Kassel Documenta 15: Wie wird die neue Weltkunstschau in Kassel?
Sie ist die weltweit wichtigste Ausstellung zeitgenössischer Kunst: die Documenta. Am 18. Juni 2022 wird ihre 15. Ausgabe eröffnet. Was muss man wissen, um mitreden zu können? Der Überblick zum Start des Megaevents.
Wer leitet die Documenta 15? Das war der Knaller: Als Leiter der Documenta 15 bestellt die Findungskommission 2018 keinen einzelnen Kurator wie noch Adam Szymczyk für die Documenta 14 von 2017, sondern ein Kollektiv: Ruangrupa aus dem indonesischen Jakarta. Der Name des im Jahr 2000 gegründeten Kollektivs bedeutet so viel wie "Kunstraum". Die Gruppe hat einen Kern von zehn festen Mitgliedern. Wichtiger als Namen sind allerdings Praktiken: Ruangrupas Kunst ist eine Kunst der Kooperation. Im Zeichen von Solidarität und Nachhaltigkeit knüpft die Gruppe Netzwerke für eine Kunst von unten. Ob Bildungsprojekt oder Radiosender - Ruangrupa führt eine Kunst als Graswurzelbewegung vor. Nun soll das Kollektiv eine ganze Documenta gestalten. Das Experiment beginnt. Aber war die Documenta jemals etwas anderes?
Wer steht auf der Künstlerliste? Kurze Antwort: Keine großen Namen. Diese Documenta formuliert die krachende Absage an den Starkult des westlichen Kunstbetriebes. Prominente Namen wie der des kürzlich verstorbenen Jimmie Durham oder Tania Brugueras bleiben die Ausnahme. Ruangrupa dupliziert sich, so scheint es, auf der Künstlerliste fortlaufend selbst: Kulturelle und soziale Kollektive aus dem globalen Süden dominieren das Bild, ob Ikkibawikrrr, ein Projekt, das die Verbindungen von Pflanzen und Menschen erforscht, das japanische Reisekino Cinema Caravan oder das Künstlernetzwerk Britto Arts Trust aus Bangladesh. Geheimtipp aus Deutschland: Markus Ambach, der gerade ein Kunstprojekt des Essener Museum Folkwang im Außenraum betreut, mischt auch auf der Documenta als Netzwerker mit.
Wo findet die Documenta in Kassel statt? Knappe Antwort: An 32 Orten. So viel Documenta gab es in der nordhessischen Stadt noch nie. Natürlich bleiben Fridericianum, Documenta-Halle und Neue Galerie als zentrale Ausstellungsorte gesetzt. Zentral wird aber auch das Ruru-Haus an der Königstraße sein. Das ehemalige Kaughaus Sportarena kombiniert diverse Funktionen: Ticketshop, Buchladen, Hauptquartier von Ruangrupa, Treffpunkt, Diskussionsplattform - es gibt wohl nichts, was das knallbunt bemalte Ruru-Haus während der 100 Tage der Documenta nicht sein wird. Ansonsten gibt es einen wilden Mix der Standorte, von Grimmwelt und Hotel Hessenland bis Hallenbad Ost und Bootsverleih Ahoi. Tipp: Festes Schuhwerk, Lageplan und Tagesticket für Bus und Bahn gehören zur Grundausstattung eines jeden Documenta-Besuchers.
Was ist schon zu sehen? Wir sehen schwarz! Für das Fridericianum, den zentralen Ausstellungsort der Documenta, gilt das bereits - zumindest als Kalauer. Der rumänische Künstler Dan Perjovschi hat die hellen Säulen des Portikus am Fridericianum schwarz gefärbt und mit weißen Zeichnungen übermalt, mit Motiven von Gendergap bis Windrad. Perjovschis Bilder und Parolen sind schon jetzt die witzige Wandzeichnung dieser Documenta. Wer wissen will, worum es geht - Perjovschi gibt Auskunft. Das Wajukuu Art Project aus Kenia verwandelt die Documenta-Halle gerade in eine Wellblechhütte mit einem Vorbau aus Zweigen. The Nest Collective baut eine Installation aus Müll auf der Karlswiese auf und auf der Fulda treiben bereits die "Floating Gardens" von Ilona Németh. Die Vorzeichen sagen es: Der globale Süden meldet sich in Kassel zu Wort. Die Agenda wird von Themen wie Klima und Nachhaltigkeit dominiert werden.
Welcher Streit tobt im Vorfeld? Der Vorwurf wiegt schwer: Seitdem Kasseler Blogger die Documenta-Leitung des Antisemitismus beschuldigten, tobt die Debatte. Das Kollektiv The Question of Funding aus Ramallah aus den palästinensischen Gebieten im Westjordanland soll einem Kulturzentrum verbunden sein, das den Namen eines arabischen Nationalisten und Hitler-Bewunderers trägt. So sehr die Documenta-Macher auch dementieren - der Vorwurf des Antisemitismus hält sich seit der Publikation eines Kasseler Bloggerkollektivs ebenso hartnäckig wie der Verdacht, die Kunstschau könne dem israelfeindlichen Bündnis BDS, Boykott, Desinvestition und Sanktionen, eine Plattform bieten. Der Zentralrat der Juden hat heftig interveniert, Kulturstaatsministerin Claudia Roth meldete sich zu Wort. Noch vor der Vernissage ist die Documenta in der Defensive, muss sich rechtfertigen. Bleibt da der Blick noch frei für die Kunst?
Welche Wörter müssen wir lernen? Ortsspezifisch, kuratieren, Installation: Die Kunstwelt spricht ihre eigene Sprache. Außenstehende hören oft nur Kauderwelsch. Für die Documenta 15 gilt: Alles noch einmal neu lernen! Der Kunstführer heißt nicht mehr Guide, sondern Sobat, der Treffpunkt ist das Ruruhaus und wer überhaupt mitreden will, sollte zumindest das Zauberwort Lumbung erklären können. Das indonesische Wort für Reisscheune symbolisiert die Philosophie der Documenta, die um das Kollektiv und gemeinsames Arbeiten kreist. Wer einfach in der Ecke sitzt, praktiziert Nongkrong, wer an einer Versammlung teilnimmt, ist bei einem Majelis dabei. Weitere Vokabeln gefällig? Der Tipp: Zur Documenta fahren und sich in ihre Sprache einhören.
Wann, wie und wo? Die Documenta 15 läuft vom 18. Juni bis zum 25. September 2022. Die Ausstellungsorte werden täglich von 10 bis 20 Uhr geöffnet sein. Tickets können unter www.documenta-fifteen.de/tickets oder Telefon 030/84108908, Führungen, sogenannte Walks and Stories, unter www.documenta-fifteen.de/ausstellungsrundgaenge gebucht werden. Zur Documenta erscheinen mehrere Publikationen, darunter das Handbuch zur Ausstellung und "Gehen, finden, teilen", der Guide für Familien.