Missbrauch in der katholischen Kirche Wie das Bistum bei Pfarrer Franz Nienaber tatenlos zusah
25 Jahre lang missbrauchte der gebürtige Cloppenburger Kinder. Nicht nur in seinem Amt als Pfarrer. Auch in der Heimat, in der eigenen Familie. Zu lange passierte nichts. Das zeigt die neue Studie.
Münster/Cloppenburg - „Er war der Schlimmste.“ Diesen Satz sagte der ehemalige Bischof Reinhard Lettmann über Franz Nienaber. Dieser Satz wird in der aktuellen Missbrauchsstudie der Universität Münster zitiert. Und er steht als Musterbeispiel für das strukturelle Versagen der katholischen Kirche beim Umgang mit sexuell übergriffigen Pfarrern im Bistum Münster. Denn Lettmann tat – nichts, mindestens aber nicht genug. Es ist nur ein Beispiel, das ausführlich in der Studie „Macht und sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche“ aufgearbeitet worden ist. Dabei handelt es sich um einen fast 600-seitigen Bericht der Universität Münster. Die Studie ist zwar vom Bistum Münster beauftragt, aber unabhängig von Forschern der Uni Münster erarbeitet worden. In der Studie werden neben dem Fall von Franz Nienaber noch elf weitere Fälle analysiert.
Nienaber, 1925 im Landkreis Cloppenburg geboren, hatte offenkundig unzählige Opfer. An mehreren Orten im Bistum. Auch in seiner Heimat. Auch in der eigenen Familie. Zu diesem Ergebnis kommt David Rüschenschmidt, einer der Verfasser der Studie. Und das Schockierende: Schon 1970 wusste die Leitung im Bistum Münster um die Missbrauchsvorwürfe. Doch erst im März 2010 wurden Nienaber alle priesterlichen Tätigkeiten verboten. Im selben Frühjahr zog er wegen einer festgestellten Demenzerkrankung in ein Heim nach Molbergen. Dort starb er 2017. Strafrechtlich belangt wurde er nie.
Verstörende Spiele mit Heimkindern
Das Studium mit einem „ausreichend“ abgeschlossen, wurde Nienaber 1960 zum Priester geweiht. Doch schon als Theologiestudent soll er auffällig gewesen sein, stellen die Forscher fest. Er meldete sich als ehrenamtlicher Helfer im Vinzenzwerk Münster-Handorf, ein Kinderheim. Ein Betroffener schildert heute von verstörenden Spielen mit den Heimkindern. Er habe sie „an den Armen“ hochgehoben, fallengelassen und „an seinem erigierten Glied“ gerieben, berichtet der Betroffene. In der Einrichtung sei Nienaber wohl aber auch kein Einzeltäter gewesen. Vielmehr schildern die Forscher ein Umfeld, in dem sich weitere Personen mit ihren sexuellen Neigungen in Sicherheit wähnten.
Von 1963 bis 1966 soll Nienaber als Pfarrrektor in Wilhelmshaven in mindestens 3 Fällen Kinder missbraucht haben. „Zu der Zeit war er ein pädophiles Monster“, sagt heute eines der Opfer. Die damals 8- bis 13-Jährigen seien ins Pfarrhaus eingeladen worden. Dort sollten sie sich entblößen. Dann fanden die Missbrauchshandlungen statt.
Mit Jungs in der Wanne
Im Jahr 1966 wechselte Nienaber nach Münster – und suchte sofort wieder die Nähe zum Vinzenzwerk. Er lud Heimkinder in seine Privatwohnung ein. Erst habe es von der Haushälterin Süßigkeiten gegeben. Dann ging es in ein Zimmer mit Bett, dort kam es abermals zu Missbrauchstaten. Nienaber nahm offenbar auch 2 Kinder des Heimes mit in den Urlaub. Das zumindest berichtet eines der Opfer. Den Urlaub verbrachte Nienaber in Wilhelmshaven, seiner alten Wirkungsstätte. Das Opfer berichtet heute, dass Nienaber mit einem weiteren Kirchenvertreter ihn und den zweiten Jungen nackt in die Badewanne stellte. Dabei hätten Nienaber und der andere Mann die Genitalien der Jungen stimuliert.
Auch in seiner Heimat – dem Landkreis Cloppenburg – sei es zu Übergriffen durch den Pfarrer gekommen. Die Jungen aus der Bauerschaft habe er zum Fußballspielen animiert. „Er hat sich dann manchmal hinter uns gestellt und uns von hinten in die kurzen Hosen gefasst und das dann bagatellisierend kommentiert“, zitieren die Forscher der Uni Münster aus einer Betroffenenmeldung vom 9. März 2011. Minderjährige Jungen aus der eigenen Familie nahm er mit zu sich ins Bett für einen Mittagsschlaf. Nackt. Der „Mittagsschlaf“ bestand darin, dass ihn die Jungen masturbierten.
Erzwungener Oralverkehr
1971 wechselte Nienaber nach Delmenhorst. Dort war er 20 Jahre lang tätig. Die Missbrauchstaten reichen bis in die späten 1980er Jahre, dabei sei es nun auch zu erzwungenem Oralverkehr gekommen. Wie perfide Nienaber vorgegangen ist, schildert ein Fall besonders eindrücklich. Eines der Opfer berichtet, wie er als Junge Hilfe und Schutz bei der Kirche suchte, nachdem er von seinem Stiefvater missbraucht worden sei. Das offenbarte er Nienaber im Rahmen einer Beichte.
Nienaber brach das Beichtgeheimnis und informierte den Stiefvater, der den Jungen dann „kräftig verprügelte“. Für den Pfarrer war es hingegen ein Freifahrtschein, sich nun auch mehrfach an dem Jungen zu vergehen. 6 Jahre lang. Vom Stiefvater hatte der Pfarrer nichts zu befürchten.
Dem Bistum seit 1971 bekannt
Wie das Bistum Münster mit den Vorwürfen umging, ist nicht mehr vollständig nachvollziehbar. Es fehlen teilweise Akten. Nachgewiesen ist: Die erste gesicherte Meldung ging Ende 1970 bis 1971 durch eine Sozialarbeiterin beim Vinzenzwerk ein. Die Forscher der Universität Münster kritisieren heute, dass nicht die Ordensschwestern, die im Kinderheim einen viel engeren Kontakt zu den Kindern hatten, aktiv wurden. Im Jahr 2011 räumte schließlich eine Schwester ein, dass die Kinder nach ihren Besuchen in Nienabers Wohnung einen „verstörten Eindruck“ machten.
Zwischen dem Wechsel von Münster nach Delmenhorst ist unklar, wie mit Nienaber verfahren wurde. Während die einen behaupten, er sei zu einer Therapie in den Schwarzwald verpflichtet worden, sagen andere, dass Nienaber eher eine freiwillige Auszeit oder gar einen Langzeiturlaub genommen habe. Zwischen ihm und dem damaligen Personalchef, Domkapitular Wilhelm Stammkötter, gab es einen Briefwechsel. Die schriftlichen Andeutungen, die damals gemacht wurden, können mit dem heutigen Kenntnisstand dahingehend interpretiert werden, dass sich Nienaber mit konkreten Missbrauchsvorwürfen konfrontiert sah, aber auch die Kirchenverantwortlichen sehr wohl informiert waren. Trotz allem trat Nienaber die Stelle in Delmenhorst an.
Geräuschloser Umgang der Kirche mit dem Fall Nienaber
Der ehemalige Bischof von Münster, Reinhard Lettmann, war damals Generalvikar. Im Jahr 2011 räumte er ein, dass er schon damals von den Vorwürfen wusste. Aus diesem Grund sei Nienaber „schleunigst“ aus dem Kinderheim beziehungsweise seiner Stelle in Münster entfernt worden.
Das geräuschlose Umgehen mit derartigen Fällen setzte sich schließlich auch mit Reinhard Lettmann als Bischof von Münster fort. Mitte der 2000er-Jahre habe Heinrich Timmerevers, der damalige Offizial von Vechta und heutige Bischof von Dresden-Meißen, gegenüber Lettmann berichtet, dass Nienaber durch einen Unfall einen Jungen zum Glück nur leicht verletzt habe. Lettmann habe Timmerevers dann zur Seite genommen und gesagt: „Der ist nicht ganz pük; der hat’s mit kleinen Jungs. Pass auf!“ Auf die Frage, wie er denn aufpassen sollte, habe Lettmann lediglich mit Achselzucken reagiert.
Niemals juristisch belangt
Erst als im Jahr 2010 die regionale und überregionale Presse die Vorgänge in Delmenhorst ans Licht brachte und durch weitere Recherchen auch die jahrzehntelange Vorgeschichte Nienabers, wurde Bischof Felix Genn aktiv. Er fordert Nienaber auf, Stellung zu nehmen. Als dieser sich weigerte, entzog ihm Genn das Recht zur Ausübung des Priesteramtes. Zu diesem Zeitpunkt sei Nienaber aber bereits an Demenz erkrankt gewesen. Der damalige Pfarrer und Dechant von Delmenhorst warnte Nienaber mit einem Brief: „Mein lieber Franz, jetzt wird es ernst, du kannst hier nicht bleiben.“ Nienaber zog ins Heim nach Molbergen.
Versuche, Nienaber kirchenrechtlich zu belangen, indem die Verjährungen der Taten ausgesetzt werden sollten, scheiterten 2012 vor der Glaubenskongregation. Aufgrund der senilen Demenz seien Ermittlungen nicht angezeigt.
„Grabbel-Pastor“ hätte nie geweiht werden dürfen
Missbrauchsstudie: Kirche schützte Täter statt Kinder