Hamburg  Liebe Chefs, Schluss mit Euren Ansagen – wir machen jetzt die Regeln!

Julia Wadle
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Von Julia Wadle
| 22.06.2022 15:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Arbeiten, um zu leben – oder leben, um zu arbeiten? Foto: Unsplash/La-Rel Easter (Symbolbild)
Arbeiten, um zu leben – oder leben, um zu arbeiten? Foto: Unsplash/La-Rel Easter (Symbolbild)
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Wir wollen weniger arbeiten, sollen aber immer länger schuften: Der Bundesverband der Deutschen Industrie will die Wochenarbeitszeit auf 42 Stunden erhöhen. Wer es sich leisten kann, wird das nicht tun. Ist das gerecht?

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Ich bilde mir nicht ein zu wissen, wie man das Rentensystem vor dem Kollaps bewahrt oder den Fachkräftemangel löst. Doch traue ich mir die Einschätzung zu, dass 24 Minuten Arbeit mehr pro Tag nicht die Antwort sein können. „Ich habe persönlich große Sympathie für eine optionale Erhöhung der Wochenarbeitszeit – natürlich bei vollem Lohnausgleich“, sagte jüngst der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) und warb damit für eine Erhöhung der Arbeitszeit von 40 auf 42 Stunden pro Woche.

Schließlich müssten all die Arbeitskräfte der Boomer-Generation, die bald in Ruhestand gehen, ausgeglichen werden – und schon heute gebe es an vielen Stellen einen Mangel. Mal wieder sollen wir Jungen es sein, die die Bürde der Rettung Deutschlands auferlegt bekommen. „Eine 42-Stunden-Woche wäre sicherlich leichter umzusetzen als eine allgemeine Einführung der Rente mit 70“, sagte Russwurm zudem. Ach so, länger arbeiten sollen wir in jedem Fall, ihr diskutiert nur noch, in welchem Modell...

Nicht, dass ich einem Metzgermeister, der 40 Jahre geschlachtet hat, oder einer Busfahrerin, die jahrzehntelang Kinder in die Schule kutschiert hat, den wohlverdienten Lebensabend nicht gönnen würde. Nur werde ich dafür nicht auf meinen Pilateskurs verzichten.

Fachkräftemangel bedeutet für junge Fachkräfte zweierlei: Mehr Arbeit – und mehr Marktwert. Wenn das Team kleiner wird, weil Meister und Master fehlen, steigt die tägliche Belastung. Mit der Belastung steigt die Unzufriedenheit, die Arbeitsqualität lässt nach und die Bindung an den Arbeitgeber sinkt.

Dabei ist die emotionale Bindung an den Arbeitgeber in Deutschland ohnehin schwach ausgeprägt:

Wir würden gerne von Euch wissen: Wie findet Ihr eigentlich #neo? Die Umfrage ist ganz, ganz kurz, versprochen! Wenn Ihr mitmacht, helft Ihr uns aber sehr.

Wer es sich leisten kann, macht da nicht mit. Wenn ein anderer Arbeitgeber eine bessere Work-Life-Balance ermöglicht, sind wir Millenials weg. Nicht, weil wir faul sind oder prinzipiell nicht arbeiten wollen. Nur wissen wir, dass Zeit ungleich Leistung ist. Das geht weit über die anekdotische Evidenz hinaus, dass ich im Bachelorstudium eine zwölfseitige Hausarbeit in einer Nacht statt wie sonst in einer Woche geschrieben habe. Vielmehr zeigen dies Experimente aus Schweden, Island und Großbritannien, bei denen die Vier-Tage-Woche erprobt wurde.

Mit dem Zuckerbrot des freien Tages statt der Peitsche der Erhöhung der Arbeitszeit arbeiten wir effizienter und motivierter. Diese Einstellung klingt privilegierter, als sie ist: Mir ist bewusst, dass nicht jeder den Luxus hat, in einem Schreibtischjob mit Gleitzeit, höhenverstellbaren Tischen und Scrum Master zu arbeiten. Vermutlich würde jenen die 24 Minuten mehr am Tag gar nicht so viel ausmachen.

Die zusätzliche Arbeit werden am stärksten jene spüren, die Menschen als Pfleger Würde schenken, Kinder erziehen oder im Handwerk harte, körperliche Arbeit leisten. Jenen Systemrelevanten, die wir in den Hochphasen der Pandemie beklatscht haben, wollen wir nun noch mehr Arbeit aufhalsen. Die Spirale aus Überarbeitung und Kündigung wird sich dadurch nur schneller drehen.

Wie denkst Du darüber?

Um zu verhindern, dass jene sich zwischen der Teilzeit und dem Branchenwechsel entscheiden müssen, weil sie überlastet sind, müssen wir weniger machen: weniger arbeiten, weniger Büroklatsch – und weniger Zeit mit sinnlosen Aufgaben verplempern.

Liebe Chefs, wenn Ihr wollt, dass mehr geleistet wird, dann hört auf, uns zu unnötigen Meetings einzuladen, Formulare faxen zu lassen und uns zehnmal am Tag zu sagen, wie voll eure Terminkalender sind. Wenn wir alle in unserer Arbeitszeit mehr arbeiten und weniger unsere Arbeit verwalten, wird auch mehr geschafft.

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