Berlin LNG-Schifffahrt: Wie gefährlich ist das Geschäft mit dem Flüssiggas?
Täglich fahren unzählige LNG-Tanker über die Weltmeere, um Flüssiggas zu transportieren. Dabei können Angriffe von außen drohen, der Branchenverband sorgt sich um Transport-Neulinge. Wie realistisch ist eine Katastrophe?
Nach Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine hat Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) vor allem ein Ziel: Deutschland unabhängiger von russischer Energie zu machen, wobei vor allem Flüssiggas (LNG) helfen soll. Dafür war der Minister entgegen seiner Überzeugungen schon beim katarischen Emir zu Gast, um ihn um Flüssiggas-Lieferungen zu bitten. Auch die USA kommt als neuer Lieferant in Frage; bisher galt das amerikanische Flüssiggas als zu teuer.
Während Russlands Gas über Pipelines nach Deutschland kommt, wird Flüssiggas über Schiffe transportiert. Deutschland will deshalb aufrüsten und an der Nordseeküste mehrere LNG-Terminals bauen, um die ankommenden LNG-Tanker abzufertigen. Bis die Terminals fertiggestellt sind, sollen schwimmende Lager die Zeit überbrücken.
Grafik: Deutschlands Kraftwerks-Mix
Um Erdgas verschiffen zu können, wird es zunächst verflüssigt. Nachdem das Erdgas an den Zielhafen verschifft wurde, wird es wieder in einen gasförmigen Zustand gebracht, um es in das jeweilige Versorgungsnetz einzuspeisen. Die Fakten zu den LNG-Transportschiffen sind imposant: Die „Mozah“, der größte Erdgastanker der Welt im Eigentum einer katarischen Reederei, hat Platz für 266.000 Kubikmeter flüssiges Erdgas, das auf minus 162 Grad Celsius heruntergekühlt wird. So schrumpft das Volumen des Erdgases auf ein Sechshundertstel und lässt sich in großen Mengen transportieren.
Mit dem Boom der Flüssiggas-Branche befürchten nicht wenige, dass damit auch die Gefahr von Angriffen auf LNG-Tanker einher geht. In der vergangenen Woche drohte etwa die im Libanon ansässige islamistische Miliz Hisbollah damit, Schiffe mit Gas aus Israel anzugreifen. Der Branchenverband „Society of International Gas Tanker and Terminal Operators (SIGTTO) warnt jedenfalls angesichts der steigenden Anzahl der Transporte: „Wir haben viele Neulinge in der LNG-Schifffahrt und müssen dringend dafür sorgen, dass sie das Geschäft ebenso sicher betreiben wie die alten Hasen“, sagt der Verband laut dem „Focus“.
Die Industrie sieht dagegen keine aufziehenden Probleme. „Die Erfahrungen belegen, dass LNG bei ordnungsgemäßer Handhabe kein größeres Risiko darstellt als etwa Kraftstoffe wie Benzin und Diesel“, sagt Peter Blauwhoff, langjähriger Vorsitzender der Geschäftsführung der Shell Deutschland, laut dem Bericht.
Das Thema Sicherheit von LNG-Transporten war schon vor einiger Zeit ein Thema. Auf einer Tagung in Duisburg vor einigen Jahren wird nach Angaben des „Focus“ folgendes mögliches Szenario beschrieben: Wegen eines Lecks im LNG-Tank tritt das verflüssigte Erdgas tritt, bildet eine Lache im Wasser und verdampft schnell. Trifft die Dampfwolke auf eine beliebige Zündquelle, setzt sie mit einer Explosion alles in Brand inklusive des Schiffes, das leckgeschlagen ist. Allerdings gibt der Rotterdamer Feuerwehrspezialist Paul Mo-Ajok dem Bericht zufolge zu Bedenken: „Um durch eine Schiffshülle und den LNG-Tank hindurch zu kommen, ist schon viel Kraft nötig.“
Schon 2010 meldete sich Gerd-Michael Würsig von DNV-GL, einer Zertifizierungsgesellschaft für Schiffe, im „Spiegel“ zu Wort. Seine Einschätzung: Eine Explosion sei extrem unwahrscheinlich, weil dafür viele Faktoren zusammenkommen müssten. So würde das verdampfte LNG sich nur entzünden, wenn es sich in einem sehr bestimmten Verhältnis mit dem Sauerstoff in der Luft mische. „Die Sicherheitsstatistik von LNG-Tankern ist hervorragend, bisher gab es keine Totalverluste“, sagt Würsig.