Kolumne Artikel 1, GG  Korrekt-bis-zum-geht-nicht-mehr

Canan Topçu
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Eine Kolumne von Canan Topçu
| 15.06.2022 09:17 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Canan Topçu
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In unserer Mittwochs-Kolumne geht es immer um gesellschaftliche Vielfalt. Diesmal um den Hamburger „Tatort“ vom vergangenen Sonntag.

Eines der Rituale von meinen Mann und mir ist, gemeinsam den Sonntagabend-Krimi im Ersten anzuschauen. Wenn es nicht eine attraktivere Alternative gibt, verpassen wir keinen „Tatort“ oder „Polizeiruf“. Wir spekulieren etwa darüber, wer der Mörder ist, und ob das jeweilige Milieu, in dem die Handlung spielt, realistisch dargestellt wird. Welche Dialoge in bestimmten Situationen geführt werden, wissen wir meist auch schon. Ein Beispiel: „Wir brauchen schnell Ergebnisse, die Presse sitzt uns schon im Nacken!“ So oder so ähnlich drängen nämlich immer wieder Vorgesetzte die Ermittler um Erfolge. Was für‘n Quatsch! Journalisten bekommen ja nicht jeden Mord und Totschlag sofort mit und setzen die Polizei unter Druck, um an Infos zu gelangen.

Früher habe ich mich auch über die klischeehafte Darstellung von Muslimen und türkischstämmigen Protagonisten aufgeregt. Wie wenig Ahnung die Macher hatten, zeigte sich unter anderem an der Art, wie Kopftücher gebunden wurden – nämlich so, wie es kaum eine muslimische Frau in Deutschland trägt. Nervig fand ich auch, dass in fast jeder Szene, die in einer türkischstämmigen Familie spielt, Tee in kleinen Gläsern mit Goldrand serviert wird.

Im Zuge der Diversity-Offensive achten Produktionsfirmen nunmehr auf Vielfalt bei Akteuren und Handlungen sowie auf das Vermeiden klischeehafter Darstellung von Menschen aus Minderheitengruppen.

Wenn bestimmte Regeln nicht beachtet werden, dann gibt es keine Drehaufträge und Fördermittel mehr. Eigentlich ist das eine gute Initiative. Wenn aber wie am vergangenen Sonntag ein Krimi dabei rauskommt, der im Bezug auf Repräsentanz von gesellschaftlicher Vielfalt korrekt-bis zum-geht-nicht-mehr ist, in dem die Dialoge platt und die Handlung so wirkt, als sei der Zweck des Films politische und gesellschaftliche Bildung, dann fühle ich mich veräppelt.

Wie hat Ihnen denn der „Tatort“ gefallen? Schreiben Sie mir bitte! Ihr Urteil interessiert mich.

Kontakt: kolumne@zgo.de

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