GA-Kolumne Karfreitag und der Besuch im Hofcafé
Autor Jan Brandt geht in der GA-Kolumne „Brandts Welt“ auf die Erlebnisse mit seinem Vater ein. Es geht um Musik, Himbeerkuchen und den Krieg.
„Wir haben heute wieder Musik gemacht“, erklärte Vater, als er mich Mittwochnachmittag am Bahnhof abholte, „ganz prima. ‚Sabi, seggen de Lü, wat köönt ji noch mooi spölen.“ Der Zug hatte eine halbe Stunde Verspätung gehabt, aber das war mir ganz recht gewesen, ich hatte allein im Abteil gesessen und zum ersten Mal seit Langem keine Angst gehabt, mich auf der Fahrt nach Ostfriesland mit Corona anzustecken.
Vater war gut drauf, erzählte, als wir am Einkaufscenter vorbeikamen, dass er dort vorhin eine Tasse Kaffee getrunken habe, allerdings nicht mit seinen Freunden, mit Fremden, mit denen er wie üblich schnell ins Gespräch gekommen war. Zu Hause erwartete uns niemand, das zweite Osterfest ohne Mutter. Vater und ich tranken Tee, später kam mein Bruder dazu. Vater spielte uns ein paar Lieder auf der Mundharmonika vor: Der Winter ist vergangen, Geh aus mein Herz und Was noch frisch und jung an Jahren.
Kennen wir uns?
Karfreitag lud Vater mich ins Hofcafé ein. Es war nicht viel los, auf dem halbrunden Sofa saß ein älteres Paar. Während ich an der Theke die Bestellung aufgab, Kaffee und Himbeerkuchen, steuerte Vater auf die beiden zu. „Schmeckt all weer?“ Sie schauten erst ihn, dann sich an. Dann sagte die Frau: „Kennen wir uns?“ Vater legte Mütze, Schal und Mantel ab und setzte sich zu ihnen. „Noch nicht, aber gleich. Ich bin ein Brandt aus Ihrhove. Und das“, er winkte mich heran, „ist mein Sohn aus Berlin. Wo sind Sie her?“ – „Auch aus Ihrhove. Breiter Weg, Kamphusen.“ – „Ist bekannt“, sagte Vater und fragte, wo genau sie denn da wohnten. „Oh, in Kuhlmanns Kamp.“
Vater erzählte vom alten Kuhlmann, dem Hof, und einem Unfall, der sich vor dem Haus ereignet habe: ein Postbote, der eines Morgens von einem Auto überfahren und tödlich verletzt worden sei. Das Paar wusste nichts davon. Bei allem, was Vater sagte, schüttelten sie die Köpfe – selbst als er ihnen begreiflich zu machen versuchte, wer er sei, dass er ein Bekleidungsgeschäft im Dorf gehabt habe. Das machte mich stutzig. Ihrhover, die Textil & Mode Brandt nicht kannten? Wie sich herausstellte, waren sie nur in den Ferien hier, lebten den Rest des Jahres in Weimar.
Quercetin, Vitamin C und D und Zink
Wir tranken unseren Kaffee, aßen unseren Kuchen und redeten über den Krieg. Vater sagte, dass er keine Nachrichten mehr gucken könne. „Wir schon lange nicht mehr“, sagte die Frau. „ARD, ZDF, 3sat.“ Auch das kam mir merkwürdig vor. Vater sprach von den Ausgewanderten in unserer Familie, dass seine Schwägerin in Amerika an Corona verstorben sei. „An oder mit?“, fragte der Mann. Coronaleugner, Impfgegner, dachte ich und drängte Vater zum Aufbruch.
Aber er war in seinem Element, berichtete vom Zupforchester, Mutters Tod, seinem Wildunfall und schloss mit den Worten: „Aber nun kann man ja wieder ohne Maske hier rein. Ich bin ja vier Mal geimpft.“ – „Wir gar nicht“, sagte die Frau, und der Mann sagte: „Quercetin, Vitamin C und D und Zink, hochdosiert, reicht völlig.“ Als wir endlich zu Hause waren, klingelte das Telefon, einer seiner Bandkollegen. „Du, am Mittwoch, bei unserem Konzert, da war einer positiv.“