Schockanruf in Moormerland Wie Frau Pahl die Betrüger überlistete
Elisabeth Pahl ist von Telefonbetrügern angerufen worden. Die Täter kreierten ein Szenario des Schreckens.
Oldersum - Elisabeth Pahl lässt sich nicht leicht unterkriegen. Schon einigen Betrügern hat die Moormerländerin eigenen Angaben nach die Meinung am Telefon gegeigt. Vermeintliche Gewinnspiele hat sie ignoriert und auch angebliche Anwälte, die Geld von ihr forderten, blaffte sie an.
Was und warum
Darum geht es: Elisabeth Pahl aus Oldersum ist Opfer eines Schockanrufs geworden. Sie durchschaut den Versuch früh genug und beschreibt das Vorgehen der Täter.
Vor allem interessant für: Menschen, die wissen möchten, wie Schockanrufe ablaufen und sich davor schützen möchten.
Deshalb berichten wir: Elisabeth Pahl hat sich bei uns gemeldet, weil sie ihre Geschichte gern als Warnung für andere erzählen möchte. Die Autorin erreichen Sie unter: n.nording@zgo.de
Doch nun sitzt die taffe 75-Jährige sehr verunsichert an ihrem Esstisch. Neben ihr sitzt ihr Mann Gerd. Elisabeth Pahl wurde in der vergangenen Woche Opfer eines sogenannten Schockanrufs. „Ich habe immer gedacht: Wie kann man auf so etwas reinfallen?“, sagt sie. Doch nun, wo sie es erlebt habe, habe sie ihre Meinung darüber geändert. „Die Betrüger sind sehr heimtückisch.“ Sie möchte nun, dass andere, potenzielle Opfer gewarnt werden und deswegen ihre Geschichte erzählen.
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Weinende Frau klingt wie Tochter
Am Dienstagnachmittag klingelte das Telefon. Es war 16.11 Uhr, das weiß Elisabeth Pahl noch sehr genau. „Ich habe nicht aufs Telefon geschaut. Ich weiß nicht, warum. Sonst wäre ich gar nicht rangegangen“, sagt sie. Auf dem Display wird keine Nummer angezeigt. Die Oldersumerin hört durch den Telefonhörer eine Frauenstimme lauthals weinen. „Mama“, ruft die Frau. „Es ist was passiert“. Elisabeth Pahl hat zwei Töchter. Sie schließt sofort aus den Schreien heraus, dass es ihre Tochter Monika sein muss. „Monika?“, fragt die 75-Jährige. Die Frau am Telefon reagiert kaum. Sie weint weiter und schreit undeutlich in den Hörer, dass sie nun an die Polizei übergibt. Elisabeth Pahl ist komplett außer sich. „Was ist mit meinem Kind?“, schießt ihr sofort durch den Kopf. Sie ist sich sicher, am anderen Ende der Leitung ist ihre Tochter Monika und ihr ist etwas passiert. In wenigen Sekunden ist sie wie elektrisiert, sie zittert am ganzen Körper.
Ein Mann meldet sich und erklärt, er sei Polizist. Die Tochter habe mit dem Handy telefoniert, ein Stoppschild ignoriert und dabei einen Radfahrer überfahren. Der Mann sei gestorben. Ein Schock für Elisabeth Pahl. Wie konnte ihrer Tochter das passieren? Wie geht es ihr jetzt? „Ich hatte nur noch einen Gedanken: Ich muss zu meinem Kind. Ich muss ihr beistehen“, sagt die 75-Jährige. Doch der Polizist bremst sie aus. Die Tochter käme nun in Untersuchungshaft. Die Mutter könne ihr helfen, wenn sie sofort 40.000 Euro zum Amtsgericht nach Leer bringt.
Skepsis: Falsches Amtsgericht?
Bis dahin habe der Mann seriös gewirkt und sich klar ausgedrückt. Doch an diesem Punkt stockt Elisabeth Pahl. „Ich habe nachgefragt, ob er nicht Emden meint. Schließlich lebt und arbeitet meine Tochter in Emden“, sagt sie. Sie hakt nach: „Meinen Sie nicht Emden oder ist das hier ein Fake?“ Der Polizist wird daraufhin ungehalten, beschreibt die Oldersumerin. „Der hat mich angeblafft, was mir einfallen würde. Er sei von der Polizei und ich könne meiner Tochter jetzt helfen oder es lassen“, sagt er.
Pahl lenkt ein. Zu groß ist die Sorge um die Tochter. Der Polizist will nun ihre Handynummer haben. „Die habe ich aber nicht im Kopf. Die musste ich erst suchen“, sagt Pahl. Nun sei ihr Mann auf das Gespräch aufmerksam geworden. Er steht jetzt neben ihr, wird ebenfalls skeptisch und sagt: „Ich rufe jetzt die Polizei.“ Das muss der Anrufer gehört haben, denn plötzlich ist das Gespräch beendet. Aufgelegt.
Masche bekannt
Dieses Masche kennt Svenia Temmen gut. Der Präventionsbeauftragten der Polizeiinspektion Leer/Emden haben schon viele Anrufer dieses Vorgehen berichtet. „Wir hatten in der vergangenen Woche viele solcher Anrufe“, sagt sie. Leider auch einen, bei dem die Täter erfolgreich waren. Eine Frau zahlte eine sechsstellige Summe. „Die Täter setzen die Opfer sehr unter Druck“, sagt Temmen. Die könnten dann keinen klaren Gedanken mehr fassen. „Die Täter spielen mit der Angst“, sagt sie. Im gesamten Gespräch werde der Stresspegel so hoch gehalten, dass die Opfer keine Gelegenheit hätten, ihre Gedanken zu ordnen oder zu hinterfragen, was falsch ist. „Manche Opfer wissen sogar irgendwann, dass etwas falsch ist. Aber sie werden so unter Druck gestellt, dass sie es einfach durchziehen, um die Betrüger loszuwerden“, sagt Temmen. Hinterher beschrieben sie es häufig so, als wären sie in einem Film gewesen.
Dabei sei das Szenario bereits voller logischer Fehler, meint Temmen. „Nach einem Unfall mit einer toten Person sichert die Polizei den Unfallort.“ Spuren werden gesichert, Zeugen vernommen und auch der vermeintliche Täter, also der oder die Autofahrerin werde zunächst medizinisch behandelt. „Bei einem Schock kommen sie ins Krankenhaus, aber ganz sicher nicht in Untersuchungshaft“, sagt Temmen. Auch eine Kaution werde nicht verlangt oder gezahlt. „Wir machen es anders als es in den amerikanischen Serien gezeigt wird“, sagt Temmen. Die Polizeihauptkommissarin betont: „Wir rufen in so einem Fall ganz sicher nicht die Angehörigen an und verlangen Geld.“
Gute Nerven gefragt
Aber selbst denjenigen, die den Betrugsversuch durchschauen, rät die Präventionsexpertin nicht unbedingt zur Verlängerung des Gesprächs. „Dazu braucht man wirklich starke Nerven“, sagt sie. Wer es schafft, dem Stand zu halten und die Polizei zu rufen, dem stehen die Beamten zur Seite. „Es sollte aber die Schadenabwehr im Vordergrund stehen – auch, was das eigene, seelische Befinden betrifft“, sagt Temmen. Man solle sich nicht unnötig belasten und im Zweifel lieber auflegen und die Polizei informieren.
Bei Elisabeth Pahl sitzt der Schock nach dem Anruf tief. Sie ruft zunächst ihre Tochter an. Der geht es gut, sie fährt umgehend zu den Eltern. Gemeinsam rufen sie die Polizei. „Als die Beamten kamen, hatte ich Angst“, sagt die 75-Jährige. Sie sei nicht mehr sicher gewesen, ob das nun echte Polizisten oder wieder falsche seien. „Das war nicht lustig“, sagt Pahl. Und obwohl nichts passiert ist, daran habe sie noch lange zu knabbern.