Hamburg Skandal um Fynn Kliemann: Der Schützenverein hält zum Kliemannsland
Alle gehen auf Distanz zu Influencer Fynn Kliemann und seinem Kliemannsland. Wirklich alle? Nein, der Schützenverein Rüspel hält ihm die Treue. Und nicht nur der, auch der Bürgermeister schwärmt. Über die Bedeutung des Kliemannslandes in der niedersächsischen Provinz.
Seit einigen Wochen tobt nun schon der Sturm der Entrüstung. Heimwerker-Influencer Fynn Kliemann soll in fragwürdige Maskengeschäfte verstrickt sein, enthüllte das „ZDF Magazin Royale”. Anschließend türmten sich weitere Vorwürfe gegen den 34-Jährigen auf. Manche belegbar, andere nur Behauptungen.
Mit dem Sturm kam eine Welle der Distanzierungen: Viele der früheren Geschäftspartner konnten gar nicht schnell genug öffentlichkeitswirksam auf Distanz zu Kliemann oder dem von ihm gegründeten und nach ihm benannten Kliemannsland gehen. EWE, Berentzen und andere kündigten die Zusammenarbeit auf. Veranstaltungen auf dem Gelände in Rüspel in Niedersachsen mussten abgesagt werden.
Mit dem Namen Kliemann, so scheint es, möchte niemand mehr in Verbindung gebracht werden. Wirklich niemand? Vor Ort in Rüspel sieht das etwas anders aus. Das 250-Seelen-Dorf nordöstlich von Bremen und seine Vereine bangen um die Zukunft des Kliemannslandes - etwa der örtliche Schützenverein.
Am Wochenende erst feierten die Mitglieder des 101 Jahre alten Vereins ihr Schützenfest, es war das erste seit Corona. Die Räumlichkeiten dafür stellte das Kliemannsland zur Verfügung.
Denn zu dem Kreativhof, der durch eine für den NDR produzierte Internet-Dokuserie bekannt wurde, gehört auch der Festsaal im Ort. Der sei Anlaufpunkt für die Vereine in Rüspel, sagt Andreas Bellmann. Er ist Bürgermeister der Gemeinde Elsdorf, zu der auch Rüspel und damit das Kliemannsland gehören.
„Ja, am Anfang, da war das noch alles ein wenig, nein, sehr chaotisch”, sagt der Bürgermeister. „Aber mittlerweile läuft der Laden.“ Das Projekt stelle die Räume „für einen erschwinglichen Preis” zur Verfügung, sagt Bellmann. „So ein Anlaufpunkt ist enorm wichtig für das Zusammenleben und den Zusammenhalt im Ort.“
Er kenne den Saal, solange er denken könne. Seine Großeltern und Eltern hätten hier schon gefeiert. „Zwischenzeitlich sah es um die Örtlichkeiten gar nicht gut aus. Normalerweise lohnt sich so ein Gaststättenbetrieb in kleineren Ortschaften nicht mehr”, betont Bellmann. Dann kamen Kliemann und die NDR-Doku. „Das Kliemannsland war da die Rettung. Alles wurde auf Vordermann gebracht.“
In Rüspel ist der selbsternannte Hort der Freiheit der größte Arbeitgeber. 30 bis 40 Mennschen arbeiten hier, hieß es zuletzt. Ein anderer Faktor zählt für den Bürgermeister aber noch mehr: "Durch das Kliemannsland ist unsere Gemeinde bundesweit, ach was, europaweit bekannt geworden. Das ist sicher auch eine gute Werbung für unsere Gemeinde gewesen", sagt Bellmann.
Gewesen, wohlgemerkt. Das Kliemannsland kämpft im Zuge der Enthüllungen rund um seinen Namensgeber um die wirtschaftliche Existenz. Ein Musikfestival und ein Mofarennen mussten bereits abgesagt werden. Wie es weitergeht, ist derzeit unklar. Das verunsichert eben auch die Vereine im Ort.
Am vergangenen Wochenende öffneten die Betreiber die Türen zum Gelände. Mehrere Hundert Besucher stromerten durch die Anlage, die sich selbst als Refugium für Freiheitsliebende sieht. Hier könne jeder so sein, wie er wolle, lautet das Werbeversprechen. Allein das Geschäftsmodell dahinter scheint momentan nicht zu funktionieren.
Quasi nebenan feierte zeitgleich der Schützenverein Rüspel-Volkensen sein Schützenfest. Die Mitglieder bildeten mit ihren grün-weißen Uniformen einen starken optischen Kontrast zu den „Kliemännern”. Wie passt das zusammen?
Beate Meyer, Schriftführerin des Schützenvereins, sind die optischen Unterschiede herzlich egal. Auf Anfrage unserer Redaktion schreibt sie per E-Mail: „Hier schaut keiner den anderen schief’ an, nur weil der eine Uniform anhat oder in Jeans mit Löchern läuft.” Am Telefon wollte sich Meyer nicht äußern.
Offenbar hegt man in Rüspel ein gewisses Misstrauen gegen Journalisten. Was Meyer zu den aktuellen Diskussionen rund um Fynn Kliemann und das Kliemansland sagt? „Darüber möchte ich mich nicht äußern. Vieles wird auch kaputt geredet. Leider”, schreibt sie.
Bürgermeister Bellmann fasst es so zusammen: „Hier vor Ort wird stark getrennt in der Diskussion: Die Vorwürfe gegen Fynn Kliemann und das Kliemannsland sind zwei Dinge.“ Im Rest der Republik und im Internet wird indes kaum unterschieden. Zumal Kliemann weiter einer der Geschäftsführer der Einrichtung ist und sich der Kreativhof - trotz anderslautender Werbevideos - eben nicht distanziert hat.
Wird das dem Kliemannsland zum Verhängnis? „Für den Ort wäre das Aus des Kliemannslandes eine Katastrophe”, sagt Bürgermeister Bellmann. „Für die Vereine spielt sich dort das Leben ab. Wir hoffen hier alle, dass das nicht passiert.”
Am Sonntag wollen sich die Kliemannsland-Macher dazu äußern, wie es weitergehen soll.