Osnabrück Faszinierende musikalische Fusionen beim Morgenland Festival
Die Musik des Balkans und des Vorderen Orients standen auf dem Programm, als das Morgenland Festival am Pfingstwochenende in die Lagerhalle einlud. Zu Gast waren das Projekt Roots Revival, die ungarische Roma-Band Romengo mit der Sängerin Mónika Lakatos sowie Ivo Papasov und seine „Wedding Band“.
Wenn Ivo Papasov bei einer Hochzeit aufspielt, gerät das Ja-Wort des Brautpaares in den Hintergrund. Zumindest in Bulgarien, der Heimat des Klarinettisten, fegt der furiose Sound seiner „Wedding Band“ jeden Gedanken an eine beschauliche Hochzeitsparty im Nu hinweg. Und wer zu dieser explosiven Musikmixtur tanzt, muss schon eine gewisse artistische Begabung haben: So schnell die Beats, so atemberaubend die musikalischen Themenwechsel, so rasant sind die Soli der einzelnen Musiker.
Beim Morgenland Festival war Ivo Papasov mit seiner „Wedding Band“ zu Gast. Eigentlich stand der Musiker bereits im vergangenen Jahr auf der Wunschliste von Festivalleiter Michael Dreyer. Doch die Corona-Pandemie verhinderte, dass Musiker ohne Probleme aus dem Ausland nach Deutschland reisten. Daher konnte der Sohn einer türkischen Roma-Familie jetzt erst den Beweis antreten, wie fesselnd sich seine Fusion von bulgarischer Folklore, zeitgenössischer Musik und vielen Jazzbeimischungen gestaltet.
Geradezu ruhig war es dagegen am Montagabend zugegangen, als Mehdi Aminian sein „Roots Revival“ in der Lagerhalle präsentierte. Der gebürtige Iraner versteht sich als Forscher, der Musikstilen vom Balkan und aus dem Vorderen Orients nachspürt. Das Instrumentarium der Band bestand aus Violine, Kontrabass, Percussion sowie der Ney, einer persischen Flöte, die Aminian selbst spielte. Darüber hinaus sorgten die Klänge der iranische Stachelgeige Kamanche und der traditionelle Gesang der rumänischen Sängerin Maria Casandra Hauşi für eine Mixtur, die Aminian zutreffend als „Timbres of Middle-East-Europe“ bezeichnete.
Nach Ungarn wurde das Publikum am frühen Dienstagabend von Romengo und der einzigartigen Sängerin Mónika Lakatos entführt. Auch hier hätten Musikforscher ihre wahre Freude gehabt, denn diese Band pflegt die musikalische Tradition der Oláh-Roma. „Bis vor 70 Jahren hatten unsere Musiker keine richtigen Instrumente, auf denen sie spielen konnten. Also nahmen sie Haushaltsgeräte zur Hand. Der Rest wurde mit dem Mund gemacht“, erklärte Romengo-Mitglied Mihály Rosonczy-Kovács, der ein paar Semester in Tübingen studiert hat und daher deutsch spricht.
Er spielt Violine, Bandchef Mihály Mazsi Rostás spielt Gitarre, der alten Tradition folgten zwei Musiker, die mit einer Milchkanne und einer Brotteigwanne aus Holz für Rhythmik sorgten. Der typische Roma-Gesang von Mónika Lakatos wurde immer wieder mit sogenanntem „Mundbass“ angereichert. Das ist eine Art Beatboxing, wie man es heute kennt, nur unter Verwendung von gerufenen Fantasieworten, die keine wirkliche Bedeutung haben. Ob das Schuhplatteln, das die beiden Perkussionisten in kleineren Tanzeinlagen praktizierten, auch zur Oláh-Tradition gehört oder eher bei Alpenbewohnern abgeschaut wurde, konnte leider nicht beantwortet werden. Jedenfalls begeisterten die heitere Musik und die Freude, mit der sie vorgetragen wurde, auf ganzer Linie.
„Viele Töne“, war schließlich der Kommentar eines Besuchers zur zweiten Hälfte des Doppelkonzertabends. Tatsächlich staunte das Publikum nicht schlecht über die Schnelligkeit der meisten Stücke, die Ivo Papasov mit seiner „Wedding Band“ spielte. Ob Akkordeon, die bulgarische Hirtenflöte Kaval, ob Gitarre oder vor allem die Klarinette des Bandchefs, die Virtuosität, die die Musiker vor allem mit diversen Soli unter Beweis stellten, war wirklich erstaunlich. Nur wenn Sängerin Maria Karafizieva die Bühne betrat, wurde der jazzige Balkan-Beat ein wenig gedrosselt. Die kompositorische Verquickung von typischen Brass-Motiven mit zeitgenössischen Jazzphrasen hatte einst sogar Frank Zappa zum Papasov-Fan gemacht.
Gegen Ende des Konzerts erwartete das Publikum eine Überraschung: Drei Gastmusiker der Morgenland Allstars beflügelten die geradezu funkige Musik, die die Weddingband schließlich anstimmte: Trompeter Frederik Köster, Tubaspieler Michel Godard und Violinist Ziya Gückan trieben das Konzert zu einem fantastischen Höhepunkt.