GA-Kolumne  Schrödingers Katze

Jan Brandt
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Eine Kolumne von Jan Brandt
| 18.06.2022 13:56 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Jan Brandt ist Schriftsteller. Der Ihrhover, der in Berlin lebt, schreibt regelmäßig eine GA-Kolumne. Archivfoto
Jan Brandt ist Schriftsteller. Der Ihrhover, der in Berlin lebt, schreibt regelmäßig eine GA-Kolumne. Archivfoto
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Autor Jan Brandt geht in der GA-Kolumne „Brandts Welt“ auf die Erlebnisse mit seinem Vater ein. Es geht um Corona und seine Folgen.

„Wi hebben’s so fein hier buten.“ Vater trat zum Tee auf die Terrasse hinaus. Es war Ostersonntag, Sonne, blauer Himmel, 20 Grad. Der Flieder blühte. Auf der Liege sitzend putzte eine Wespe ihre Flügel. Von der Spitze der Tanne rief eine Türkentaube sechs Mal hintereinander etwas zu uns herunter. Eine Drossel hüpfte über den Rasen, zog einen Regenwurm aus dem Boden, ohne sich vom Mähroboter in ihrem Tun beirren zu lassen. Ein leichter Wind kam auf und ließ die Markise über uns erzittern. Ich schenkte Vater eine Tasse Tee ein, hob ein Stück Bienenstich auf seinen Teller und setzte mich ans andere Ende des Tisches. Vater hustete und nieste und blies alle paar Minuten lautstark in sein Taschentuch. „Ha, nee“, sagte er, sich die Nase wischend, „wat is’t ok all’n Schiet.“

Am Morgen, nach dem Frühstück, hatte er sich wieder hingelegt. Das war nichts Besonderes, aber angesichts seiner Infektion doch alarmierend. Während ich das Mittagessen zubereitet hatte – Bohnen, Kartoffeln, Lachs –, hatte ich an Schrödingers Katze denken müssen, an das nach Erwin Schrödinger benannte physikalische Gedankenexperiment, demzufolge sich eine Katze in einem geschlossenen Kasten mit einem instabilen Atomkern und Giftgas befindet und gleichzeitig tot und lebendig ist, solange niemand den Kasten öffnet und den Zustand des Tieres überprüft. Solange Vater hinter verschlossener Tür oben in seinem Zimmer lag und ich nichts von ihm hörte, kein Schnarchen, Husten, Schnauben, konnte er beides sein, tot und lebendig.

„Ich dachte, es geht zu Ende“

„Heute Nacht ging’s mir so schlecht“, sagte er jetzt, „ich dachte, es geht zu Ende. Will ich aber noch nicht.“ – „Musst du ja auch nicht“, sagte ich und sprach ihm Mut zu, dass er den Höhepunkt der Krankheit erreicht habe, dass es ihm morgen bestimmt besser gehe, dass er das Schlimmste hinter sich habe. Ich sagte das auch, um mich selbst zu beruhigen, um nicht ständig an Schrödingers Katze denken zu müssen.

„Wi kann‘t wall?“

Meine Geschwister riefen an und erkundigten sich nach unserem Befinden. Nachbarn wünschten uns Frohe Ostern und fragten über den Zaun hinweg oder durch die Hecke hindurch, wie es uns gehe. Vater erklärte: „Mi hett heel leep packt. Wi kann’t wall? T’is nett, as wenn de Wind een dat anweiht hett.“ Die eine Nachbarin sagte „Sönndaags hinkt kien Hund“ und die andere „Dat mutt eerst mall worden, ehrdat mooi word“. Vater legte sich auf die Liege und bat mich, den Giersch zu vergiften, der hinterm Vogelhäuschen hochschoss. „Dienstag“, sagte ich. „Heute und morgen sind Feiertage. Da habe ich frei.“ Er schüttelte den Kopf, war aber zu schwach, etwas darauf zu erwidern. Stattdessen fragte er, wie lang die Quarantäne dauere. „Mindestens eine Woche, aber das kommt ja darauf an, ob du noch ansteckend bist oder nicht.“ Er stöhnte kurz auf, als bereite ihm die Vorstellung, die nächsten Tage zu Hause bleiben zu müssen, die größten Schmerzen. Dann strich er sich übers Bein: „Was besser geworden ist, ist mein Fuß. Ich glaub, der ist geheilt.“

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