Osnabrück Christoph Seidel und seine Farbkörper der Melancholie
Melancholie hat nicht den besten Ruf, oder? Der Maler Christoph Seidel aus Hagen a.T.W. macht ein künstlerisches Rezept daraus. Seine Farbkörper zeigen die Fülle der Stille.
Die Mittel der Malerei immer mehr reduzieren bis nur noch hauchfeine Nuancen sichtbar bleiben: Christoph Seidel geht einen künstlerischen Weg, der mitten hinein in das endgültige Verlöschen zu führen scheint. Während die Welt um ihn herum bunt und laut ist, wandert der Maler hinein in einen Raum der Stille. Nur dort gibt es sie noch, die Aufmerksamkeit für unmerkliche Unterschiede. Ein selbstbezügliches Spiel? Vielleicht. Allerdings besteht eine der zentralen Leistungen von Kunst darin, die Wahrnehmung mit feinen Unterschieden zu stimulieren, anstatt sie mit plakativen Effekten zu betäuben.
Und genau das macht Christoph Seidel, dieser Alchimist feinster Farbabstufungen: Er führt seine Betrachter jetzt in der Osnabrücker Skulptur-Galerie in jenen Grenzbereich, in dem feinste Unterscheidungen wahrnehmbar werden. Malerei in einer Galerie für Skulptur? In diesem Fall fügt sich das bestens, weil Christoph Seidel seit Jahren seine Werke von der Fläche in den Raum bewegt. Er trägt nicht nur Farbe in der Stärke des Reliefs auf Bildflächen auf, er sorgt auch dafür, dass Farbe selbstständig wird, indem sie sich zum Raumobjekt emanzipiert. Mit seinen aktuellen Arbeiten erreicht er einen letzten Punkt dieser Werkentwicklung.
Christoph Seidel schichtet aus Farbsträngen massive Gitterstrukturen, lässt Farbwülste über Plexiglaskuben wandern, formt aus Farbe kleine Kegel. Es scheint, als wende sich die Farbe nach innen, sich selbst zu, als verweigere sie jeden Außenkontakt. Seidel reduziert die Farbpalette seiner Malerei immer rigider zu einem Grau, das nur noch von feinsten Spuren anderer Farben durchzogen ist. Hier und da ein leises Leuchten - mehr gestattet Seidel sich und den Betrachtern seiner Werke kaum mehr.
Melancolia: Dieses Titels der Ausstellung mit rund 60 Arbeiten bedürfte es kaum. Die ausgestellten Werke sprechen selbst die Sprache der Schwermut. Und hinter tausend Stäben keine Welt: Die berühmte Zeile aus Rilkes Gedicht "Der Panther" bringt auch die Wirkung von Seidels Gitterstrukturen auf den Punkt ohne Wiederkehr. Die Farbe hat die Welt in sich aufgesogen, sie in ein Meer aus Grau verwandelt. Pure Tristesse? Nein, wenn bedacht wird, dass die Melancholie in der Kunst seit jeher nicht pathologisch, sondern als Sonderzustand sensibler Empfänglichkeit und gesteigerter Kreativität gesehen wird.
Albrecht Dürers legendärer Kupferstich "Melencolia I" von 1514 fasst mit der Figur des sinnenden Engels das Geheimnis der Inspiration mit der Bildformel der Melancholie. Christoph Seidel zitiert nicht dieses Bild, wohl aber seinen Geist, wenn er den Rückzug von der Welt als Abenteuer einer Malerei inszeniert, die in geduldiger Schichtung und feinster Abstufung ihrer Wirkung das wahre Paradies der Kunst zu finden scheint. Ein mutiger, ein einsamer Weg mitten in einer Zeit, die Sichtbarkeit zur Leitwährung gemacht hat - sofern sie sich medial ausmünzen lässt. Bei Christoph Seidel aber bleibt die Welt draußen: Im Fall der Skulptur-Galerie in Gestalt des Autoverkehrs, der an ihren Fenstern unaufhörlich vorüberströmt, während drinnen Seidels Farbkörper leise zu atmen scheinen.
Osnabrück, Skulptur-Galerie: Christoph Seidel: Melancolia. Bis 13. August 2022. Mo., Mi.-Fr., 11-18 Uhr, Sa., So., 10-16 Uhr. Sa., 23. Juli 2022, 10-16 Uhr: The Artist is Present: Christoph Seidel steht für Gespräche zur Verfügung; Di., 9. August 2022, 18 Uhr: Künstlergespräch Dirk Manzke und Christoph Seidel.