Osnabrück  Musikpreisträger Dmitry Smirnov traut sich was

Jan Kampmeier
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Von Jan Kampmeier
| 13.06.2022 11:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Überzeugendes Erlebnis: das 4. Kammerkonzert mit Dmitry Smirnov im Theater. Foto: Thomas Osterfeld
Überzeugendes Erlebnis: das 4. Kammerkonzert mit Dmitry Smirnov im Theater. Foto: Thomas Osterfeld
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Dmitry Smirnov, Osnabrücker Musikpreisträger und „Artist in Residence“, gestaltete mit spürbarer Lust am Sonntag ein Kammerkonzert zusammen mit Streichern des Osnabrücker Symphonieorchesters.

Warum Dmitry Smirnovs Karriere so schwungvoll anläuft? Weil der Mann sich was traut. Beim Kammerkonzert im Orchesterstudio des Theaters traut sich der Geiger zum Beispiel in Franz Schuberts großem Streichquintett eine der Cellostimmen zu. Geiger spielen aber normalerweise nicht Cello, denn abgesehen von der Haltung des Instruments sind auch die Fingersätze und die Bogenführung ziemlich verschieden. Und Dmitry Smirnov spielt das Instrument definitiv nicht so professionell wie die Violine.

Doch andererseits ist es eben auch nicht so, dass er mit dem Part nicht zurecht käme, und wahrscheinlich hatte er einfach Lust, mal das Fundament zu liefern. Die führende Position an der ersten Geige überlasst er damit dem Osnabrücker Konzertmeister Michal Majersky, und der gestaltet sie ungemein ausdrucksvoll. Insgesamt ist dieser Schubert sicher nicht in jeder Hinsicht technisch perfekt, aber dafür sehr energisch gespielt.

Das Osnabrücker Publikum kennt Dmitry Smirnov inzwischen, denn der Musikpreisträger hat schon im Sinfoniekonzert gespielt. Und womöglich kennen ihn auch viele, die in diesem Konzert gar nicht gewesen sind, denn da war ja noch die Geschichte mit dem ukrainischen Botschafter Andrij Melnyk. Der „Diplomat“ warf dem Geiger vor „Brücken direkt in die Hölle“ zu bauen, weil der ein russisches Violinkonzert spiele. Abgesehen davon, dass Brücken in die Hölle vermutlich doch nicht ganz so einfach zu bauen sind, war der Vorwurf schon deshalb vollkommen unbegründet, weil Smirnov in Wirklichkeit ein ukrainisches Konzert gespielt hat.

Dmitry Smirnov hat sich klar gegen den russischen Angriff auf die Ukraine positioniert und auch solche Auftritte in Russland abgesagt, deren Veranstalter ihm zu wenig Distanz zur russischen Regierung hatten. Trotzdem spielt er nun, im Kammerkonzert, tatsächlich auch ein russisches Werk. Er hat Auszüge aus Igor Strawinskijs „Appolon Musagete“ sogar selbst bearbeitet für eine Besetzung mit vier bis sechs Streichern. Gut so, denn Gott sei Dank kann man ja gegen den Krieg sein und dennoch für gute russische Musik.

Die erste Konzerthälfte hat indes noch mehr zu bieten. Dmitry Smirnov hat offenbar richtig Lust, mit Michal Majersky, Anton und Mariia Govorun, Winfried Jochemczyk und Yuri Kim Kammermusik zu spielen, sie alle sind Streicher des Osnabrücker Symphonieorchesters. In verschiedenen Formationen vom Duo bis zum Sextett erkundet er, in dem Fall an der Violine und nicht am Cello, Werke von Telemann bis hin zur 1982 geborenen Komponistin Caroline Shaw. Und all das gelingt richtig gut. Warum? Weil er sich immer etwas traut, und zwar in diesem Fall die große, theatralische Geste.

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