Kolumne: Artikel 1, GG  Ich bin nicht „weiß gewaschen“

Canan Topçu
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Eine Kolumne von Canan Topçu
| 29.06.2022 09:12 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Canan Topçu
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Mittwochs geht es in unserer Kolumne immer um unterschiedliche Kulturen. Diesmal wurde unsere Kolumnistin heftig kritisiert.

Für meine Kritik an dem Vorschlag, Ferda Ataman zur Leiterin der Antidiskriminierungsstelle zu machen, habe ich etliche Kritik erhalten. Weil ich als Migrantin die Personalia nicht befürworte und jemanden, der/die das Vertrauen einer größeren Bevölkerungsgruppe hat, sinnvoller erachte, wurde ich wieder mal „als weiß gewaschen“ beschimpft; auch wurde mir „Anbiederung an weiße, privilegierte konservative Deutsche“ attestiert. Solche Zuschreibungen kommen meist von einer bestimmten Gruppe von Menschen und verdeutlichen ihr Denkmuster: die Trennlinie der Gesellschaft ist zwischen Herkunftsdeutschen und Migranten, zwischen „Weißen“ und Nicht-Weißen als Benachteiligte.

Zur Person

Canan Topçu (56) ist als Tochter türkischer Arbeitsmigranten in Hannover aufgewachsen. Nach der Ausbildung bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wechselte die Journalistin zur Frankfurter Rundschau. Seit 2012 ist die Hanauerin freiberuflich als Autorin sowie als Referentin und Dozentin tätig.

In den identitätspolitischen Debatten werden die, die nach diesen Denkmustern argumentieren, als die „Woken“ bezeichnet. Woke wie erwacht: Der aus dem US-amerikanischen Diskurs übernommene Begriff bezieht sich auf Menschen, die sich ihres privilegierten Status bewusst sind – wie auch des Rassismus und der mangelnden sozialen Gerechtigkeit. Verwendet wird „woke“ meist im verächtlichen Sinne und insbesondere für autochthone Deutsche, also für die ohne Migrationsbezug.

Das sich an der „Critical Race Theory“ und Postkolonialismus orientierende Engagement für Gerechtigkeit hat aber einige Haken. „Weiß“ wird mal als Hautfarbe, mal als sozialer Status verwendet, also weiß gleich privilegiert. Und wer Herkunftsdeutscher ist und helle Haut hat, so die Annahme, wird in diesem Land bevorzugt.

Für den Schutz von Minderheiten und für gleiche Rechte einzutreten, Ungleichbehandlung zu thematisieren und sich für Chancengerechtigkeit zu engagieren ist wichtig und richtig. Nicht Okay ist es aber, Menschen wie mich, die darauf hinweisen, dass sich in diesem Land die Ungleichbehandlung und Benachteiligung nicht allein an Hautfarbe und Migrationshintergrund festmachen lassen, als „weiß gewaschen“ zu beschimpfen und ihnen Anbiederung zu unterstellen.

Kontakt: kolumne@zgo.de

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