GA-Kolumne  Osterfeuer

Jan Brandt
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Eine Kolumne von Jan Brandt
| 11.06.2022 09:54 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Jan Brandt ist Schriftsteller. Der Ihrhover, der in Berlin lebt, schreibt regelmäßig eine GA-Kolumne. Archivfoto
Jan Brandt ist Schriftsteller. Der Ihrhover, der in Berlin lebt, schreibt regelmäßig eine GA-Kolumne. Archivfoto
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Autor Jan Brandt geht in der GA-Kolumne „Brandts Welt“ auf die Erlebnisse mit seinem Vater ein. Es geht um Corona und seine Folgen.

So“, sagte ich zu Vater, „lass uns mal einen Test machen.“ Am Nachmittag waren wir zuerst im Einkaufszentrum, dann bei Brahms zu Tee und Kuchen verabredet, und ich wollte sicher gehen, dass wir niemanden gefährdeten. „Jetzt?“, fragte Vater, „hat das nicht Zeit? Ich wollte noch Besorgungen machen.“ Ich schüttelte den Kopf, sagte „Je eher, desto besser“, friemelte Teststreifen, Röhrchen und Stäbchen aus den Verpackungen und legte alles vor mich hin. Erst führte ich den Test bei ihm durch, dann bei mir. Meiner war negativ, seiner zeigte schon nach wenigen Sekunden einen zweiten Balken. Als ich ihn davon in Kenntnis setzte, sagte er: „Wie kann’s wohl?“

Ich rief alle an, mit denen wir in den vergangenen zwei Tagen Kontakt hatten, nur das Paar nicht, dem wir im Hofcafé begegnet waren, das stand nicht im Telefonbuch. Unsere Nachmittagsverabredungen sagte ich ab. Die Besorgungen, die er erledigen wollte, erledigte ich. Bei schönstem Sonnenschein fuhr ich durchs Dorf, kaufte extra viel ein, in der Erwartung, dass es mich auch erwischen könnte und wir zehn Tage in Isolation verbringen mussten, und kehrte kurz vor Mittag wieder nach Hause zurück. „Meine Bandkollegen haben’s auch, dieses Corona“, verkündete Vater beschwingt, fast glücklich, eine neue Geschichte erzählen zu können, kaum dass ich mit den Einkäufen durch die Tür getreten war.

Stella bat mich, auszuziehen

Sobald ich mein Zimmer verließ, setzte ich meine Maske auf und ging Vater, soweit das möglich war, aus dem Weg. Jedes Mal, wenn er etwas berührt hatte, sprühte ich die Griffe und Geräte mit Desinfektionsspray ein. Als ich mit Stella telefonierte, bat sie mich, auszuziehen. Aber ich wusste nicht, wo ich hinsollte, jetzt, da ich das Virus womöglich schon in mir trug.

Wieder kein richtiges Osterfest“, sagte meine Schwester am Telefon, „das dritte Jahr in Folge.“ Und mein Bruder sagte: „Du Student, was schleppst du uns auch die Seuche aus der Großstadt ein.“ In aller Ruhe erklärte ich ihm, wer wen angesteckt hatte: Vater mich, nicht ich ihn und er sich bei einem Konzert seiner Band im Dorf, seine Kollegen seien auch betroffen. „Dann sieh zu, dass du gesund bleibst und ihn pflegen kannst.“

„Mir schmeckt‘s noch“

Ich merke nichts“, sagte Vater, als wir auf der Terrasse Kartoffeln und Blumenkohl mit Holländischer Tunke aßen. „Und es schmeckt mir auch noch.“ Aber nachdem er sich hingelegt und ich ihn zum Tee geweckt hatte, klagte er über Unwohlsein und Schüttelfrost. Den Kuchen, den ich am Morgen gekauft hatte, aß er jedoch mit großem Vergnügen, auch den Tee verschmähte er nicht. Hinterher zog er sich eine Strickjacke an, setzte seine Mütze auf und legte sich auf seiner Liege in die Sonne. „Wärst du jetzt im Heim“, sagte ich, „dürftest du dein Zimmer nicht verlassen. Und Besuch könntest du auch nicht empfangen.“

Rasen mähen, Fugen kratzen

Anstatt sich darüber zu freuen, gab er mir Aufträge: den Schuppen auszufegen, den Mähroboter zu reinigen, die Fugen auszukratzen und den Rasen zu sprengen. Ich erledigte die Hälfte, schwang mich aufs Rad und fuhr zu Freunden zum Osterfeuer am Deich. Vaters Diagnose hatte sich schon bis zu ihnen herumgesprochen. Von weitem riefen sie mir zu: „Maak, dat du de Dreih kriggst.“

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