Sylt  FAQ: Das wissen wir über die Punks auf Sylt

Lea Sarah Pischel
|
Von Lea Sarah Pischel
| 16.06.2022 09:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Sany, Ray und Otto (v.l.) übernachten vor einem ehemaligen Supermarkt in der Friedrichstraße, nahe des Bahnhofs. Foto: Pischel
Sany, Ray und Otto (v.l.) übernachten vor einem ehemaligen Supermarkt in der Friedrichstraße, nahe des Bahnhofs. Foto: Pischel
Artikel teilen:

Sie sitzen in der Friedrichstraße, campen vor leerstehenden Supermärkten und chillen am Strand: Menschen aus der Punker-Szene gehören seit zwei Wochen zum Straßenbild an vielen Orten auf Sylt. Aber wer sind diese Menschen? Und was wollen sie konkret? Wichtige Fragen und Antworten.

Mit dem viel beschriebenen Billigticket kommen seit dem 1. Juni auch einige Punker mit der Bahn auf die Insel Sylt. Nachdem es am ersten 9-Euro-Wochenende auf Sylt eher ruhig geblieben war, hat das vergangene Wochenende die Lage auf der Insel verschärft. Die Polizei auf Sylt berichtet von zahlreichen Einsätzen. Manche Gastronomen, die ihre Läden am Wilhelminen-Brunnen - dem Haupt-Treffpunkt der Gruppen - haben, bangen angesichts der für Sylt eher untypischen Gäste jetzt um ihre Existenz. Aber wer sind die Menschen, die sonst eher das Stadtbild von Hamburg, Berlin und Köln prägen? Und haben sie alle die gleichen Ziele?

Am Pfingstwochenende, also dem ersten 9-Euro-Wochenende, waren rund 150 Menschen auf Sylt, die der Punker-Szene zugeordnet werden, wie Sandra Otte, Sprecherin der Polizeidirektion in Flensburg mitteilte. Inzwischen, also zwei Wochen nach dem Start des 9-Euro-Tickets in Deutschland, sind es demnach noch rund 50.

Weiterlesen: Wie umgehen mit den Punks auf Sylt? Eine Insel sucht Lösungen

Die sogenannten Punker kommen aus vielen Orten Deutschlands nach Sylt. Unter anderen aus Großstädten wie Hamburg, Berlin und Köln, aber auch aus kleineren Orten wie Solingen und Kassel. Einige haben sich nach eigener Aussage auf ihren teils mehr als 15 Stunden langen Zugfahrten auf die Insel kennengelernt. Andere sind gemeinsam an ihrem Heimatort gestartet, wie eine Gruppe aus Bielefeld, die am 1. Juni als eine der ersten angereist waren.

Nein, die sogenannten Punker auf Sylt sind eine heterogene Gruppe: Einige kommen nur für wenige Tage und halten sich eher im Hintergrund; andere fallen durch öffentliches Pinkeln und Fäkalien sowie aggressive Ruhestörungen auf. Wieder andere machen auch in ihren Herkunfts-Städten „Platte“ und tun das auch hier - beim Betteln auf Sylt würden sie deutlich mehr Geld bekommen, als andernorts, erzählen sie.

Für einige hat die Reise nach Sylt politische Hintergründe: Sie nennen unter anderem die bundesweite Medien-Berichterstattung über das Billigticket und die „Angst auf Sylt vor dem Pöbel“ als Grund. Sie wollen hier auf Sylt Vorurteile abbauen und zeigen, dass es auch alternative Subkulturen, andere Lebensformen gibt. Auch die vielbesprochene Kapitalismus-Kritik steht für viele im Fokus. Wieder andere bekommen hier, wie oben beschrieben, mehr Geld als an ihren Heimatorten.

Aber auch die Aufmerksamkeit, die diesen Menschen, die sich oft als Randgruppe oder Subkultur bezeichnen, zuteil wird, ist ein wichtiger Faktor. Sowohl von den (bundesweiten) Medien, die ihnen Kameras, Mikrofone und Blöcke entgegen halten und so Platz für (politische) Botschaften geben, als auch die Passanten, die den Punks hier mehr Beachtung schenken als zum Beispiel in Hamburg und Berlin, wo sie eine größere Menge sind, eher zum Straßenbild gehören und dadurch weniger auffallen.

Weiterlesen: Aggressive Punker-Szene auf Sylt: Polizei nimmt zwei Männer fest

Während die Punks in den vergangenen Tagen meist rund um den Wilhelmine gesessen hatten, haben sich ihre Lager jetzt auf verschiedene Orte in Westerland verteilt: Sie schlafen vor einem geschlossenen Imbiss sowie einem ehemaligen Supermarkt, Campen im Park vor dem Rathaus sowie vor Schuhläden und Apotheken. Meist in der Friedrichstraße und in der Strandstraße.

Ihre zuletzt eher provisorischen Lager haben einige inzwischen zu festeren Unterkünften für mehrere Nächte ausgebaut. Mit Planen und Stoffen schützen sie ihre Behausungen gegen den Wind und gegen Blicke. Auch an der oberen Promenade in Westerland, geschützt unter einem regensicheren Steinbogen, haben sich zahlreiche niedergelassen.

Einige kommen für wenige Tage und sitzen am Strand. Sie genießen, wie andere Tagesgäste, die Sonne und die Insel. Andere versammeln sich am Wilhelminen-Brunnen - dort wird mit Bier gefeiert. Einige sitzen in der Friedrichstraße und haben ihre (politischen) Botschaften auf Papptafeln oder mit Kreide auf den Asphalt geschrieben - mit lustigen und kritischen Sprüchen unterhalten sie Passanten. Andere liegen vor Supermärkten und fragen nach Geld.

Die meisten haben sich vorab online verabredet und sind dann gemeinsam mit dem Zug und dem 9-Euro-Ticket angereist. Aber auch auf der Insel entstehen jetzt neue Bekanntschaften und dadurch teilweise eine Art Festival-Atmosphäre. Zum Beispiel wenn die neuen Sylt Gäste sich in ihren provisorischen Unterkünften zum Bier besuchen und gemeinsam feiern.

Ein Alkoholverbot ist laut Bürgermeister Nikolas Häckel rechtlich nicht zulässig, auch der Aufenthalt im öffentlichen Raum könne demnach nicht verboten werden. Denn die Menschengruppen - zum Beispiel rund um den Wilhelminen-Brunnen - haben das Recht des Gemeingebrauchs an öffentlichen Straßen und Plätzen. Das Schlafen in den Hauseingängen kann laut Häckel nur von den Eigentümern der Gebäude gemeldet werden.

Auch interessant: Bildergalerie: Neue Pfingst-Eindrücke von Sylt

Das ist bisher schwierig abzusehen und lässt sich nicht mit Gewissheit sagen: Möglicherweise kommen während der nächsten zweieinhalb Monate (das 9-Euro-Ticket gilt bis Ende August) weitere linke Gruppen und/oder Punker nach Sylt. In den sozialen Medien gibt es weiterhin linke Initiativen, die sich auf Facebook, Twitter, Reddit, Telegram und Co. zu teils politischen Treffen verabreden - einige davon werden vermutlich groß. Die antikapitalistische Initiative „Aktion Sylt“ plant voraussichtlich im August ein großes zweiwöchiges „Protestcamp gegen die Gentrifizierung und den Mietenwahnsinn auf Sylt“, schreiben sie auf Twitter.

Zum großen Chaos auf der Insel könnte es dann kommen, wenn rechte Gruppierungen ihre Pläne in die Tat umsetzen und auf der kleinen Insel auf die Linksalternativen treffen. „Die Rechte - vorwärts für Deutschland“ hat jetzt für den 30. Juli online eine nationale Demonstration auf Sylt angekündigt. „Sylt für alle - Gemeinschaft statt sozialer Spaltung“ ist das Thema.

Ähnliche Artikel