Hamburg  Nach Oben-ohne-Forderung: SPD-Politikerin bekommt sexistische Nachrichten

Ankea Janßen
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Von Ankea Janßen
| 25.06.2022 10:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Bezirksabgeordnete Paulina Reineke-Rügge von der SPD Eimsbüttel sorgt mit ihrer Oben-ohne-Forderung in Hamburgs Freibädern für Aufsehen. Foto: SPD Eimsbüttel/Manuel Preuten
Die Bezirksabgeordnete Paulina Reineke-Rügge von der SPD Eimsbüttel sorgt mit ihrer Oben-ohne-Forderung in Hamburgs Freibädern für Aufsehen. Foto: SPD Eimsbüttel/Manuel Preuten
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Auch Frauen sollen in Hamburgs Schwimmbädern ohne Bikini-Oberteil baden dürfen, fordert Paulina Reineke-Rügge. Im Interview spricht die SPD-Politikerin über die Reaktionen, die ihr Vorstoß ausgelöst hat.

Geht es nach Paulina Reineke-Rügge, sollen alle Badegäste Hamburgs Schwimmbäder oben ohne besuchen dürfen. Mit ihrer Forderung stößt die Bezirksabgeordnete der SPD Eimsbüttel eine Debatte über Geschlechtergerechtigkeit an.

Frage: Frau Reineke-Rügge, warum setzen Sie sich dafür ein, dass Frauen und nicht-binäre Personen das Schwimmbad ohne Oberteil besuchen können?

Antwort: Anstoß der Forderung war der Vorfall in Göttingen. Dort wurde eine nicht-binäre Person des Schwimmbads verwiesen, weil sie kein Oberteil trug. Das war besonders abstrus, weil die Person sich nicht mal als weiblich identifiziert. Wir, die SPD Eimsbüttel, haben dann festgestellt, dass auch hier in Hamburg die Regelungen sehr unklar sind. Wir sind der Meinung, dass die Unterscheidung von der männlichen und weiblichen Brust und die Sexualisierung vom weiblichen Körper und der weiblichen Brust veraltet ist. Frauen und nicht-binäre Personen sollten die gleichen Freiheiten haben wie ein Mann.

Frage: Ihr Vorstoß ist medial auf große Aufmerksamkeit getroffen. Welche Reaktionen haben Sie erreicht, seit sie mit der Oben-ohne-Forderung in der Öffentlichkeit stehen?

Antwort: Von den ernstzunehmenden und wichtigen Organisationen waren es positive Rückmeldungen. Zum Beispiel vom Landesrat der Frauen, der sich ebenfalls dafür ausgesprochen hat. Auch in meinem persönlichen Umfeld waren es eher positive Rückmeldungen.

Frage: Aber es gab auch negative?

Antwort: Ja, womit ich gerechnet habe und was auch kam ,waren schwierige Nachrichten wie „Dann zieh dich doch mal aus“ oder „Wo kann ich dich denn anschauen?“ So etwas hat mich per Mail, Instagram oder Twitter erreicht.

Frage: Wie gehen Sie mit solchen Nachrichten um?

Antwort: Die meisten ignoriere ich. Auf Fragen oder Anmerkungen und berechtigte Kritik gehe ich ein. Einige Beleidigungen haben wir zur Anzeige gebracht. Es gab auch eine Person, die sich gemeldet hat, um Pressefotos von mir zu machen. Ich ging zunächst auf das Angebot ein und kurz vor dem Treffen kam die Frage, ob es „topless“ (oben ohne, Anmerkung der Redaktion) sein dürfe oder prüde sein muss.

Frage: Haben Sie mit diesem Ausmaß gerechnet?

Antwort: Nein, damit habe ich nicht gerechnet. Natürlich denke ich bei vielen Nachrichten: Was für Idioten. Manche Menschen sind auch wütend auf mich und sagen, ich wäre schuld daran, wenn Männer künftig Frauen angrabschen.

Frage: Kritiker eines Oben-ohne-Gebots verweisen aktuell auf die Massenschlägerei in einem Berliner Freibad, oder darauf, dass drei 12-jährige Mädchen in einem Freibad in Bayern sexuell belästigt wurden. Der Tenor: Mehr Nacktheit würde zu noch mehr Übergriffen führen. Was sagen Sie dazu?

Antwort: Das führt dazu, dass ich meine Forderung noch mehr vertrete. Denn sobald eine Frau belästigt wird, kommt die Frage: „Was hatte sie an?“ Das Bikini-Oberteil hat bisher niemanden vor Angriffen oder Übergriffen geschützt. Das Problem, das wir haben und sehen, sind Männer und Täter. Die Folge kann doch nicht sein, zu überlegen, wie Frauen sich durch ihre Kleidung und ihr Verhalten besser schützen können und ihnen die Verantwortung zu geben, aktiv zu werden. Das halte ich für den falschen Weg.

Frage: Auch der Bäderland-Sprecher äußerte sich wie folgt: „Je mehr Freizügigkeit, desto mehr Angriffsfläche.“

Antwort: Allein den weiblichen Körper als Angriffsfläche zu bezeichnen halte ich für schwierig. Nacktheit betrifft außerdem wieder nur die weibliche Brust und nicht die männliche. Ich würde mir wünschen, dass da nicht unterschieden wird.

Frage: Wie muss unsere Gesellschaft Ihrer Meinung nach künftig mit Frauen- und Männerkörpern umgehen?

Antwort: Ich glaube, wenn es normal wäre, dass Frauen sich oben ohne zeigen, würde viel weniger Aufruhr entstehen. Normalisierung von Körpern im Allgemeinen würde dazu führen, dass weniger Übergriffe passieren, weil jemand nackt ist.

Frage: In Göttingen läuft die Oben-ohne-Testphase noch bis August, danach soll die Regel offenbar bestehen bleiben. In einem Interview sagte Schwimmbad-Geschäftsführer Andreas Gruber: „Es gibt Städte, wo ein Bewusstsein dafür da ist, und es gibt Städte, wo so ein Bewusstsein überhaupt noch gar nicht geschaffen worden ist.“ Ist Hamburg bereit für das oben-ohne-Gebot?

Antwort: Hamburg ist eine sehr offene Stadt. Natürlich gelten wir Hanseatinnen und Hanseaten eher als zurückhaltend und etwas konservativer. Hier gibt es aber relativ wenig Anfeindungen im Vergleich zu anderen Städten was Nacktheit anbelangt. Also ja: Hamburg ist definitiv bereit.

Am 30. Juni wird über den Oben-ohne-Antrag in der Bezirksversammlung entschieden.

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