Bericht eines Betroffenen Ständiger Anpassungsdruck im Alltag mit ADHS
Lukas Münch ist 25 Jahre alt und hat vor zwei Jahren die Diagnose ADHS bekommen. So geht er damit im Alltag um.
Leer - Als er den Raum betritt, an dessen Wänden unzählige mit Texten und Bildern bedruckte Zettel hängen, schaut sich Lukas Münch aus Leer erst einmal um, bevor er sich setzt. „Das ist schon gleich die erste Probe“, sagt er. Denn Lukas hat vor zwei Jahren die Diagnose Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) bekommen. „Die ganzen Zettel muss ich mir einfach anschauen, ich nehme sie alle gleichzeitig wahr. Das kann herausfordernd sein. Aber ich sitze lieber in diesem Raum, in dem ich die ganze Zeit irgendwelche Details feststelle, auf die sonst keiner achtet, als in einem kahlen, weißen Raum“, erklärt der 25-Jährige.
Was und warum
Darum geht es: Die Herausforderungen, die ADHS-Betroffene haben.
Vor allem interessant für: Menschen, die selbst von ADHS betroffen sind oder Leute mit dieser Diagnose kennen.
Deshalb berichten wir: Wir wollen aufmerksam auf die Krankheit machen. Die Autorin erreichen Sie unter: r.heinig@zgo.de
ADHS ist eine Verhaltensstörung, deren Hauptmerkmale Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität sind. Wird ADHS nicht behandelt, beeinträchtigt es oft die schulische und berufliche Leistung. Auch Lukas hatte in seiner Vergangenheit damit zu kämpfen. Zwei Mal hat er sein Studium abgebrochen. „Ich habe mich immer gefragt ‚Wieso kannst du überhaupt nicht lernen?‘ – egal wie sehr ich mich angestrengt habe, ich habe es nicht geschafft, mich zu fokussieren“, sagt er. Alltägliche Dinge, wie aufräumen oder kochen, fallen ihm schwerer als anderen Menschen. „Ich bin außerdem sehr vergesslich und habe schon viele Dinge verloren. Wenn ich an etwas denken muss, lege ich es mir vor die Tür, damit ich darüber stolpere, wenn ich rausgehe“, erzählt der Leeraner.
Krankheitsbild noch zu unerforscht
Irgendwann habe er dann angefangen, im Internet nach seinen Symptomen zu suchen. „Da wurde mir klar, dass es ADHS sein muss. Ich habe mir einen Termin beim Neurologen geholt, auf den ich ein halbes Jahr warten musste. Aber als es dann so weit war und ich die Diagnose ADHS bekommen habe, war es eine große Erleichterung. Endlich konnte ich das Kind beim Namen nennen, gezielt dagegen vorgehen und besser damit leben“, sagt Lukas heute. „Ich will nicht pathetisch klingen, aber ich sehe es nicht als Krankheit, sondern als Geschenk.“
Durch sein ADHS hat der 25-Jährige einige Stärken entwickelt: Dadurch, dass er Details so stark wahrnimmt, sei Lukas sehr sensibel und empathisch. „Und ich kann in einem großen Raum mehreren Gesprächen gleichzeitig zuhören – das ist super, weil ich sehr neugierig bin. Aber da kann ich nur für mich sprechen. Es gibt bestimmt auch viele Betroffene, die damit nicht so gut klarkommen“, sagt er. Das ganze Krankheitsbild sei noch sehr unerforscht, erklärt Lukas: „Die Symptome sind vielfältig. Es gibt zum Beispiel die Leute, die nicht still am Tisch sitzen können – der klassische Zappelphilipp. Aber das ist nur ein Bruchteil der ADHS-Betroffenen. Es gibt auch welche, die von außen betrachtet ruhig wirken, aber eine enorme innere Unruhe haben.“ So sei es bei ihm auch. „Ich glaube, ich habe nie einen Moment, wo ich mal nicht von Gedanke zu Gedanke springe. Aber daran habe ich mich gewöhnt und mittlerweile genieße ich es sogar. Aber das bedeutet auch, dass ich total unstrukturiert bin“, sagt der Leeraner.
Wunsch nach mehr Sichtbarkeit
20 Sachen gleichzeitig zu machen, sei für Lukas kein Problem. Er habe eher Schwierigkeiten damit, sich auf eine Sache zu fokussieren. Aber das kriege er mit Medikation – Ritalin – mittlerweile gut hin. „Die anderen Reize um mich herum kann ich damit besser wegschieben. Mein Neurologe hat es mir so erklärt: Ritalin wirkt genau wie die Droge Ecstasy und reguliert den Serotonin-Haushalt. Nur, dass es nicht sofort, sondern über einen Zeitraum von acht Stunden wirkt. Aber im Grunde ist es der gleiche Wirkstoff“, erklärt der 25-Jährige. Mit Ritalin gehe es ihm deutlich besser. Doch zunächst hatte Lukas Bedenken: „Man ist kein Alien, wenn man Ritalin nimmt. Ich dachte das selber, bevor ich es genommen habe. Aber ich bin ich selbst, kann mich nur besser an die Gesellschaft anpassen.“
Für den ADHS-Betroffenen sei dies das einzig wirkliche Problem dieser Krankheit: „Dass es nötig ist, mich an gesellschaftliche Vorgänge und an die Arbeit anzupassen. Weil ich in bestimmten Momenten aufmerksam sein muss, es aber nicht kann.“ Ein großer Wunsch von Lukas ist, dass ADHS in der Gesellschaft mehr Beachtung bekommt: „Menschen um mich herum verstehen mein Verhalten oft nicht, weil ADHS in der Gesellschaft immer noch zu wenig stattfindet.“ Es gebe auch immer noch Situationen, in denen er nicht von der Störung erzählt. „Das mache ich erst, wenn ich mich mit den Menschen in meiner Umgebung wohlfühle – was leider nicht immer der Fall ist.“