Rüspel Nach dem Masken-Ärger: Zu Besuch im Altmetall-Utopia Kliemannsland
Sein Leben zerstört, zehn Jahre Arbeit kaputt. Fynn Kliemann ist wütend und dennoch fest entschlossen. Sein Kliemannsland in Niedersachsen will der nach reichlich Ärger um Corona-Masken in die Kritik geratene Influencer retten. Zu Besuch an einem Ort, an dem angeblich jeder sein darf, wie er will.
Im Auge des Orkans, so heißt es landläufig, sei es am ruhigsten. So ganz will das an diesem sonnigen Samstagvormittag in Rüspel nicht stimmen. Das Knattern von Mofamotoren liegt über dem Gelände. Jungs, die eigentlich Männer sind, fahren auf kleinen motorisierten Zweirädern um die Wette. Im Hintergrund dringt schiefer Gesang aus Lautsprechern. „Fynn Kliemann… mein Idol”, rappt jemand ins Mikro und bricht lachend ab.
Das hier ist also das Kliemannsland. Ein Ort, so lautet das Versprechen, an dem jeder machen soll, was er will: Mopedfahren, musizieren, schaukeln und so weiter. Ein Ort, an dem jeder sein darf, was er will - außer erwachsen. Ein Utopia mit viel Altmetall irgendwo nordöstlich von Bremen unweit der A1. Geschaffen von „fantasiegeladenen Knallköppen“, die „fluxe Ideen“ in „die coolsten Projekte“ verwandeln, wie es auf der Webseite heißt.
Im Handelsregister klingt das etwas nüchterner: Das Kliemannsland ist eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Unternehmenszweck: Die Produktion von aller Art von Filmen, die Vermietung von Räumlichkeiten und die Durchführung von Events. Auch vermeintliche Sehnsuchtsorte müssen eben Geld verdienen.
Gründungsvater ist Namensgeber, Multiunternehmer und Tollpatsch-Influencer Fynn Kliemann, 34 Jahre alt. Gründungsort: ein alter Hof im Örtchen Rüspel, 1995 Bundessieger beim Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden”. Einen Sportverein, eine Freiwillige Feuerwehr, zwei Reitvereine, einen Moorschnuckenverein und einen Schützenverein gibt es hier. Und seit 2016 eben auch das Kliemannsland.
Bekannt wurde die Einrichtung auf einem ehemaligen Hof durch die gleichnamige für den NDR produzierte Internet-Serie. Dokumentiert wurden die hemdsärmeligen Heimwerker-Bemühungen von Fynn Kliemann. Er gehört zum Kreis der sogenannten Influencer; Menschen, die ihre Reichweite im Netz mal kommerziell, mal für den guten Zweck nutzen.
Hunderttausende sahen seine Clips im Internet. Doch so schnell wie das Internet Berühmtheiten schafft, so gnadenlos vernichtet es diese auch wieder. Kliemann befindet sich gerade in dieser Abwärtsspirale, nachdem das „ZDF Magazin Royale“ um Jan Böhmermann Ungereimtheiten bei Maskengeschäften aufdeckte. Die Staatsanwaltschaft in Stade ermittelt.
Darüber hinaus gibt es ein ganzes Sammelsurium an berechtigten Vorwürfen, unbewiesenen Anschuldigungen und falschen Verdächtigungen gegen den Unternehmer. Kliemann versprach zunächst Aufklärung und zeigte Reue, um dann in einem Wutvideo kundzutun, dass es „jetzt aber auch gut“ sei. Er kritisierte die Presse, insbesondere den öffentlich rechtlichen Rundfunk, „Teile einer linken woken Szene” und beklagte die Treibjagd gegen seine Person.
Außerdem nutzte er seinen Instagram-Auftritt, um für das Kliemannsland in die Bresche zu springen. „Hier werden Leute, die für sich und dich entschieden haben, sich selbst zu verwirklichen, für mich in Sippenhaft genommen und das ist falsch. Was hat das „Kliemannsland“ damit zu tun? Nichts“, beklagte er.
Tatsächlich geriet das Unternehmen mit hinein in den Abwärtsstrudel und sieht sich mittlerweile in seiner Existenz bedroht. Viva Con Aqua, Berentzen, EWE und weitere Unternehmen kündigten die Zusammenarbeit. Mit dem Namen Kliemann, so scheint es, will niemand mehr in Verbindung gebracht werden. Die, die einst die Nähe suchten, gehen auf Distanz.
Mit Folgen für das Unternehmen und seine Angestellten: Ein großes Mofa-Rennen wurde beispielsweise gecancelt. Ein geplantes Musikfestival auf dem Gelände ebenso. Nach den Enthüllungen im ZDF wurden wohl so viele bereits gekaufte Tickets zurückgegeben, dass das Kliemannsland komplett absagte.
In einem ebenso aufwendig produzierten wie rührseligen Video mit dem Titel „Das Kliemannsland hat sich von Fynn Kliemann distanziert“ dokumentierten die Angestellten diesen Niedergang - und warben für eben jenen Tag der offenen Tür an diesem Samstag Ende Juni. „Kommt her und seid, wer ihr wollt”, lautete die Botschaft an die Internetgemeinde.
Doch die Freiheit endet am Eingang. Zumindest für Journalisten. Die bekommen so etwas wie Eintrittsvoraussetzungen in Zettelform in die Hand gedrückt: Regeln für das Zitieren von Mitarbeitern und das Fotografieren auf dem Gelände.
Ungewöhnlich ist das nicht. Wer das Hausrecht hat, hat schließlich das Sagen. Und viele kommerzielle Veranstalter machen davon rege Gebrauch, um die Hoheit über die Bilder und Geschichten zu behalten, die erzählt werden sollen und dürfen. Das gilt auch für das Kliemannsland, dessen Mitarbeiter selbst alles fleißig dokumentieren an diesem Tag.
Aus allen Teilen Deutschlands, aber vor allem aus dem Norden sind die Besucher angereist. Auf dem Parkplatz stehen ein Tesla, tiefergelegte BMW, und viele Bullis. Mit Kinderwagen und Kameras schlendern die Gäste über das Gelände, kaufen vegane Wurst und trinken eisgekühlte Holunder-Latte.
Fynn Kliemann, der sei „einfach nur cool, menschlich, tollpatschig und nicht abgehoben“, finden Jörg und Carmen aus dem Emsland, die mit Jack Russel Terrier Bommel das erste Mal zu Besuch im Kliemannsland sind. Seit mehreren Jahren verfolgen sie das, was auf dem Kreativhof passiert. Jetzt sind sie endlich selbst Teil von diesem „Spielplatz für Erwachsene“, wie Carmen ihn nennt. „Hier kann man tun und lassen, was man will. Schaukeln, Klettern, einfach mal seine Grenzen austesten.“
Wie viele hier sind, weil sie an die Botschaft von Fynn Kliemann glauben und wie viele einfach nur mal schauen wollten, wie ein Unternehmen aussieht, das um seine Existenz kämpft, ist unklar. Der Namensgeber ist am Vormittag zumindest nicht zu entdecken. Nur sehr viele Männer, die ihm sehr ähnlich sehen: Käppi auf dem Kopf, Dreitagebart im Gesicht und ein buntes Hemd am Körper.
Das gut drei Hektar große Gelände gleicht einem Freiluft-Museum, das dem Kreativgeist des Gründervaters gewidmet ist. Überall stehen zusammengeschraubte Objekte, die aus den Internetvideos bekannt sind. Die Besucher lassen sich vor den Altmetall-Kreationen fotografieren, sausen mit der Zipline über einen Teich oder fahren im Rollstuhl durch die Gegend. Hier, im Kliemannsland, ist sich jeder selbst genug.
Auch die 24-Jährige Lisa aus Nienburg bekommt zwischen Wasserbomben-Schlacht und Bogenschießen offenbar das Gefühl, dass das Kliemannsland hält, was es verspricht. „Man kann hier so sein, wie man will“, sagt sie und es ist nicht ganz klar, ob es ihre eigenen Worte oder die des emotionalen Influencers Fynn Kliemann sind. Freund Tibor fügt hinzu, man wolle nicht, dass das Kliemannsland ausstirbt und sei heute hier, um ein bisschen zu unterstützen.
Denn - wie erwähnt - auch Sehnsuchtsorte müssen Geld verdienen. In einem Shop am Ausgang des Geländes werden verschiedene Produkte angeboten. Darunter Klamotten von der Modemarke „ODERSO“ aus dem weitverzweigten Kliemann-Imperium. „Von echten Menschen in Portugal gefertigt. Das keine Massenware. Das so speziell und einzigartig wie Du”, steht im Etikett. Kaufpreis irgendetwas über 70 Euro.
Nebenan, in einem Festsaal auf dem Gelände, feiert der Schützenverein von Rüspel gerade Schützenfest. Grün-weiße Uniformen, Bier. Seit 101 Jahren gibt es den Verein schon.
Ob das Kliemannsland auch einmal derartige Jubiläen feiern wird? Einige der Besucher wünschen sich das. „We love you Kliemannsland“ und „Viel Glück“ schreiben sie in bunten Farben auf eine weiße Wand und malen Herzen dazu.
Nicht alle haben den Glauben an das verloren, wofür das Kliemannsland stehen will. Im selbst verfassten „Manifest der Freiheit“ heißt es, das Kliemannsland stehe für unbegrenzte Möglichkeiten. „Unser Treibstoff ist ein Cocktail aus Ideen, Fantasie und Energie.“ Aber ohne Geld geht es dann eben doch nicht.