Rechterfeld  Inflation: Sparen die Menschen in der Krise am Tierwohl-Fleisch?

Dirk Fisser
|
Von Dirk Fisser
| 06.06.2022 10:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Geflügel in einem PHW-Schlachthof: Die Deutschen essen immer mehr Geflügel. Aber Corona und Ukraine-Krise machen auch Marktführer PHW zu schaffen. Foto: Friso Gentsch/dpa
Geflügel in einem PHW-Schlachthof: Die Deutschen essen immer mehr Geflügel. Aber Corona und Ukraine-Krise machen auch Marktführer PHW zu schaffen. Foto: Friso Gentsch/dpa
Artikel teilen:

Peter Wesjohann, Chef des Wiesenhof-Mutterkonzerns PHW, fordert von der Bundesregierung nicht nur eine verpflichtende Haltungs- sondern auch eine Herkunftskennzeichnung. Nicht ohne Grund: Der deutsche Marktführer beobachtet, dass immer häufiger Billigfleisch aus Brasilien aufgetischt wird.

Niemand schlachtet so viel Geflügel in Deutschland wie die PHW-Gruppe. Etwa jedes dritte vermarktete Hähnchen hierzulande stammt von dem Konzern mit Hauptsitz in Rechterfeld. Die bekannteste Marke der Niedersachsen: Wiesenhof.

Die Folgen von Corona-Pandemie und Ukraine-Krieg hinterlassen auch beim Marktführer mit seinen gut 8900 Mitarbeitern Spuren. Vorstandsvorsitzender Peter Wesjohann hat in die Firmenzentrale im Landkreis Vechta geladen, um darüber zu sprechen.

Eine ganz frische Beobachtung, die er macht: Weil Supermarktkunden aufgrund der Inflation offenbar sparen müssen, greifen sie seltener zu teurerem Fleisch aus besserer Tierhaltung. Ein Trend, der sich fortsetzen wird? Darüber, Billigkonkurrenz aus Brasilien und den Umbau der Tierhaltung in Deutschland spricht Wesjohann:

Frage: Herr Wesjohann, erst Corona, dann Ukraine-Krieg: Wie geht es Ihrem Unternehmen in diesen turbulenten Zeiten?

Antwort: Wir kämpfen mit den Auswirkungen dieser Krisen. Schon die Corona-Krise hatte erhebliche Kostensteigerungen zur Folge. Die Folgen des Ukraine-Krieges toppen das aber noch einmal. Ich mache das einmal am Futter fest: Bis zu 70 Prozent der Kosten bei der Geflügelfleischproduktion gehen auf das Futter zurück. Die Futterkosten haben sich in den zurückliegenden Wochen verdoppelt. Die Ukraine und Russland sind wichtige Futtermittelexporteure, die ausfallen. Hinzu kommen teurere Verpackungen, Energie und so weiter. Wir stehen vor einer Vielzahl an Herausforderungen, die wir noch nicht alle gemeistert haben.

Frage: Ist Ihr Unternehmen in der Existenz gefährdet?

Antwort: Die Lage ist kritisch, aber nicht existenzbedrohend. Wir waren gut aufgestellt, haben in der Vergangenheit gut gewirtschaftet, davon profitieren wir jetzt.

Frage: Sind diese Kostensteigerungen für Produzenten denn schon im Supermarkt angekommen in Form höherer Preise?

Antwort: Nur teilweise. Da wird noch etwas auf die Verbraucher zukommen. Das gilt für Geflügelfleisch, gilt aber sicherlich für alle anderen Lebensmittel ebenso. Auf Seiten der Produzenten, konkret bei uns, sehe ich jedenfalls wenig Möglichkeiten, die Kostensteigerungen zu kompensieren. Was sollen wir machen? Die Hähnchen nicht mehr füttern?

Frage: Haben die Handelskonzerne denn Verständnis?

Antwort: Wir pflegen da eine vernünftige Diskussionskultur. Aber ich sage mal so: Es gibt manchmal unterschiedliche Sichtweisen beim Thema Preisbildung. Das war vor Corona und Krieg schon so und ist jetzt auch nichts anders.

Frage: Weicht der Handel auf billigere Konkurrenz aus dem Ausland aus, um das Preisniveau im Supermarkt zu halten?

Antwort: Im Handel beobachte ich das nicht unbedingt, aber im Gastronomiebereich. Circa 60 Prozent des Geflügelfleischabsatzes in Deutschlands findet hier statt. Und es wird in diesen Absatzkanälen stärker auf ausländische Ware zurückgegriffen. Das ist dann Fleisch aus Osteuropa, aber im Conveniencebereich auch aus Brasilien. Der Kunde erkennt das im Zweifelsfall ja nicht.

Frage: Merken Sie bei Ihren Produkten, dass die Menschen angesichts allgemeiner Preissteigerungen sparen müssen? Wird eher zu den günstigeren Alternativen gegriffen, die weniger Tierwohl bieten?

Antwort: Die Preissteigerungen sind ja erst wenige Tage und Wochen alt. Insofern ist das alles mit Vorsicht zu genießen. Aber erste Beobachtungen zeigen: Wir verzeichnen aktuell einen leichten Absatzrückgang bei den teureren Produkten mit mehr Tierwohl. Das ist durchaus verständlich. Das Leben insgesamt wird teurer: Sprit, Gas, Strom. Da muss irgendwo gespart werden. 

Frage: Wie sehr macht sich denn das teure Gas bei Ihnen bemerkbar?

Antwort: Gas ist extrem wichtig für die komplette Kette: Von der Brüterei, über den Stall bis zum Schlachthof und Kühlhaus. Käme es zu einem Gasembargo, dann hätten wir sofort erhebliche Tierschutzprobleme. Umso wichtiger ist es, dass die Gasversorgung auch bei einem Embargo gesichert ist. 

Frage: Wie froh sind Sie in diesen Tagen, dass Sie Hähnchen schlachten und keine Schweine? Bei Ihren Kollegen in diesem Sektor kommt ja zu all dem noch der Umstand hinzu, dass immer weniger Schweinefleisch gegessen wird. Geflügelfleisch hingegen kommt immer häufiger auf den Teller.

Antwort: Sie haben schon Recht: Vergleichsweise leichtes Hähnchenfleisch passt gut zu gesunder Ernährung. Hinzu kommen die Vorteile in Sachen Nachhaltigkeit: Für jedes Kilo Hähnchenfleisch brauchen wir nur 1,5 Kilo Futter. Da können Schwein und Rind nicht mithalten. Insofern ist Hähnchenfleisch deutlich umweltfreundlicher. Ich gehe davon aus, dass der Hähnchenfleischkonsum in Deutschland und Europa weiter steigen wird.

Frage: Trotzdem will die Bundesregierung beim staatlichen Haltungskennzeichen mit dem Schwein beginnen und andere Tierarten erst später reinholen. Enttäuscht Sie das?

Antwort: Wir sind Vorreiter in Sachen Tierwohl und Haltungsformen. Die PHW-Gruppe vermarktet 95 Prozent ihrer deutschen Produktion unter einem Tierwohlkonzept. Der Standard bei uns liegt deutlich über dem gesetzlichen Mindeststandard und wir werden da immer besser: Wir schlachten derzeit 250.000 bis 260.000 Tiere die Woche, die in Ställen mit Außenklimakontakt aufgezogen worden sind. Da sind wir Vorreiter. Mit Blick auf das staatliche Kennzeichen bin ich da etwas in Sorge.

Frage: Warum?

Antwort: Es ist wichtig, dass diese Erfolge im Geflügelbereich nicht zunichte gemacht werden. Wir laufen Gefahr, dass wir am Ende weniger Tierwohl haben als es derzeit der Fall ist, denn: Der Selbstversorgungsgrad bei Geflügelfleisch liegt in Deutschland bei unter 100 Prozent. Die Nachfrage muss schon jetzt durch Importe gedeckt werden. Nehmen wir an, der Umbau der Tierhaltung kommt: Dann werden weniger Tiere in den Ställen gehalten und voraussichtlich Tiere einer langsamer wachsenden Rasse, die länger im Stall bleibt. Das heißt: Bei einer zu schnellen Transformation könnte der Selbstversorgungsgrad mit deutschem Geflügelfleisch schnell auf bis zu 50 bis 60 Prozent sinken. Nicht zu vergessen den Zielkonflikt zwischen Tierwohl und Umweltschutz. Langsamer wachsende Rassen brauchen mehr Futter. Dadurch wird der CO2-Fußabdruck größer.

Frage: Sie sorgen sich vor der Billigkonkurrenz aus dem Ausland?

Antwort: Die Gefahr liegt darin, dass die leeren Regale im Supermarkt mit Ware aus dem Ausland aufgefüllt werden, welche zu niedrigeren Tierschutzstandards produziert wurde. Das wäre kontraproduktiv und genau diesen Effekt muss die Politik unbedingt verhindern! Zielmarke muss eine Selbstversorgung von 100 Prozent mit Tierwohl-Fleisch sein. Das bedeutet dann auch: Es müssen neue Ställe gebaut werden. Dafür fehlen derzeit die Voraussetzungen. Zwingend und sofort brauchen wir eine Herkunftskennzeichnung nicht nur im Supermarkt, sondern auch in der Gastronomie.

Frage: Und was ist mit der Finanzierung für Landwirte?

Antwort: Ich bin gegen eine Anhebung der Mehrwertsteuer auf tierische Produkte! Wer das macht, verteuert das ohnehin teurere Tierwohlfleisch noch einmal zusätzlich, bedeutet: Mit einer Mehrwertsteuer-Erhöhung fördern wir weniger Tierwohl. 

Frage: Was ist Ihr Lösungsvorschlag?

Antwort: Ich bin für eine absolute Tierwohlabgabe pro Kilogramm Fleisch. Es gibt bereits die privatwirtschaftliche Initiative Tierwohl, die nach diesem Prinzip arbeitet. Man könnte die Initiative als Fonds unter staatliche Aufsicht stellen. Es braucht dringend eine verlässliche Finanzierungs- und Planungssicherheit für die Landwirte. Diese Sicherheit wird sofort und für einen längeren Zeithorizont benötigt.  

Ähnliche Artikel