Missbrauch katholische Kirche  Bischof beurlaubt Münsteraner Dompropst

Ulrich Suffner
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Von Ulrich Suffner
| 29.06.2022 18:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Seit 2013 Propst im Dom zu Münster: Der gebürtige Cloppenburger Priester Kurt Schulte ist überraschend von Bischof Dr. Felix Genn beurlaubt worden. Foto: Thissen/DPA
Seit 2013 Propst im Dom zu Münster: Der gebürtige Cloppenburger Priester Kurt Schulte ist überraschend von Bischof Dr. Felix Genn beurlaubt worden. Foto: Thissen/DPA
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Der Münsteraner Dompropst Kurt Schulte ist vom Bischof beurlaubt worden. Auslöser ist ein Vorfall, der im neuen Missbrauchsgutachten eine verstörende Kultur der Doppelmoral im Priesterseminar zeigt.

Münster/Cloppenburg - Dramatische Entwicklung in Münster: Bischof Dr. Felix Genn hat am Freitag, 24. Juni, mit sofortiger Wirkung und bis auf weiteres Offizial und Dompropst Kurt Schulte von seinen Ämtern beurlaubt. Damit folgt der Bischof angeblich einem Wunsch Schultes, den dieser zuvor geäußert haben soll. Weitere Sanktionen habe der Bischof bisher nicht ausgesprochen, heißt es in einer Pressemitteilung.

Grund für die Beurlaubung sind Vorwürfe grenzüberschreitenden, unangemessenen Verhaltens des gebürtigen Cloppenburgers, der vor seiner Beförderung nach Münster im Jahr 2010 in Vechta und Dinklage als Pfarrer sowie in Lohne als Kaplan gearbeitet hatte. Schulte wird laut Bistumsmitteilung nun darauf verzichten, öffentliche Gottesdienste zu feiern, an Rechtsprechungen teilzunehmen oder anderen priesterlichen Tätigkeiten in der Öffentlichkeit nachzugehen. Der 57-jährige Priester ist bisher für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Auch eine Anfrage an die Bistumsleitung, eine Stellungnahme Schultes zu übermitteln, blieb bislang unbeantwortet.

Anzeigen gegen Dompropst

Nach Angaben des Bistums hat eine Person einen Vorfall angezeigt, der die Person selbst und Offizial Schulte betrifft. Zudem ist über das in der vergangenen Woche vom Bistum eingerichtete anonyme Meldeportal eine weitere Anzeige gegen den Dompropst eingegangen. Diese hat der Interventionsbeauftragte des Bistums Münster, Peter Frings, umgehend der Staatsanwaltschaft Münster zugeleitet. Das geschehe mit allen Meldungen, die über das Portal eingehen. Das Bistum will nun zunächst die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft abwarten. Weitere Angaben macht es mit Verweis auf das laufende Verfahren nicht.

Auslöser der jüngsten Entwicklung ist nach Informationen dieser Zeitung unter anderem ein Vorfall, der im neuen Gutachten der Universität Münster zu sexuellem Missbrauch von Priestern an Kindern und Jugendlichen auf den Seiten 386 und 387 geschildert wird. Das Gutachten war im Auftrag des Bischofs von fünf Wissenschaftlern erstellt und am Montag, 13. Juni, veröffentlicht worden.

Übergriff im Priesterseminar

In der besagten Textpassage wird ein unangemessener Übergriff eines Domkapitulars gegenüber einem Jurastudenten während einer Feier im Priesterseminar Borromaeum beschrieben. Bei diesem Domkapitular soll es sich nach Angaben eines Augenzeugen, der sich an diese Redaktion gewandt hat, um Dompropst Schulte gehandelt haben. Der Vorfall soll sich laut dieses Augenzeugen im Jahr 2016 abgespielt und zu Nachforschungen und zu einer Disziplinarmaßnahme der Bistumsleitung geführt haben.

„Die Wahrheit muss ans Licht“. Bischof Felix Genn lässt nun auch mögliche Fälle sexueller Übergriffe auf Erwachsene prüfen. Foto: DPA
„Die Wahrheit muss ans Licht“. Bischof Felix Genn lässt nun auch mögliche Fälle sexueller Übergriffe auf Erwachsene prüfen. Foto: DPA

Laut den Nachforschungen der Wissenschaftler haben damals Priesteramtskandidaten, Gäste, die Hausleitung des Borromaeum und kirchliche Würdenträger des Bistums an der Feier teilgenommen. Mehrere Priesteramtskandidaten wollen gesehen haben, dass der Domkapitular einem Studenten der Rechtswissenschaft in stark angetrunkenem Zustand deutlich zu nahe gekommen sei. Die Studie zitiert Zeugenaussagen, wonach „die Hand des Priesters, die dieser freundschaftlich um die Schulter des Jüngeren gelegt hatte, immer tiefer rutschte und schließlich in dessen Hosenbund ging; zum Abschied soll sich der Geistliche zudem durch einen Klaps auf das Gesäß seines Tischnachbarn verabschiedet haben“.

Es gibt Fotos vom Vorfall

In der Studie heißt es weiter, der Vorfall sei durch Fotos eines Priesteramtskandidaten dokumentiert und durch den Leiter des Priesterseminars dem Bischof gemeldet worden. Die Missbrauchskommission des Bistums habe den Vorfall daraufhin untersucht. Wegen des starken Alkoholkonsums am besagten Abend hätten aber sowohl der Beschuldigte als auch der Betroffene angegeben, sich nicht erinnern zu können, „wie weit die Hose des Betroffenen runtergerutscht und sich die Hand des Beschuldigten dem Gesäß des Betroffenen genähert habe“. Laut der Studie sollen Bischof und Domkapitel schließlich dem Geistlichen den Besuch im Priesterseminar verboten, ihn ansonsten aber in seinen Führungsfunktionen in der Bistumsleitung belassen haben.

Die Autoren der Studie kritisieren bei dem Vorfall die Inkonsequenz der Bistumsleitung. Diese habe offensichtlich weitere Übergriffe auf Priesterkandidaten befürchtet, bis auf das Besuchsverbot aber Disziplinarmaßnahmen unterlassen. Daraus hätten Seminaristen damals schließen müssen, dass die Personalverantwortlichen im Bistum Mitgliedern des „inner circle“ am Domplatz homosexuelle Avancen durchgehen ließen.

Homoerotik permanent im Fokus

Laut der neuen Missbrauchsstudie ist latente bis offene Homoerotik vieler Priesterseminare in den katholischen Bistümern „eine durch zahlreiche Erlebnisberichte bekannte Tatsache“. Das Problem sei dabei weniger die sexuelle Orientierung einzelner Personen als vielmehr die permanente Aufmerksamkeit für das Thema, kritisieren die Wissenschaftler, „das beständige Schielen nach den entsprechenden Anzeichen, die Zirkulation unterschwelliger Gerüchte und Andeutungen, sei es nun von homophiler oder homophober Seite“. Ein reflektierter Umgang mit der eigenen Sexualität – als ein Persönlichkeitsbereich neben anderen – könne da nur schwer gedeihen, lautet das besorgniserregende Fazit der Wissenschaftler.

Der Augenzeuge, der sich nach Veröffentlichung der Missbrauchsstudie bei dieser Zeitung gemeldet hatte, verweist darauf, dass sich Dompropst Schulte auch ihm gegenüber unangemessen verhalten habe. Der Dompropst sei „zu dem beschriebenen Anlass nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal aufgefallen“.

Dunkelfeld in kirchlichen Schulen

Dieser Betroffene, der der Redaktion namentlich bekannt ist, sagt, er sei einer „Lüge der Freundschaft“ des Dompropstes aufgesessen. Zu spät habe er gemerkt, in welche Richtung diese „Freundschaft“ gehe. Den Sachverhalt habe er nicht angezeigt, aus Angst, dieser Schritt könne „dem Priesterberuf im Wege stehen“. Er wisse auch von zwei weiteren Studenten, die sich ihm anvertraut hätten, „dass es Berührungen am Gesäß gegeben hat“.

Mit Blick auf die Ergebnisse der Missbrauchsstudie hat Bischof Genn in seiner jüngsten Stellungnahme angekündigt, in der Folge auch Fälle sexueller Übergriffe von Priestern auf Erwachsene untersuchen lassen zu wollen. Auch das Dunkelfeld in Ordensgemeinschaften, kirchlichen Internaten und Schulen soll aufgearbeitet werden. Bischof Genn wird eine von der Bistumsleitung unabhängig arbeitende Aufarbeitungskommission einrichten, in der auch Missbrauchsopfer mitarbeiten werden.

Kultur der Doppelmoral

In der Studie kritisieren die Wissenschaftler, „in der Enge des gemeinschaftlichen Lebens im Priesterseminar und seiner eigentümlichen Diskursordnung“ könne „leicht eine Kultur des Verdeckten, der Anspielungen, ja der Doppelmoral entstehen“. Die Wissenschaftler verweisen in diesem Zusammenhang auf Äußerungen von Pfarrer Stefan Jürgens, in früheren Priesterjahren in Vechta aktiv und heute Pfarrer in Ahaus. Er hat schon vor einigen Jahren in einem Buch seine Erlebnisse im Borromaeum Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre öffentlich gemacht.

Manche seiner Mitstudenten seien „regelmäßig übergriffig“ geworden, „zumindest verbal, um herauszufinden, wer von den Kommilitonen wohl ihrer eigenen sexuellen Neigung entsprach. Irgendwer schlich sich immer in irgendwelche Zimmer oder wollte mit irgendwem duschen. Mancher Heimatpfarrer besuchte und befummelte seinen ,Schützling‘, mancher hochrangige Geistliche schleppte Priesteramtskandidaten ab, darunter Ahnungslose und Karrierebewusste“.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Offiziell galt und gilt dagegen, wie der Vatikan zuletzt 2016 bekräftigt hat, dass „jene nicht für das Priesterseminar zugelassen“ werden können, „die Homosexualität praktizieren, tiefsitzende homosexuelle Tendenzen haben oder eine sogenannte homosexuelle Kultur unterstützen“. Daran hat bisher auch die Initiative #OutInChurch nichts geändert. Seit Anfang dieses Jahres weisen darin organisierte nicht heterosexuelle Kirchenmitarbeiterinnen und -mitarbeiter auf ihre innerkirchliche Diskriminierung hin.

Im Anschluss an die vom Bistum Münster angestoßenen staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen soll unmittelbar eine kirchenrechtliche Voruntersuchung durchgeführt werden. Bis zu deren Abschluss bleibt Kurt Schulte beurlaubt.

An der Spitze des Domkapitels

Als Dompropst steht Kurt Schulte an der Spitze des Münsteraner Domkapitels. Dieses ist vor allem für die Feier der Gottesdienste im St.-Paulus-Dom zuständig. Das Domkapitel wählt zudem den Bischof. Als Offizial leitet Kurt Schulte das Offizialat, das Münsteraner Kirchengericht. Der Schwerpunkt der Tätigkeit des Offizialats liegt auf der Durchführung der Verfahren zur Auflösung kirchlich geschlossener Ehen.

Als Offizial leitete Kurt Schulte das Offizialat, das Münsteraner Kirchengericht. Der Schwerpunkt der Tätigkeit des Offizialats liegt auf der Durchführung der Verfahren zur Auflösung kirchlich geschlossener Ehen. Foto: DPA
Als Offizial leitete Kurt Schulte das Offizialat, das Münsteraner Kirchengericht. Der Schwerpunkt der Tätigkeit des Offizialats liegt auf der Durchführung der Verfahren zur Auflösung kirchlich geschlossener Ehen. Foto: DPA

Kurt Schulte ist seit 2010 Offizial und seit 2013 Dompropst. Kommissarisch leitet das Offizialat nun Vizeoffizial Pfarrer Heinz Erdbürger; die vorübergehende Leitung des Domkapitels liegt bei Domdechant Weihbischof Dr. Christoph Hegge.

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