Kassel Diese Documenta ist erst an ihren Rändern richtig stark
Friedricianum und Documenta-Halle, sie bilden das Zentrum jeder Documenta. Für die Documenta 15 aber gilt: Erst an ihren Rändern ist sie wirklich stark. Ein Ausflug zu Standorten fernab der Stadtmitte.
Sie wirken verloren wie auf hoher See. Sie tragen Shirts mit der Aufschrift des UNHCR, der Flüchtlingshilfe der UNO, als wären es Rettungswesten. Ihr roh gezimmertes Floß gleicht jenem Floß der Medusa, dass der französische Maler Eugène Géricault Anfang des 19. Jahrhunderts bestürzend ins Bild setzte. Horrorfahrten wie die der Medusa, die in die Geschichte fürchterlicher Schiffsunglücke eingingen, gibt es heute wieder, wenn Flüchtlinge aus Afrika ihre Reise über das Mittelmeer in winzigen Gefährten antreten. Das Werk auf der Documenta erinnert eindringlich an ihr Schicksal. Zugleich steht es für den wohl künstlerisch und kuratorisch stärksten Standort dieser Weltkunstschau - das Hübner-Areal.
Eine Malschule für Kinder, endlose Meter von Ideendiagrammen, Sitzgruppen allerorten: Während das Fridericianum den Eindruck macht, nicht kuratorisch gestaltet, sondern nur mit Material verfüllt worden zu sein, profiliert sich das Hübner-Areal im Kasseler Stadtteil Bettenhausen als die bessere Documenta. Das Unternehmen, das Gelenksysteme für Busse und Bahnen produziert, bietet in einer Industriehalle großzügigen Platz für die Arbeiten mehrerer Kunstkollektive, die hier präsentiert werden. Endlich hat die Ausstellung Luft und Weite, fügen sich die Exponate auch in einer künstlerisch überzeugenderen Weise zueinander. Wer im Fridericianum gelangweilt sein mochte - hier darf er aufleben.
Kein Wunder. Afrikanische Masken unter stählernen Hebebrücken, ein Tuaregzelt neben Rohrleitungen und Bodenmarkierungen - der Kontrast von Kunst und Technik entfaltet hier seinen rauen Charme. Mit Ticketschalter und Shop gibt es die Documenta-Infrastruktur und dazu eine Präsentation, die sich bestens in die Räume fügt, weil sie ihren ganz individuellen Atem haben darf. Ob es an der richtigen Mischung der Medien und Genres liegt? Ja, auch hier gibt es die Videos, in denen Aktivisten ihre Forderung nach Menschenrecht und Bildung artikulieren, auch hier gibt es die Schautafeln mit den Forderungen nach einem besseren Leben. Aber das ist eben nicht alles.
Im Hübner-Areal sind auch jene Videos, Plastiken und Installationen zu sehen, die künstlerisch ansprechen. Da ist die Erdkugel aus Ziegelsteinen, Symbol für einen von Egoismen buchstäblich vermauerten Planeten. Da sind die Handpuppen, mit denen afrikanische Gruppen ihre Theaterstücke aufführen, Bilder aus Workshops wie jenes, auf denen knallbunte Farbbahnen zwar fröhlich aussehen, sich zugleich aber auch zu einer Struktur ohne Ende und Ausweg verschlingen. Mancher Galerist mag da nicht mit der Augenbraue zucken. Aber diese Werke beeindrucken doch als Zeichen einer vitalen Kreativität. Hier gewinnt auch die Documenta als weit verzweigtes Ausstellungsprojekt Leben und vor allem jene Eindringlichkeit, die ihren zentralen Standorten in der Stadtmitte meist abgeht.
Ruangrupa hat nicht nur ein Kooperationsflechtwerk der Projektgruppen inszeniert, sondern auch die Ausstellung selbst zu einem Symbol dieser unübersehbaren Verzweigungen gemacht. Die Documenta findet nicht einfach in Kassel statt, sie infiltriert die Stadt gerade dort, wo Kulturinstitutionen nicht zu finden sind. Nun ist der Ansatz, Kunst außerhalb von Galerie und Museum zu inszenieren, nicht neu. Den Kuratoren dieser Documenta gelingt es gleichwohl, mit diesem Rezept Wirkungen von tiefer Eindringlichkeit und großer Frische zu erzielen. Nirgends ist diese Documenta so gut wie an ihren Rändern. Auch ein Statement.
Neben dem Hübner-Areal sticht vor allem die seit 2019 leerstehende Kirche St. Kunigundis heraus. Das Kollektiv Atis Rezistans und die Ghetto Biennale aus Haiti zeigen dort jetzt ihre Arbeit, hauchen dem seltsam verlassen wirkenden Gotteshaus neues Leben ein - ausgerechnet mit Skulpturen, die mit ihren Totenschädeln wie eine stete Mahnung an die Vergänglichkeit wirken. Die aus Metallschrott und Computerteilen, Plastik und echten Schädeln geformten Skulpturen entfalten vor dem Altarraum des weiter intakten Gotteshausen wuchtige Wirkung, auch weil sich hier die Bilder von Leben und Tod mischen. Ob christliche Symbolik oder Zeichen des Vodoo - die Werke in der Kunigundis-Kirche fordern den westlichen Blick auf die Kunst und ihre Bildlichkeit heraus. Und das intensiver als es mancher Aktionskitsch vermöchte, der im Fridericianum ausgebreitet wird.
Auf dem Weg zurück Richtung Friedrichsplatz bietet sich allemal noch ein Stop im Hallenbad-Ost an. In dem aufgelassenen Bad breitet sich Taring Pdi aus, ein politisches Kollektiv, das in Indonesien mit Künstlerkarnevals und Straßenprotesten Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit einfordert. Die riesigen Bildtafeln entfalten vor der kühlen Architektur einer ehemaligen Badeanstalt optische Wucht und farblichen Zauber. Wer hier hinter dem Oberflächenreiz der Exotik dieser Bildwelten das ernste politische Anliegen nicht vergisst, ist angekommen - im Zentrum einer Documenta, die erst dort richtig stark wird, wo sie sich in der Stadt zu verlieren scheint.