Münster Missbrauchsaufarbeitung im Bistum Münster: Die Entzauberung des heiligen Mannes
Angesichts der Erkenntnisse in Münster kann es nicht mehr nur um die Verbesserung von Meldeketten und Schulungen gehen. Es geht um das Priesterbild als solches.
Es ist nicht übertrieben, wenn die Münsteraner Forscher die katholische Kirche im Bistum Münster als “Täterorganisation” bezeichnen. So kungelte Führungspersonal auf Kirchenseite offenbar vielfach mit Staatsanwälten, um Strafverfolgung zu vereiteln. Und der Schutz der Institution Kirche stand hier wie anderswo über allem, auch über dem Wohl von Kindern.
Es galt dafür zu sorgen, dass der einzelne Priester als geweihter Mann sein Amt weiter ausüben kann - auf Kosten von Menschen, die sich nicht wehren konnten. Die Kirche war damit nicht alleine - in den 60er-, 70er-Jahren war das Bewusstsein für das Leid der Opfer gering. Auch kann man nicht sagen, ob es in der Kirche zu überdurchschnittlich vielen Übergriffen kam, weil Vergleichsstudien fehlen. All das entlässt die Kirche aber nicht aus ihrer Verantwortung. Als Institution, die sich als Hüterin von Moral und Nächstenliebe definiert, gelten hier besonders hohe Erwartungen, die besonders eklatant enttäuscht wurden.
Wie geht es nun weiter? Es lässt aufhorchen, wenn die Historiker in Münster davon sprechen, Aufarbeitung sei weniger intrinsisch, also aus eigenem Antrieb motiviert, als von außen erzwungen. Wie ist die Kirche heute aufgestellt? Wie weit herrscht noch die Idee vor, Kirche schützen zu müssen und Priester als heilige Männer anzusehen?
Und ist es nicht ein Fehler im System, wenn Bischöfe umfassende Verantwortung für das Wohlergehen ihrer Priester übernehmen? “Zu sehr Seelsorger, zu wenig Dienstvorgesetzter” - so bezeichnete der amtierende Münsteraner Bischof Felix Genn seine Haltung. Wie aber kann ein Bischof als Seelsorger, als Vertrauter, als jemand, der einen anderen als “Bruder”, als Familienmitglied empfindet, all diesen Rollen gleichzeitig gerecht werden? Es ist Zeit, die systemischen Veränderungen nicht nur auf Meldeketten und Schulungen zu fokussieren, sondern auch die komplexen arbeitsrechtlichen und persönlichen Verflechtungen im Kirchenkosmos in den Blick zu nehmen.