Mecklenburg-Vorpommern Christian Drosten auf Campingplatz in MV beschimpft - Betreiber kündigen Konsequenzen an
Dem bekannten Virologen wurden beim Camping am Ellbogensee Worte wie „Massenmörder“ an den Kopf geworfen. Er erstattete Anzeige. Die drei Pöbler stammen nicht aus MV. Es könnte ihr letzter Urlaub auf dem Platz gewesen sein.
Der bekannte Virologe Christian Drosten dürfte einiges an Anfeindungen gewöhnt sein. Doch jetzt wurde er offenbar auch während seines Familienurlaubes an der Mecklenburgischen Seenplatte heftig beschimpft. Auf einem Campingplatz südlich der Müritz attackierten ihn offenbar am Wochenende drei Dauercamper mit den Worten „Massenmörder“ und „Transhumanist“. Und er hätte „Kinder auf dem Gewissen“.
Die Region um den Ellbogensee südlich der Müritz an der Grenze zu Brandenburg lockt Wanderer, Camper und Radurlauber mit idyllischer Natur. „Sonne, Waldcamping, entspannte Leute“, heißt es in einer Urlaubsrezension. Virologe Drosten machte in der Region dagegen unschöne Erfahrungen mit einigen Camping-Gästen, die alles andere als entspannt auftraten und ihn auf dem Platz beschimpften. Er erstatte Anzeige bei der Polizei.
Wie die Polizeiinspektion Neubrandenburg mitteilte, habe Drosten drei Dauercamper – zwei Frauen und einen Mann – wegen Verleumdung angezeigt.
Das Pöbel-Trio soll den Virologen auf dem Campingplatz laut Online-Portal „Wir sind Müritzer“ unter anderem als „Massenmörder“ und „Transhumanist“ wüst beschimpft und ihm vorgeworfen haben,„Kinder auf dem Gewissen zu haben“. Die Polizeisprecherin wollte zu den konkreten Äußerungen mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen keine weiteren Angaben machen. „Um mögliche Zeugen nicht zu beeinflussen.“
Ein Funkstreifenwagen wurde laut Polizei am Samstagabend auf den Zeltplatz geschickt. „Die Beamten haben die Personalien der Beteiligten und den Sachverhalt aufgenommen“, so die Polizeisprecherin. Ein weiteres Eingreifen der Ordnungshüter sei nicht erforderlich gewesen.
Das Campingplatz-Team drückte am Nachmittag in einer Stellungnahme sein Bedauern über den Vorfall aus und kündigte ernsthafte Konsequenzen für die drei Störer an. „Mit großer Bestürzung mussten wir zur Kenntnis nehmen, dass es auf unserem Campingplatz offenbar zu massiven verbalen Anfeindungen gegen Herrn Drosten gekommen ist“, heißt es in der Stellungnahme. Und weiter: „Wir haben Herrn Drosten unser tiefstes Bedauern ausgedrückt und versuchen, mit ihm in Kontakt zu treten.“
Sollten sich die Vorwürfe gegen die Beschuldigten bestätigen, würden sie unverzüglich ein dauerhaftes Hausverbot erhalten. „Wir distanzieren uns in aller Form gegen jede Art der Menschenfeindlichkeit, Intoleranz und Diskriminierung“, teilte das Campingplatz-Team weiter mit. Die Anlage sei weltoffen, multikulturell und lebe von der Vielfalt der friedlichen Besucher.
Die Ermittlungen gegen die drei Dauercamper hat die Kriminalpolizei in Neustrelitz übernommen. Die Beschuldigten stammen nach bisherigen Erkenntnissen der Polizei nicht aus Mecklenburg-Vorpommern. Die zwei Frauen und der Mann kommen demnach aus der Region Berlin. Drosten sei inzwischen abgereist. „Planmäßig“, teilte die Polizei dazu weiter mit.
Der Verband der Campingwirtschaft (BVCD) in Mecklenburg-Vorpommern entschuldigte sich nach Bekanntwerden der Ereignisse bei dem Virologen für das Verhalten „dieser Dauercamper.“ Die Mitglieder bedauerten nachdrücklich, dass Herr Drosten eine solch negative Erfahrung auf einem Campingplatz in unserem Bundesland machen musste, teilte der Branchenverband mit. Der BVCD in MV schätzte die von Drosten geleistete Arbeit zur Bekämpfung der Corona-Pandemie.
In den sozialen Medien und Kommentarspalten löste der Vorfall am Mittwoch eifrige Diskussionen aus. Die Reaktionen reichten von Solidaritätsbekundungen für Drosten und Kopfschütteln über das Benehmen der drei Camper bis zu hin zu weiteren Anfeindungen und abschätzigen Bemerkungen über den Virologen.
„Respekt und Anstand scheinen in unserer Gesellschaft immer mehr abhanden zu kommen, wirklich zum fremdschämen“, äußerte sich ein Kommentator auf „Wir sind Müritzer.“ Andere Forenmitglieder finden den Übergriff auf Drosten offensichtlich völlig in Ordnung: „Geschieht ihm Recht! Er hat Deutschland zusammen mit spahn und jetzt klabauerterbach in einer unangebrachte dauer Panik versetzt...“
Auch wenn die Pöbler gar nicht aus Mecklenburg-Vorpommern kamen, tauchten in den Reaktionen auf den Vorfall auch Statements auf, keinen Urlaub in MV mehr machen zu wollen.
Der Geschäftsführer des Tourismusverbandes in Mecklenburg-Vorpommern, Tobias Woitendorf, bedauerte und verurteilte den verbalen Übergriff auf den Virologen. „Man wünscht sich natürlich andere Nachrichten aus einem Urlaubsland“, so Woitendorf. Das Verhalten der drei Beschuldigten sein ein Kennzeichen für die aufgeladene Situation in der Gesellschaft und zeige deutlich, dass manche Menschen den akzeptablen Rahmen verlassen haben.
Der Tourismusexperte hofft nun, dass der Ruf von MV als Urlaubsregion mit rund 11 Millionen Gästen durch diesen Vorfall nicht nachhaltig beeinträchtigt werde.
Drosten erlangte als Experte im Zuge der Corona-Pandemie deutschlandweite Bekanntheit. Er sah sich immer wieder mit Anfeindungen konfrontiert, etwa von Kritikern von Impfungen und anderen Corona-Schutzmaßnahmen.
Eine Polizeisprecherin bestätigte gegenüber unserer Redaktion, dass Drosten die Polizei gerufen und eine Anzeige wegen Verleumdung erstattet hat. Derzeit läuft ein Ermittlungsverfahren, Zeugen werden befragt. Der Wissenschaftler soll inzwischen wieder abgereist sein.
Der Virologe hatte bereits im Mai 2020 geschildert, dass Hassnachrichten für ihn inzwischen Alltag seien, heißt es in einem Beitrag des SPIEGEL mit Verweis auf Interview mit dem Magazin. Drosten wird mit der Aussage zitiert: Derartige Botschaften seien „zur Normalität geworden, oft handelt es sich um völlig irre Texte voller Rechtschreibfehler, manche Schreiberlinge sind einfach nur bemitleidenswert, andere hoch narzisstisch, maliziös und manipulativ.“ Und wie sich jetzt zeigte, schrecken diese Leute nicht einmal davor zurück, den Virologen im Urlaub persönlich anzugehen.
Am Mittwochnachmittag schrieb Drosten bei Twitter, dass er Urlaub „immer und jederzeit in MeckPomm.“ machen würde. „Ich bin ja schließlich Norddeutscher, und es ist einfach gut da!“ Drosten wurde in Lingen im Emsland geboren. Mit seinem Tweet antwortete er auf einen Beitrag des Wetterexperten Jörg Kachelmann. Dieser hatte Drosten Respekt gezollt für „den Ansatz, auf einem Zeltplatz in Mecklenburg-Vorpommern Urlaub zu machen“. Drosten schrieb daraufhin auch: „Na ja, wir haben halt ’ne Nacht am See gezeltet, leider kein Urlaub. Deswegen auch keine vorzeitige Abreise oder dergleichen.“