Mobilität in der Region  Wann kommt der Carsharing-Boom zu uns?

Heiko Müller
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Von Heiko Müller
| 19.06.2022 17:08 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Carsharing ist klimafreundlich und spart die Kosten für den Unterhalt des eigenen Autos. Foto: Noglik/Archiv
Carsharing ist klimafreundlich und spart die Kosten für den Unterhalt des eigenen Autos. Foto: Noglik/Archiv
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Die Carsharing-Angebote in Deutschland wachsen, nur im äußersten Nordwesten sind sie noch rar gesät. Aber Experten sehen durchaus Chancen.

Ostfriesland - Enno Andreessen würde am liebsten auf sein eigenes Auto verzichten. Doch der pensionierte Studienrat aus Emden kann es nicht - noch nicht. Hin und wieder sei er noch darauf angewiesen. „Aber meistens steht der Wagen nur auf der Auffahrt und wird wenig genutzt,“ sagt der 67-Jährige, der meistens mit dem Rad unterwegs ist. Carsharing wäre für ihn und seine Lebenspartnerin eine gute Alternative zum privaten Wagen. Nur: Ein solches Angebot sucht man in ihrer Heimatstadt bislang vergebens.

Der Emder Enno Andreessen würde sein privates Auto gerne abschaffen und auf Carsharing umsteigen, kann es aber derzeit noch nicht. Foto: Privat
Der Emder Enno Andreessen würde sein privates Auto gerne abschaffen und auf Carsharing umsteigen, kann es aber derzeit noch nicht. Foto: Privat

Seit gut einem Jahr beschäftigt sich der Emder intensiver mit dieser Möglichkeit, die Umwelt zu entlasten und Kosten zu sparen. Ein Freund aus Wilhelmshaven gab den Anstoß dazu: „Er hat davon geschwärmt, wie locker das dort zu händeln ist“, so Andreesen. Er wandte sich deshalb an Politik und Verwaltung der Stadt Emden - bislang aber ohne ein greifbares Ergebnis.

Carsharing gibt es an immer mehr Orten

Beim Carsharing – zu Deutsch: Autoteilen – besitzt man das Auto nicht selbst, sondern teilt es sich mit Anderen. Halter des Autos ist in der Regel der Carsharing-Anbieter. Kunden schließen mit ihm bei der Anmeldung einen Rahmenvertrag. Danach können sie Fahrzeuge des Anbieters rund um die Uhr selbstständig buchen.

Mit diesem Schild werden die Stationen für Autos des Carsharing-Vereins in Aurich kenntlich gemacht. Foto: Ortgies/Archiv
Mit diesem Schild werden die Stationen für Autos des Carsharing-Vereins in Aurich kenntlich gemacht. Foto: Ortgies/Archiv

Mittlerweile können sich Autofahrer in Deutschland an immer mehr Orten in Deutschland Carsharing-Wagen leihen. Nach Angaben des Bundesverbands Carsharing (bcs) gab es Anfang dieses Jahres deutschlandweit 30.200 Fahrzeuge. Das sei ein Zuwachs von 15,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Zahl der Anbieter liegt bundesweit bei 243. Sie stellen ihre Fahrzeuge inzwischen in 935 Städten und Gemeinden zur Verfügung. Nach Verbandsangaben sind das 80 mehr als ein Jahr zuvor.

Nur ein kommerzieller Anbieter in der Region

Aber Ostfriesland ist auf der Carsharing-Landkarte immer noch fast ein weißer Fleck. In der Region gibt es nur einen kommerziellen Anbieter in Leer. Dort betreibt die Firma Cambio mit Hauptsitz in Bremen drei Stationen, die jüngste davor kam im Februar 2021 am Zollhaus hinzu. In Leer hat das Unternehmen bislang mehr als 250 Kunden.

Die jüngste Carsharing-Station in Ostfriesland entstand Anfang 2021 beim Zollhaus in Leer. Foto: Wolters/Archiv
Die jüngste Carsharing-Station in Ostfriesland entstand Anfang 2021 beim Zollhaus in Leer. Foto: Wolters/Archiv

Zu den wenigen Anbietern in der Region gehört auch der private Carsharing-Verein in Aurich, der sich schon 1994 gründete und damals als Vorreiter galt. Er arbeitet nicht gewinnorientiert und bietet deshalb günstigere Bedingungen als kommerzielle Firmen. Nach Angaben seines Gründungsvaters und Vorsitzenden Heinrich Herlyn tritt der Verein aber mehr oder weniger auf der Stelle. Trotz vieler Bemühungen kommt er nicht über die Zahl von etwa 40 Mitgliedern hinaus, obwohl laut Herlyn dieses Angebot für Hunderte Aurich geeignet sei.

Ein Angebot für Insulaner gibt es auch

Auf Carsharing setzen seit Anfang 2021 auch die Touristiker auf der Insel Spiekeroog. Die Inselgemeinde leaste zwei E-Autos und stationierte sie direkt am Fähranleger im Hafen von Neuharlingersiel, dort also, wo die Insulaner auf das Festland gehen. Zielgruppe sind vor allem die Spiekerooger selbst. Die Idee dahinter: Die Zahl der Fahrzeuge von Inselbewohnern soll sich verringern.

Benjamin Plank sieht in der Region noch viel Luft nach oben. „In Ostfriesland gibt es noch großes Potenzial bei den Standorten“, sagt der Sprecher des Bundesverbands Carsharing in Berlin. Nach seinen Angaben gibt es Carsharing mittlerweile bundesweit in 250 Orten mit 20.000 bis 50.000 Einwohnern, das ist ein Anteil von 49 Prozent, und in 552 Kommunen mit weniger als 20.000 Einwohnern. Dort ist der Anteil mit neun Prozent erheblich geringer.

ÖPNV in der Region ist noch zu lückenhaft

„Die Anzahl der kleineren Orte mit Angeboten steigt zwar langsam, aber doch stetig an“, so Plank. So sei die Zahl der Standorte in Orten mit weniger als 100.000 Einwohnern in den vergangenen drei Jahren um 99 auf 763 gestiegen.

Carsharing sei für Nutzer dann besonders attraktiv, wenn sie ein eigenes Auto durch einen Mix aus Bus, Bahn, Fahrrad und Carsharing ersetzen können. In vielen kleineren Städten und im ländlichen Raum sei der ÖPNV aber noch „lückenhaft“, sagt der Verbandssprecher. Viele Haushalte blieben deshalb auf ein eigenes Auto angewiesen. Entsprechend geringer sei auch die Nachfrage nach Alternativen.

Es funktioniert grundsätzlich auch in kleineren Städten

In ländlichen Regionen sei Carsharing „in der Regel noch kein von sich selbst heraus wirtschaftlich tragfähiges Geschäftsmodell“. Für wünschenswert hält der Verband deshalb eine öffentliche Förderung von Angeboten in kleinen Städten und im ländlichen Raum, um das Netz weiter ausbauen zu können. „Wir werben deshalb dafür, Carsharing-Stationen endlich als Teil der durch Steuergelder mitfinanzierten öffentlichen Verkehrsinfrastruktur zu betrachten“, so der Sprecher. Kommunen sollten auch reservierte Carsharing-Stellplätze im öffentlichen Raum einrichten.

Grundsätzlich sei es so, dass Carsharing auch in kleineren Städten und eben nicht nur in urbanen Zentren funktionieren kann, meint Tim Bischoff von Cambio in Bremen. „Das ist auch eine Alternative, um vielleicht nicht ganz auf das eigene Auto zu verzichten, sondern erstmal ‚nur‘ den Zweitwagen abzuschaffen oder einfach für die eigene Flexibilität“, so der Unternehmenssprecher. Als nachhaltig orientierter Dienstleiter könne Cambio aber nicht eine große Flotte an Fahrzeugen zur Verfügung stellen, die zunächst wenig oder gar nicht genutzt werden. „Das wäre auch nicht wirtschaftlich“, so der Sprecher.

Partnerschaftsmodelle bewähren sich

Bewährt haben sich nach seinen Angaben sogenannte Entwicklungspartnerschaften: Öffentliche oder/und private Arbeitgegeber übernehmen dabei als „Ankernutzer“ für einen Zeitraum von einigen Jahren einen Teil der Kosten oder garantieren Fahrtumsätze. „Für uns bietet dieses Modell Planungssicherheit“, sagt der Cambio-Mann.

Denn es brauche Zeit, um Nutzer für die Dienstleistung zu gewinnen. Im Gegenzug könnten die „Ankernutzer“ beispielsweise ihren eigenen Fuhrpark reduzieren oder den betrieblichen Mobilitätsmix umstellen, um gesetzte CO2-Ziele zu erreichen.

Stadt und Unternehmen unterstützen in Leer

Ein solches Modell hat Cambio auch in Leer mit der Stadt und dem Unternehmen Orgadata umgesetzt. Beide Partner sichern einen Mindestumsatz und stellen die Fahrzeuge auch Bürgerinnen und Bürgern zur Nutzung bereit.

Enno Andreessen machen die deutschlandweit wachsenden Carsharing-Angebote Hoffnung, dass sich auch in Emden bald etwas in diese Richtung tun könnte. Einem Partnerschaftsmodell wie in Leer oder anderen Orten räumt auch die im Mai 2021 vorgestellte Studie zur Zukunft der Elektromobilität gute Chancen ein. Sogenannte Ankernutzer könnten demnach nach unter anderem die Stadtverwaltung und die Hochschule sein.

Nach Angaben der städtischen Gesellschaft Wirtschaftsförderung & Stadtmarketing soll ein Carsharing-Angebot zudem eines der ersten Projekte bei der Umsetzung des Ostfriesland-Plans in Emden sein. Konkrete Entscheidungen dazu gebe es allerdings noch nicht. Enno Andreessen muss also noch warten.

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