein bemängelt die Lage an den Außengrenzen und rief zur Mahnwache in Leer auf

Vor allem interessant für: Alle, die wissen wollen, was an den Außengrenzen passiert.

Deshalb berichten wir: Der Verein rief zur Mahnwache in Leer auf

Den Autoren erreichen Sie unter: m.kierstein@zgo.de

Mindestens 23 Menschen starben beim Ansturm Tausender Migranten auf die spanische Exklave Melilla in Marokko. Nach Angaben der marokkanischen Behörden stammen die Migranten aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara. Das Ziel der Menschen war es, vor Armut und Krieg in ihrer Heimat zu fliehen. Sie hofften auf ein besseres Leben in der Europäischen Union. Einen Traum, den Ali Kone nur zu gut versteht. Er ist Präsident des ostfriesischen Vereins.

Geschichte von Ali Kone

„Ich kam im Jahr 2000 von der Elfenbeinküste nach Hamburg. In meiner Heimat herrschte Bürgerkrieg“, sagt er. Von Hamburg wurde er nach Oldenburg und Bramsche geschickt, bis er schlussendlich in Rhauderfehn landete. „Ich habe viele Schwierigkeiten gehabt und auch viel Rassismus erlebt“, erinnert er sich. Eigentlich wollte er auch gar nicht nach Deutschland, sondern nach Frankreich. Hauptgrund ist die Sprache. Französisch beherrscht er. Deutsch musste er erst lernen.

„Acht Jahre habe ich als Asylant in Deutschland gelebt. Ich durfte nicht arbeiten. Eigentlich durfte ich nur essen, schlafen und fernsehen“, erinnert er sich. Alleine musste er herausfinden, wie er aus dieser Lage herauskam. „Ich habe dann die nötigen Papiere aus meiner Heimat besorgt und eine Lehre gemacht“, sagt er. Heute arbeitet er bei der Gemeinde Westoverledingen.

Verein gegründet

„Es ist schlimm, wenn die Menschen denken, man sei faul und will nicht arbeiten, dabei bekommt man keine Chance. Heute habe ich Papiere, Arbeit und ein Haus. Ich möchte etwas zurückgeben“, sagt er. Seine Erfahrungen nutzt er nun. 2017 gründete er den Verein Afrikanische Diaspora Ostfriesland. Heute habe dieser bereits 400 Mitglieder. Das Ziel: beide Seiten einander näher bringen. Deutsche und Afrikaner sollen einander kennenlernen und sich gegenseitig besser verstehen. „Es gibt immer wieder Vorurteile“, sagt Aicha Popa. Diese sollen abgebaut werden.

Am Freitag wurde in der Innenstadt eine Mahnwache zu Ehren der getöteten Flüchtlinge in Melilla abgehalten. Foto: Kierstein
Am Freitag wurde in der Innenstadt eine Mahnwache zu Ehren der getöteten Flüchtlinge in Melilla abgehalten. Foto: Kierstein

Im Verein seien die verschiedensten Nationen vertreten. „Dabei sind auch Menschen aus Deutschland, der Türkei, Kolumbien, Brasilien und natürlich aus afrikanischen Ländern“, sagt Ali Kone. Für Flüchtlinge stehe man zur Verfügung, um zu helfen. „Zum Beispiel bei Sprachkursen, aber es gibt auch Beratung“, erklärt Adama Guy vom Verein. Dabei geht es darum, welche Regeln in Deutschland gelten, aber auch, welche Papiere man braucht und wo man sie bekommt. „Wir beraten aber auch in Sachen Schule. Das ist so wichtig für die Integration. Zudem begleiten wir natürlich gern bei Behördengängen“, sagt Guy.

Fest der Kulturen

Regelmäßig ist man auch beim Fest der Kulturen in Leer dabei. Auch in diesem September sind die Vereinsmitglieder wieder vor Ort. Zudem gehen sie in Schulen oder organisieren Feste. Viel Freude und gute Laune soll verbreitet werden, doch es gibt auch Dinge, die sie kritisieren. „Es kann nicht sein, dass Flüchtlinge unterschiedlich behandelt werden“, sagt Annabell Che Kone. Die afrikanischen Flüchtlinge würden anders behandelt als die Menschen aus der Ukraine.

„Es ist eine Ungleichbehandlung bei der Aufnahme von Flüchtlingen. Das schürt Hass“, kritisiert Aicha Popa. Der Verein wünscht sich hier eine Gleichbehandlung unter den Flüchtlingen. Das fordert auch Julian Pahlke, Bundestagsabgeordneter der Grünen aus dem Kreis Leer. „Diese Ungleichbehandlung bemängeln wir seit Monaten: Das trifft auch Menschen, die aus der Ukraine nach Deutschland geflohen sind. Beispielsweise Studenten, die aus Afrika kommen, aber in der Ukraine studierten. Diese Menschen sollten den gleichen Schutz bekommen.“

Lage in Marokko

Das gelte auch für die Menschen, die versuchen, aus Afrika in die EU zu gelangen: „Es ist eine grundlegende Ungerechtigkeit, was dort geschieht und so etwas darf es nicht geben. Die Europäische Union muss sich dieses Problems bewusst werden, denn, dass dort Menschen verprügelt oder erschossen werden, ist Rassismus. Das europäische Grundrecht auf Asyl muss gewahrt werden. Solange das nicht so ist, brauchen wir auch nicht von europäischen Werten reden, denn dann hören sie knapp vor unseren Außengrenzen auf. Das Grundrecht auf Asyl ist ja keine Utopie. Das ist Bestandteil europäischer Verträge“.

Einige der Demoteilnehmer legten sich auf den Boden. Sie wollten so den Tod der Flüchtlinge, deren Traum ein Leben in Europa war, nachstellen. Foto: Kierstein
Einige der Demoteilnehmer legten sich auf den Boden. Sie wollten so den Tod der Flüchtlinge, deren Traum ein Leben in Europa war, nachstellen. Foto: Kierstein

Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez machte hingegen die „Menschenhändler-Mafia“ verantwortlich. „Es war ein gewaltsamer Überfall, der von der Menschenhändler-Mafia organisiert wurde“, erklärte der sozialistische Politiker in Madrid. Für Marokkos Sicherheitskräfte fand Sánchez Lob, weil sie einen Angriff „auf die territoriale Integrität des Landes (Spaniens)“ abgewehrt hätten. Für den ostfriesischen Verein ist das nicht hinzunehmen.

Deshalb riefen sie am Freitag zur Mahnwache auf. „Wir wollen, dass alle gleich behandelt werden. Solidarität sollte für alle gelten. Deshalb war es auch eine Gedenkfeier für die Toten und Verletzten an der Außengrenze“, sagt Annabell Che Kone. Man kriege über Freunde und Verwandte viel von den Geschehnissen in Melilla mit. „Wir fordern sichere Wege und vor allem, dass nicht so viele Menschen auf dem Weg nach Deutschland sterben. Wir sind doch keine Tiere“, sagt Aicha Popa.

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