Scheeßel  Wie im Rausch: So war das Hurricane-Festival 2022

Daniel Batel
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Von Daniel Batel
| 19.06.2022 19:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Zum Hurricane Festival 2022 pilgerten fast 80.000 Besucher. Auf sie wartete ein Line-Up der Extraklasse. Foto: dpa/Hauke-Christian Dittrich
Zum Hurricane Festival 2022 pilgerten fast 80.000 Besucher. Auf sie wartete ein Line-Up der Extraklasse. Foto: dpa/Hauke-Christian Dittrich
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Erstmals seit drei Jahren fand mit dem Hurricane-Festival eines der größten Events im Norden wieder statt. Knapp 80.000 Besucher erlebten über drei Tage ein musikalisches Feuerwerk bei Auftritten von Seeed, Deichkind, The Killers und Co.

Die beschauliche Gemeinde Scheeßel zwischen Hamburg und Bremen ist große Massen eigentlich gewöhnt. Seit 1997 findet hier das Hurricane-Festival statt. 2020 musste das Event wegen der Pandemie abgesagt werden. Seitdem blieb es ruhig im 13.000 Einwohner Dörfchen. Doch die lange Wartezeit auf den Nachholtermin sorgte für einen neuen Rekord: 78.000 Menschen kamen zum Hurricane 2022 – und damit so viele wie nie zuvor.

Bereits am Freitag stand der erste internationale Star-Act auf der Bühne: „The Killers“ blieben sich beim Bühnenbild wie immer treu und tünchten alles in Schwarz-Weiß. Leadsänger Brandon Flowers – mit angesteckter Blume am Sakko – hatte genügend Schwung für die ganze Gruppe, die aktuell ohne Stammgitarrist Dave Keuning und Bassist Mark Stoermer auskommen muss. Ihre Hits wie „Mr. Brightside“ oder „Human“ spielen die Killers aber so routiniert, dass das wohl nur den wenigsten auffiel.

Für den Abschluss des ersten Abends sorgte die Kultband „Seeed“. Ihre hymnenartigen Refrains springen auf die Massen über, und auch nach 16 Jahren kann fast jeder beim Mega-Hit „Ding“ mitsingen. Mit einem Cover von Justin Timberlake‘s „Sexy Back“ überraschen die Musiker aus Berlin, die ebenso unerwartet von der Bühne aus kein Anti-Kriegs-Statement verlauten lassen, obwohl sich die Künstler sonst häufig politisch äußern.

Eine der Headliner-Bands am Samstag, die Indie-Pop Band „Von Wegen Lisbeth“, hat hinsichtlich des Ukraine-Kriegs eine eigene Sichtweise. Im Interview vor ihrem Auftritt sagte Bassist Julian Hölting unserer Redaktion: „Auf einem so großen Festival, wo viele angetrunken und super gut drauf sind, würde man es sich mit einem Statement von der Bühne vielleicht zu einfach machen. Für mich gehört wesentlich mehr dazu, als etwas in die Menge zu rufen.“ Zwar halte er es für gut, auf den grausamen Krieg und die Folgen aufmerksam zu machen. „Aber wenn das Publikum danach zum nächsten Act geht und es gleich wieder vergisst, dann finde ich, wird das den Leuten, die in Not sind, nicht gerecht.“

Dem Publikum wurde die Indie-Pop-Gruppe in jedem Fall gerecht. Am Samstagabend spielten „Von Wegen Lisbeth“ vor einer riesigen Kulisse auf der Hauptbühne. Ihre Songs haben einen unverwechselbaren Sound, die Texte meist einen ironischen Unterton. Titel wie „Sushi“ zielen auf den Geltungsdrang junger Menschen auf Social-Media-Kanälen. Dass die Band selbst sehr Social Media aktiv ist, sehen die Musiker nicht als Widerspruch. „Als Band ist man ja quasi darauf angewiesen“, sagte Leadsänger Matthias Rohde im NOZ-Interview. „Bei ‚Sushi‘ geht es ja eher darum, wenn jemand sein ganzes Privatleben ins Internet ballert.“ Aber als Band seien Instagram und Co. „mega praktisch.“

Für die Band ist der erste Hurricane-Auftritt etwas Besonderes. Dennoch sagt Rohde: „Wir sind froh, dass wir früher auch in fast leeren Clubs gespielt haben. Es ist gut, so einen Auftritt ins Verhältnis zu setzen. Es gibt ja manche junge Bands, die während der Pandemie erfolgreich geworden sind und jetzt direkt vor 3.000 Leuten spielen.“ Fürs Publikum haben die Berliner eine Premiere mitgebracht. Mit dem Song „Elon Musk kommt nicht ins Berghain“ nehmen sie den Milliardär aufs Korn. Der Menge gefällt’s. Das Lied „Drüben bei Penny“ konnten die Zuhörer dagegen nicht wörtlich nehmen. Statt des beliebten Supermarkts gab es auf dem Gelände diesmal nur einen Kiosk.

Eine der „Pandemie-Bands“ sind die Musiker von „Jeremias“. Ihre Bekanntheit ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Das Line-Up stand allerdings bereits seit 2020 fest, weshalb die Hannoveraner im Festzelt – der kleinsten Festivalbühne – spielten. Wer hoffte, unter dem Zeltdach im Vergleich zur Hitze draußen geschützt zu sein, sah sich getäuscht. Innen wurde es erst recht heiß, auch musikalisch: Die Songs der Band drehen sich primär um die Liebe und Affären. Auffällig viele männliche Zuhörer und viele junge Frauen lauschten den meist launigen „Feel Good“-Songs. Aber auch gefühlvolle Balladen wie „Grüne Augen lügen nicht“ sorgten für Gänsehaut.

Newcomerin „Pano“ steht ebenfalls für gefühlvolle und eher klassisch komponierte Lieder. Die Singer-Songwriterin trat erstmals auf so einer großen Bühne auf. „Erst waren die Tore noch geschlossen, aber nach und nach kamen immer mehr Zuhörer wie bei ‚The Walking Dead‘ auf uns zugelaufen. Das war unbeschreiblich“, so die Wahlberlinerin. Bekannt wurde sie unter anderem auch, weil sie einen von Fynn Kliemann ausgerichteten Contest gewann und von ihm eine Fördersumme erhielt. Zu Kliemann wollte sich Pano auf Anfrage nicht äußern.

Fans derberer Beats pilgerten später zum Auftritt von „Deichkind“ – den Hamburger Altstars, die schon früh ihren Ruf als Show-Giganten prägten. Deichkinds einzigartiges Bühnenprogramm begeisterte, ebenso wie ihr Rhythmusgefühl und ihre sprachliche Finesse. Der Auftritt wurde allerdings jäh unterbrochen, als ein Ordner das Wort ergriff und die Besucher bat, im hinteren Bereich mehr Abstand zueinander zu halten.

Erst nach zehnminütiger Verzögerung konnte es weitergehen. Die Band nahm es mit Humor: „Wie geht’s den Eingequetschten?“, fragte Leadsänger Philipp Grütering in die Menge. Mit „Krawall und Remmidemmi“ endete ihre Show standesgemäß laut und brachial. Am Sonntag reisten viele Festivalbesucher bereits wieder ab. Diejenigen, die geblieben sind, feierten ausgelassen zu Musik der amerikanischen Bands „Rise Against“ und „Kings of Leon“ oder zum Solo-Auftritt von „Kraftklub“-Sänger Felix Kummer alias „KUMMER“.

Für die Hartgesottenen, die auch nach drei Tagen Dauerparty noch bis zum Schluss blieben, legte DJane Larissa Rieß als „Lari Luke“ noch einmal auf und brachte das „Wild Coast“ Zelt zum Beben.

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