Sylt  Isomatte statt Platte: Diese neuen Gäste erreichen Sylt

Lea Sarah Pischel, Inga Kausch
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Von Lea Sarah Pischel, Inga Kausch
| 18.06.2022 17:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Ist seit Donnerstag auf Sylt: Scherbe (21) aus Bonn. Foto: Pischel
Ist seit Donnerstag auf Sylt: Scherbe (21) aus Bonn. Foto: Pischel
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Die sogenannten Punker dominierten zuletzt das Straßenbild in Westerland auf Sylt. Seit Freitag tummelt sich in der Friedrichstraße und am Strand noch eine neue Gruppe von 9-Euro-Urlaubern.

Sie baden mit aufblasbaren Einhörnern im Wilhelminen-Brunnen, bauen Zelte am Strand und sammeln in der Fußgängerzone Geld. Seit rund zweieinhalb Wochen prägen sogenannte Punker das Straßenbild in Westerland auf Sylt.

Mit dem 9-Euro-Ticket der Bahn sind sie auf die Nordseeinsel gekommen – friedlich blieb es seitdem nicht immer. Die Polizei berichtete wiederholt von zahlreichen Einsätzen wegen Ruhestörungen und Schlägereien. Getrübt wurde die Festival-Atmosphäre auch durch Gastronomen, die um ihre Existenz bangen und Lokalpolitiker, die nicht wissen, wie sie mit den neuen Gästen – die nicht immer leise und pflegegeleicht sind – umgehen sollen.

Am Wilhelminen-Brunnen in Westerland, dem zentralen Treffpunkt der Feiernden, saßen am Freitag mehr als 50 Punker. Häufig fährt die Polizei vorbei, am Nachmittag ist Blaulicht zu sehen und sind Sirenen zu hören.

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Zum Start des dritten 9-Euro-Wochenendes auf Sylt waren in der Friedrichstraße mehr Punks unterwegs – unter ihnen solche, die hier seit dem 1. Juni sind sowie Neuankömmlinge aus der eher linken Szene. Aber auch andere Menschen, die teure Trekking-Rucksäcke und Bierkästen schleppen – und eher wenig mit dem Punkern gemeinsam zu haben scheinen – strömen vom Bahnhof durch die Friedrichstraße Richtung Strand.

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Unter ihnen sechs Männer aus Bayern, die mit dem Billigticket angereist sind: „Wir haben gehört, dass die Sylter Angst vor den ganzen 9-Euro-Urlaubern haben, waren neugierig und wollten das mal testen“, sagt Pascal und lacht. Für 24 Stunden sind die Freunde bis Samstagmittag auf Sylt – dafür waren sie mehr als 17 Stunden quer durch Deutschland unterwegs. Jetzt wollen sie mit Elektrobikes zum Leuchtturm in Kampen fahren und abends zusammen feiern. Draußen übernachten werden sie nicht, sondern geschützt vor Regen und Wind: „Wir haben ein Haus gemietet“, sagt 9-Euro-Fahrer Chris.

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Koko schützt nur sein buntes Kostüm gegen Regen: Gerade beginnen die ersten Tropfen auf den trockenen Asphalt in der Friedrichstraße in Westerland zu fallen, als der 47-Jährige von seinen Tagen auf den Sylter Straßen erzählt. Über Kopf und Rücken hängt ihm ein gigantisches Gummi-Einhorn, das aufblasbar war, bevor es überall Löcher und Risse bekam – auch seine Arme hat er in die leeren Hüllen gesteckt.

Er ist gerade auf der Suche nach einem neuen Unterschlupf: „Die wollen uns jetzt versuchen über die Hausverwaltung zu vertreiben – heute war der Hausmeister da“, sagt der Mann, der eigentlich in Hamburg wohnt. Auf Sylt hatte er gemeinsam mit vier Bekannten im Eingang eines leeren Supermarktes geschlafen. Erfahrungen auf der Straße hat er: Mit 17 habe er lange auf der Straße gelebt, sagt Koko.

Das Einhorn, das ihn jetzt vor Wind und Regen schützt, war am Pfingst-Wochenende, dem ersten 9-Euro-Wochenende, bundesweit berühmt geworden, als dutzende Kameras das Gummiteil in der Wilhelmine gefilmt und anschließend in Deutschland verbreitet hatten.

Mögliche weitere Repressalien – außer der Vertreibung aus den Hauseingängen – gegen die Punker in Westerland sieht er kritisch: „Die wollen uns das jetzt schwer machen und zum Beispiel die Dixiklos wegmachen, aber dann pissen die Leute überall hin“, sagt er. Es ist ihm wichtig zu betonen, dass es bisher überall sauber sei. So wie in Kampen: Dorthin wollten er und seine Kumpel allerdings nicht: „Hier in Westerland ist die Öffentlichkeit größer, wir sind mehr im Fokus, bekommen mehr Blicke – und beim Schnorren mehr Geld.“

Zudem rechnen er und die anderen Punks damit, dass sie ohnehin von der Polizei abgefangen und „verscheucht“ werden, wenn sie Kampen erreichen – egal ob zu Fuß oder mit dem Bus. „Wir haben keinen Bock auf Sachbeschädigung, aber unter uns gibt es auch 17-jährige Volltrottel: Da tritt auch mal jemand den Außenspiegel ab und dann haben wir den Salat“, sagt Koko. Eines betont er besonders stolz: „Wir haben viele Fans hier, werden im Grunde komplett verpflegt.“

In Westerland sei nach seinem Geschmack schon genug los: „Das sind schon Chaostage. Die Welt steht hier auf dem Kopf. Aber das ist gutes Chaos. Ich finde, wir haben hier ein gewisses Flair reingebracht“, sagt der Hamburger.

Das sieht Scherbe ebenso. Seine knallrot gefärbten Haare und sein neongrüner Kescher leuchten schon von Weitem: Gerade will sich ein Pärchen ungefragt mit ihm vor dem Bahnhof fotografieren lassen. „So etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagt der 21-Jährige. Sauer wirkt er dabei nicht.

Am Donnerstag ist er nach zwölf Stunden Zugfahrt von Bonn auf der Nordseeinsel angekommen und will vermutlich bis Sonntag bleiben, bevor er wieder seiner Arbeit als Pfleger nachgehen muss. Seit drei Stunden hockt er jetzt mit Bier und Kescher vor dem Bahnhof und wartet auf seine Freunde.

Dass sich das Klientel geändert hat, bestätigt auch er: „Viele sind heute eher gutbürgerlich und wollen sich wegsaufen“, sagt er im Hinblick auf die Trekkingrucksack-Träger. Das störe ihn aber nicht – ansonsten sei Sylt „sehr verbonzt – ein Modeladen neben dem anderen, aber am Meer ist es ganz schön“.

Derweil bereitet man sich auch hinter den Rathausmauern auf das dritte 9-Euro-Wochenende vor: „Wir beobachten weiterhin die Entwicklung und sind im Hintergrund natürlich auf vieles vorbereitet“, heißt es von Seiten des Bürgermeisters der Gemeinde Sylt, Nikolas Häckel, auf Nachfrage unserer Redaktion. So sei der Außendienst des Ordnungsamtes und der Sicherheitsdienst im Einsatz und beim Bauhof seien Extraschichten geplant, um den Bereich um den Bereich um die Wilhelmine zu säubern.

Bezugnehmend auf die Hauptausschusssitzung am Dienstag, 14. Juni, bei der mit Anliegern über die aktuelle Situation in der Innenstadt diskutiert wurde, teilt das Verwaltungsoberhaupt mit: „Wir sind uns einig, dass wir den Gastronomen zur Erweiterung und Abgrenzung ihrer Außenbereiche unbürokratisch entgegenkommen.“

Dies ist bereits beim Croque-Laden Cropino bereits deutlich geworden: Hier hat sich der Sitzbereich deutlich vor den Eingang verschoben und zwei hohe, schmale Blumenkübel dienen als Sichtschutz zum Wilhelmine-Brunnen. „Weitere Maßnahmen zur Ordnung des Raumes sind beauftragt und werden sukzessive umgesetzt“, teilt Häckel zudem mit.

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