Lesung in Leer  Was ist Heimat? „Der Ort, an den ich immer zurückkehren muss“

Karin Eden
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Von Karin Eden
| 24.06.2022 20:14 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Bevor die Lesung beginnt, schenkt Autor Jan Brandt seiner Kollegin Sylvie Gühmann erstmal Tee ein. Im Hintergrund sitzt Brandts Vater Anton. Foto: Karin Eden
Bevor die Lesung beginnt, schenkt Autor Jan Brandt seiner Kollegin Sylvie Gühmann erstmal Tee ein. Im Hintergrund sitzt Brandts Vater Anton. Foto: Karin Eden
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Sylvie Gühmann und Jan Brandt gaben eine Lesung in Leer. Die beiden jungen Ostfriesen setzen sich mit der Heimat in ihren Büchern auseinander.

Leer - „Zwei Exil-Ostfriesen auf Heimatbesuch in Leer“ war das Motto einer Lesung von Jan Brandt und Sylvie Gühmann. Für die nötige ostfriesisch-heimelige Atmosphäre rahmten altmodische Stehlampen die beiden ein, auf den Tischen standen Teetassen, Kluntje und Teekanne auf Stövchen bereit, für die passende Musik im Leeraner Zollhaus sorgte das Trio „Mare“, in dem Jan Brandts 94-jähriger Vater Anton Mundharmonika spielt.

Was bedeutet Heimat für die beiden aus Ostfriesland stammenden Autoren, die hier nicht mehr zu Hause sind? Der 1974 in Leer geborene und in Ihrhove aufgewachsene Brandt lebt seit langem in Berlin, die Leeranerin Gühmann, die gerade ihr Buch „Die junge Frau und das Meer“ veröffentlicht hat, seit ein paar Jahren in Hamburg. „Hamburg ist für mich ein bisschen wie Ostfriesland in groß“, sagte sie. „Die Stadt liegt am Wasser, ‚moin‘ kann man da auch sagen und das Wetter ist auch immer schlecht.“

Freier Blick in den Himmel fehlt

Ostfriesland bleibe aber immer ihre Heimat, „der Ort, an den ich immer zurückkehren muss“. In der Großstadt fehle ihr die Weite, der freie Blick in den Himmel. Die Anonymität in ihrem Wohnblock erfuhr die 27-Jährige sehr konkret: Tagelang lag eine Bewohnerin tot in ihrer Wohnung, bis Gühmann schließlich die Verwaltung informierte, da sich der Verwesungsgeruch im Haus ausgebreitet hatte. „Wenn in Ostfriesland einmal die Rollläden beim Nachbarn nicht hochgehen, wird das sofort bemerkt.“ Jeder kennt jeden, das habe Vor- und Nachteile. In Hamburg seien viele ihrer Freunde Ostfriesen.

Die regionalen Wurzeln schweißen offensichtlich zusammen. Auch Jan Brandt hat in Berlin Freunde aus Ostfriesland, mit denen er gerne das Teetrinken zelebriert, auch wenn der Tee aufgrund des kalkhaltigen Wassers außerhalb von Ostfriesland „immer sehr enttäuschend ist“. Für ihn mache die Hausgemeinschaft das Heimatgefühl aus. Zehn Jahre lebte er in Kreuzberg, dann zog er – nach zwölfmonatiger Wohnungssuche, über die er in seinem aktuellen Buch „Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt“ berichtet – nach Schöneberg. „Da habe ich meine Kreuzberger Nachbarschaft zurück gelassen, die für mich ein Stück Heimat in der Fremde war.“

Heimat durch Familie definiert

Auch für ihn ist Ostfriesland immer noch seine Heimat. Seit dem Tod seiner Mutter vor anderthalb Jahren war er auch sehr viel in Ihrhove, um sich um seinen Vater zu kümmern, der noch dort lebt. Aber auch davor gab es immer wieder Anlässe, zurück zu kehren, „Familienfeiern, Klassentreffen, Weihnachten, Ostern, Party im Limit . . .“ Berlin fühle sich auch ganz anders an: „Ich bin da nicht aufgewachsen, habe keine Familie, es bleibt alles ein bisschen provisorisch, und das Gefühl, dass ich auch jederzeit wieder weggehen könnte, ohne dass sich viel verändert.“

In Ostfriesland sei Heimat durch die Familie definiert, in Berlin durch die Freunde. „Aber man muss auch viel investieren, um diese Bindungen aufrecht zu halten, sich verabreden, was bei den Entfernungen in Berlin gar nicht so leicht ist.“ Für den 94-Jährigen Anton Brandt stellt sich die Frage, was für ihn Heimat ist, gar nicht. Er lebte immer in Ihrhove, sang 50 Jahre lang im Männergesangverein, hatte ein Textilgeschäft – „aber das Dorfleben hat sich enorm verändert“, stellte er fest. Seit 1994 lebt er in „der Siedlung“, wo er ein Haus baute. „Da pflegen wir unsere Nachbarschaft, treffen uns zu Geburtstagen und jeder kann sich auf den anderen verlassen.“

Die Nachbarschaft des Seniors war auch im Zollhaus und viele Freunde des Juniors reisten aus Nah und Fern für diesen Abend nach Leer. Über diese Verbundenheit freute sich Jan Brandt während der Lesung. Unter den Gästen war auch der gebürtige Ihrhover Carl Carlton (Karl Walter Ahlerich Buskohl), der seit Jahrzehnten als Gitarrist mit diversen Bands und als Solist die Welt bereist. Für Jan Brandt kam er nach Leer: „Ich war gerade bei meiner Familie in Münster, da bot sich das an.“

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