Missbrauchsskandal „Grabbel-Pastor“ hätte nie geweiht werden dürfen
In der Missbrauchsstudie wird aufgezeigt: Bei Helmut Behrens, Pfarrer in Neuscharrel, gab es schon früh sexuelle Auffälligkeiten. Die Kirchenführung reagierte spät.
Neuscharrel - Im fast 600-seitigen Bericht der Universität Münsterland „Macht und sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche“ wird neben elf anderen Fällen auch der Fall von Helmut Behrens dargestellt. Er war als katholischer Geistlicher im Friesoyther Ortsteil Neuscharrel tätig. Die Studie ist zwar vom Bistum Münster beauftragt, aber unabhängig von Forschern der Uni Münster erarbeitet worden.
Helmut Behrens, in den 1980er-Jahren hinter vorgehaltener Hand in Neuscharrel als „Grabbel-Pastor“ - ein Zitat aus der Studie - bekannt, trat im Cloppenburger Nordkreis seine erste Priesterstelle mit 48 Jahren an. Er lebte sich ein und suchte letztendlich zu oft zu engen körperlichen Kontakt. Auf Festen drückte er Tanzpartnerinnen unangemessen an seinen Körper. „Wenn seine großen Hände sich dann auf die Brust der Frauen legten, merkten die das schon“, schilderte ein paar Jahre später der zuständige Dechant. Als dann auch Übergriffe auf minderjährige Jungen dazukamen, blieb es nicht mehr nur bei der Tuschelei in der Gemeinde.
Durch Reiben an Jungen befriedigt
So berichtet ein Messdiener, dass sich Behrens regelmäßig in dessen Arbeitszimmer nicht nur körperlich näherte. Er soll sich auch durch Reiben an dem Jungen befriedigt haben. „Das war leider nicht das einzige Mal, es war jedes Mal so“, wird das Opfer in der Studie zitiert. Der Messdiener offenbarte sich niemandem. Er traute sich nicht – auch, weil ihm Behrens verbot, darüber zu reden.
Spätestens 1982 wurde Behrens Verhalten erstmals aktenkundig. Das schildert Klaus Große Kracht, einer der beteiligten Verfasser der Missbrauchsstudie. Eine Ordensschwester beschwerte sich nicht nur, weil der Priester erwachsene Frauen in der Öffentlichkeit sexuell belästigte. Sie berichtete auch davon, wie Behrens ein Kind, das in seinem Auto saß, berührte. Das Kind riss die Autotür auf und flüchtete ins Elternhaus. Die Eltern erteilten Behrens Hausverbot. Die Ordensschwester forderte Konsequenzen und mahnte zu Eile, um „großen Schaden von der Gemeinde“ fernzuhalten. Sie sollte Recht behalten. Denn niemand reagierte.
Junger Organist bis heute traumatisiert
Im Februar 1983 verging sich Behrens an einem 17-Jährigen, der in der Neuscharreler Kirche als Organist aushelfen sollte. Kaum saß der Schüler an der Orgel, habe ihn der Priester von hinten umschlungen. Mit dem Gesicht von Behrens im Nacken, erinnert sich das Opfer im Rahmen einer eidesstattlichen Versicherung im Jahr 2018 immer noch an „Speichel und Rotz“ und die „unvergesslichen Töne und Laute“. Die Tat habe ihn derart traumatisiert, dass er noch heute keine neugotische Kirche wie in Neuscharrel betreten könne. Auch dieses Opfer traute sich nicht, über das Geschehene zu sprechen. Doch nach nur wenigen Wochen ließ sich Behrens Verhalten nicht mehr verheimlichen.
Wie der Priester später selbst beichtete, bedrängte er einen Messdiener sexuell in der Sakristei. Doch dieser Junge schwieg nicht. Er berichtete den Eltern von den Geschehnissen. Daraufhin ging der Vater zum Kirchenvorstand. Zusammen mit zwei Vertretern wurde Behrens zur Rede gestellt. Der Vater war aufgebracht, ließ sich nicht beschwichtigen. Das Gespräch endete mit der Ankündigung, die Kriminalpolizei einschalten zu wollen.
Bischof kontaktierte Staatsanwalt
Diese Drohung wiederholte der Vater auch gegenüber dem Dechanten. Und erst jetzt – so das Fazit von Klaus Große Kracht – musste die Kirchenführung aktiv werden, und zwar schnell. Weihbischof Max Georg Freiherr von Twickel, damaliger Offizial im Offizialatsbezirk Vechta, wurde informiert. Der kontaktierte offenbar einen ihm persönlich bekannten Staatsanwalt. Der Weihbischof veranlasste innerhalb weniger Stunden, dass Behrens aus Neuscharrel verschwand. Er sollte in das Benediktinerinnenkloster in Dinklage gebracht werden. Dass es schnell gehen müsse, habe auch der Staatsanwalt gegenüber dem Dechanten unmissverständlich mitgeteilt: „Bringt ihn da weg, sonst holen wir ihn.“
Sollte diese in der Studie zitierte Aussage stimmen, dann hätten Kirche und Justiz gemeinsam eine Straftat verdunkelt. Der Vater des Messdieners hingegen hat offenbar keine Strafanzeige gestellt, zumindest ist keine aktenkundig. Stattdessen geriet die Familie nun in die Schusslinie. Man müsse nicht gleich derart heftig reagieren, nur weil der „Pastor mal was Falsches gemacht“ habe. So zumindest wird in der Studie ein damals einflussreiches Mitglied der Kirchengemeinde zitiert.
Erhebliche Defizite beim Thema Sexualität
Dass es überhaupt so weit gekommen ist – daran lässt der Autor der Fallstudie keinen Zweifel – liegt vornehmlich daran, dass Behrens gar nicht hätte Priester werden dürfen. Als „Spätberufener“ lief der theologische Bildungsweg eher schwerfällig und holprig. Ihm wurde ein Mangel an geistiger Wendigkeit attestiert. Das Zeugnis eines Gemeindepraktikums beinhaltete diesen Satz: „Durch seine ganze Veranlagung wird er es sehr schwer haben, gerade heute und in diesem Beruf.“
Er wurde trotzdem Priester – und schon bei der ersten Stelle als Kaplan sind erhebliche Defizite beim Thema Sexualität offenbar geworden. Die wiederum waren Anlass für eine psychotherapeutische Behandlung. Die kircheninterne Empfehlung danach war der Einsatz als Seelsorger in einer kleineren Gemeinde – wohl deshalb sollte es schließlich Neuscharrel werden.
Überall gab es neue Vorwürfe
Behrens wurde 1983 nach dem Übergriff auf den Messdiener in eine stationäre Therapie in Essen geschickt. Seit Anfang April 1983 sei der Bistumsleitung klar gewesen, dass die Causa Behrens nicht nur kirchen-, sondern auch strafrechtlich von Relevanz ist. Eine Strafanzeige wurde vom Bistum trotzdem nicht gestellt. Vielmehr ging es darum, Behrens wieder in irgendeiner Weise in Arbeit zu bringen.
Es wurde zur Odyssee. Entweder Behrens bat selbst um Versetzung nach wenigen Wochen oder es gab neue Vorwürfe, auf die die Kirchenleitung mit einer neuen Aufgabe in anderen Orten reagierte. Die betroffenen Pfarrer der Gemeinden wussten allenfalls von Behrens‘ Alkoholproblemen. Über die teilweise sogar gestandenen Missbrauchstaten wurden sie nicht informiert.
Kirche wollte strafrechtliche Verfolgung vermeiden
Als Behrens Ende 1984 während einer Therapie in einer psychiatrischen Einrichtung in Neuenkirchen erstmals mit dem Gedanken spielte, das Priesteramt freiwillig aufzugeben, ist das offenkundig mit einer gewissen Erleichterung in Münster aufgenommen worden. Das sogenannte Laisierungsverfahren nimmt allerdings Zeit in Anspruch. Während dieser Phase wurde er als Gärtner in einem Altenheim in Neuwied beschäftigt. Und selbst hier gab es sexuelle Übergriffe. Opfer waren eine Nonne, eine Gemüsehändlerin, Angestellte im Heim und wohl auch Frauen in einer Diskothek.
Bischof Lettmann wollte mit Nachdruck und im Eiltempo die Laisierung von Behrens erreichen. Dabei stand aber nicht der Schutz von Gläubigen im Vordergrund. Vielmehr wollte Lettmann „die ständig wachsende Gefahr einer Kriminalisierung“ zu verhindern wissen. Der Autor ist davon überzeugt: Damit meinte Lettmann die drohende strafrechtliche Verfolgung eines Priesters im Amt. Dieses Szenario sollte wohl tunlichst vermieden werden. „Der Schaden für die Kirche ist bei den Gläubigen wie bei den Nichtkatholiken groß. Sittlichkeitsdelikte eines laisierten Priesters sind für diese Presse weit weniger interessant“, wird Lettmann in dem Gutachten zitiert.
Missbraucher nahm sich das Leben
Behrens, dem in fast fahrlässiger Weise inzwischen eine Stellung als Gärtner in einer Behindertenwerkstatt in Warendorf anvertraut wurde, war seit dem März 1986 kein Priester mehr. Ein Jahr später wurde er vom Leiter der Werkstätten entlassen. Es hatte erneut Beschuldigungen gegeben. Zu den Opfern sollen auch die beeinträchtigten und dadurch wehrlosen Mitarbeiter der Werkstatt gehört haben. Nach der Entlassung verliert sich die Spur von Behrens. Bekannt ist, dass Behrens im August 2016 starb. Er hat sich das Leben genommen.
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