Verdächtige festgenommen  Polizei gelingt Schlag gegen Automaten-Sprenger

Jean-Charles Fays und Petra Herterich
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Von Jean-Charles Fays und Petra Herterich
| 29.06.2022 20:54 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ein Bild der Zerstörung bot sich nach der Geldautomaten-Sprengung in Augustfehn. Foto: Leonhard
Ein Bild der Zerstörung bot sich nach der Geldautomaten-Sprengung in Augustfehn. Foto: Leonhard
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Auch in Ostfriesland wurden schon Geldautomaten gesprengt. Nun haben Polizeibeamte 13 Verdächtige festgenommen. Ob sie auch für Taten in der Region verantwortlich sind, wird noch ermittelt.

Osnabrück - Ein internationales Ermittlerteam ist in mehreren Bundesländern und den Niederlanden gegen Geldautomaten-Sprenger vorgegangen. 13 mutmaßliche Täter seien über einen längeren Zeitraum bei insgesamt 28 Durchsuchungen festgenommen worden, teilte die Polizei am Mittwoch mit. Die vorerst letzte Festnahme gab es demnach am Dienstag in der Nähe von Helmond in den Niederlanden. Laut Polizei soll durch die Automaten-Sprengungen bisher insgesamt ein Schaden von mehr als vier Millionen Euro entstanden sein.

Aktuell stehen demnach 17 Mitglieder einer Tätergruppierung aus den Niederlanden im dringenden Verdacht, in unterschiedlicher Zusammensetzung insgesamt zwölf Geldautomatensprengungen in Deutschland verübt zu haben – drei in NRW, sechs in Rheinland-Pfalz, eine in Hessen und zwei in Niedersachsen (Melle und Nordhorn). Laut Mitteilung der Ermittlungsbehörden in Osnabrück wird zwei der Verdächtigen die Sprengung in Melle zugerechnet.

Sind die Täter auch für die Automaten-Sprengungen in Ostfriesland verantwortlich?

Das könne derzeit noch nicht endgültig ausgeschlossen werden, hieß es vonseiten der federführenden Polizeiinspektion in Osnabrück. „Die Auswertungen der beschlagnahmten Daten laufen noch“, sagte Pressesprecher Marco Ellermann auf Nachfrage unserer Redaktion. Für diesen Freitag kündigte er eine Pressekonferenz zu dem Tatkomplex an.

In der Region Ostfriesland waren vor allem mehrfach Geldautomaten im Rheiderland, aber auch in Riepe, Holtland und Augustfehn gesprengt worden. Die letzten beiden Taten fanden innerhalb einer Woche im Januar dieses Jahres statt.

Gab es auch Durchsuchungen in Niedersachsen?

In einer abgestimmten Aktion durchsuchten am Dienstag 100 Beamte aus NRW, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Hessen und den Niederlanden 16 Objekte, darunter Geschäfts- und Wohnadressen sowie Adressen von Autovermietungen. Weitere zwölf Objekte wurden bereits Tage zuvor durchsucht. „In Niedersachsen selbst gab es bei dieser Aktion aber keine Durchsuchung“, so Ellermann.

Wie kam es zu den Festnahmen?

Den Identifizierungen und Festnahmen gingen monatelange verdeckte Ermittlungen voraus. Dabei wurde ein besonderer Fokus auf die Mietwagenfirmen gelegt, welche die Tatfahrzeuge an die Automaten-Sprenger vermietet haben sollen. Bei den Ermittlungen wurden Erkenntnisse aus den verschiedenen Bundesländern und den Niederlanden zusammengeführt und ausgewertet.

Konnte die Polizei Fluchtautos sicherstellen?

Unter anderem fanden die Ermittler bei den Durchsuchungen mehr als 80 Mobiltelefone, mehrere PCs und Tablets wie auch zahlreiche elektronische Datenträger. Alleine in einem durchsuchten Objekt in Recklinghausen befanden sich 35 Handys. Noch dazu stellten die Beamten einen Signalstörsender und gestohlene Kennzeichen sowie Kennzeichen-Duplikate in einem Objekt in den Niederlanden fest. Auch mutmaßliche Täterbekleidung sowie diverse Unterlagen und Ordner wurden sichergestellt. Bei einer Durchsuchung bei Helmond in den Niederlanden zogen die Einsatzkräfte zudem einen Audi S5 sowie ein Motorrad BMW GS im Wert von rund 40.000 Euro ein. Die Ermittler sprechen dabei von „Vermögensabschöpfung“.

Warum wurde die Polizeiaktion aus Osnabrück koordiniert?

Die Osnabrücker Beamten koordinierten die Aktion, weil sich die erste Sprengung in diesem Ermittlungskomplex in Bruchmühlen bei Melle ereignete, wie Polizeisprecher Ellermann ausführte. Ein Geldautomat der Sparkasse in Melle-Bruchmühlen war Ende Februar gesprengt worden. Drei dunkel gekleidete Männer waren mit einem PS-starken schwarzen Audi RS mit Coesfelder Kennzeichen geflohen. Die Polizei hatte die Verfolgung des Wagens aufgenommen und auf der A 1 zwischen dem Kreuz Lotte und der Anschlussstelle Osnabrück-Hafen gestoppt. Allerdings flohen die drei Täter anschließend zu Fuß weiter.

Warum werden Geldautomaten oft in der Grenzregion gesprengt?

Einer der Gründe ist die Nähe zu den Niederlanden. „Zwischen 60 und 80 Prozent der niedersächsischen und bundesweiten Geldautomaten-Sprengungen werden niederländisch-marokkanischen Gruppierungen aus dem Bereich Utrecht/Amsterdam zugerechnet“, sagte die Sprecherin des Landeskriminalamts (LKA), Antje Heilmann, unserer Redaktion. Die Banden würden in unterschiedlichen Zusammensetzungen für die Straftaten überwiegend mit hochmotorisierten Fahrzeugen nach Deutschland einreisen und danach wieder in die Niederlande zurückkehren.

Die niederländischen Behörden gehen von Tätergruppen aus, die mehrere Hundert Personen umfassen und in wechselnden Zusammensetzungen nach Deutschland fahren. Sie werden dem Bereich der Organisierten Kriminalität zugerechnet und agieren hochprofessionell.

Wie gehen die Banden vor?

Die Täter schlagen nachts überwiegend zwischen 1 und 5 Uhr zu; der Tatablauf dauert laut LKA selten länger als drei bis fünf Minuten. Das waghalsige Fluchtverhalten nach den Sprengungen ist nach Auffassung der Polizei von hoher krimineller Energie geprägt. Teilweise entfernten sich die Fahrzeuge, die oft mehr als 400 PS haben, mit Spitzengeschwindigkeiten von mehr als 250 Kilometern pro Stunde über die Autobahnen vom Tatort.

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