Osnabrück „Gelobtes Land“ für Forscher und Gründer: Was man von Israel lernen kann
Sogar Nobelpreise gab es schon zu feiern; und aus etlichen Startups sind längst milliardenschwere Tech-Unternehmen geworden: Für Forscher und Gründer ist Israel seit vielen Jahren ein „gelobtes Land“ - und für ausländische Politiker ein Staat, von dem man lernen kann. „Die Israelis machen das super“, heißt es auch in Niedersachsen, wo man Wissenschaft und Wirtschaft ebenfalls besser verzahnen will.
Bahnbrechende Software fürs autonome Fahren, komplexe Lösungen für Cybersicherheit, innovative Medizintechnik, Messenger-Dienste - Israel hat Forscher, Entwickler und Hightech-Firmen von Weltrang. Und es werden immer mehr. Jedes Jahr gehen Hunderte von Startups ins Rennen, zeitweise waren es jährlich mehr als 1000. Eine breite staatliche Anschubfinanzierung, ausgezeichnete Universitäten, eine enge Kooperation mit Wirtschaft und Militär, Kapitalgeber, die das immense Potenzial Israels zu schätzen wissen, und nicht zuletzt großer Pioniergeist haben in und um Tel Aviv ein einzigartiges „Ökosystem“ für Neugründungen geschaffen.
Seit Mitte der 1990er Jahre dauert der Gründerboom schon an. Im internationalen Ranking von „Startup Genome“, einer Plattform von Gründern und Forschern, stand Israels Tech-Branche zwischenzeitlich auf Platz zwei - übertroffen nur vom kalifornischen Silicon Valley. Das kommt nicht von ungefähr.
Da ist zum Beispiel das Technion in Haifa. Die weltweit angesehene Technische Hochschule ist die älteste Uni des jungen Landes, gegründet 1912, eröffnet 1924, als es den Staat Israel noch gar nicht gab. 14.700 Studentinnen und Studenten sind hier aktuell eingeschrieben. Ein kühlender Wind streicht über den blitzsauberen Campus auf einem Hügel am Rande der Stadt. Und Technion-Präsident Uri Sivan preist nicht nur die exzellenten Forschungsbedingungen an seiner Hochschule , sondern auch die enge Zusammenarbeit mit der Industrie: „Sie ist ausdrücklich eingeladen, auf den Campus zu kommen“.
Auch das Militär unterhält in Israel engste Kontakte zu den Universitäten. Und es legt zugleich selbst die Basis für Forscher- und Gründerkarrieren. In Israel herrscht Wehrpflicht - für Männer und Frauen. Und speziell, wer in der Eliteeinheit 8200 zur Fernmelde- und elektronischen Aufklärung gedient hat, verlässt die „Schule der Nation“ mit besten Entwicklungschancen.
Die enge Verzahnung zeitigt herausragende Ergebnisse. Der Iron Dome ist so entstanden. Das Abwehrsystem schießt nach Angaben des Militärs mit über 90-prozentiger Sicherheit Raketen mit einer Reichweite von vier bis 70 Kilometern ab, also zum Beispiel Flugkörper, die aus dem palästinensischen Gaza-Streifen abgefeuert werden.
Offen sprechen israelische Wissenschaftler auch über ein zu geologischen Zwecken entwickeltes System, mit dem der Erdboden gescannt wird und unterirdische Hohlräume sichtbar gemacht werden können. Archäologen untersuchen damit den Untergrund der Altstadt von Jerusalem. Die Armee setzt es ein, um unterirdische Verbindungswege, Waffenlager sowie Nachschub- und Fluchtrouten im palästinensischen Gazastreifen angreifen zu können.
Klare Botschaft am Technion: Wo geforscht wird, sollte man auch immer an die Anwendung denken. Wissenschaftler zu sein und zugleich auch Geschäftsführer eines Startups, das ist hier nichts Besonderes. Zu den zahlreichen Erfindungen aus dem Umfeld der Hochschule gehören das Instant Messaging, der USB-Stick sowie medizinische Innovationen wie die Tumorentfernung mit Hilfe von Ultraschall. Und man ist stolz auf den eigenen Beitrag zum großen ökonomischen Erfolg der Hightech-Branche, die zehn Prozent aller Arbeitnehmer in Israel beschäftigt und 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet.
Dementsprechend offensiv und selbstbewusst präsentiert sich das Technion. Besucher werden in ein hochmodernes Informationszentrum mit 360-Grad-Kino geführt. Was dann folgt, erinnert an große Messeauftritte, wie man sie von Weltkonzernen wie Google, Intel oder Facebook kennt: Satter Sound ertönt aus dem Dunkel bevor Grafiken, Animationen und Videos die Runde machen und einprägsam unterstreichen, welches Ziel man hier verfolgt: „Die Welt zu einem besseren Platz zu machen“.
Die Reihe bedeutender Wissenschaftler am Technion ist lang. 2004 haben Avram Hershko und Aaron Ciechanover, Professoren an der medizinischen Fakultät, den Chemie-Nobelpreis erhalten. 2011 ist ein weiterer Chemie-Nobelpreis an Daniel Schechtman gegangen. Er hat seinen Doktortitel am Technion erworben.
Ein wenig Glanz ist bei der Preisverleihung von 2004 auch auf die niedersächsische Landesregierung gefallen. Das Land Niedersachsen hat Ciechanover in den Jahren 1994/95 im Rahmen eines niedersächsisch-israelischen Forschungsvorhabens gefördert. Der damalige Wissenschaftsminister Lutz Stratmann wertete die Auszeichnung des Wissenschaftlers als „Beweis für die hohen Qualitätsmaßstäbe der Forschungsförderung des Landes Niedersachsen“.
Auch Jahrzehnte später ist man in Hannover stolz auf die Forschungszusammenarbeit mit Israel, die bis ins Jahr 1977 zurückreicht. „Die Bilanz der Kooperation kann sich sehen lassen: In den vergangenen 45 Jahren sind rund 450 Projekte gefördert worden. Es standen dafür 65 Millionen Euro zur Verfügung“, so der heutige Wissenschaftsminister Björn Thümler im Gespräch mit unserer Redaktion.
Mit einer hochrangigen Delegation aus niedersächsischen Wissenschaftlern sowie Hochschul- und Universitätspräsidenten hat Thümler unlängst Israel besucht - mit Abstechern zum Technion und zu drei weiteren Universitäten in Haifa, Tel Aviv und Jerusalem. Dabei sind sechs weitere Kooperationen zwischen niedersächsischen und israelischen Hochschulen vereinbart worden. Und Thümler betont: „Neu hinzugekommen ist im Jubiläumsjahr, dass wir jetzt auch den Austausch von Studierenden fördern können.“
Der CDU-Politiker wirbt dafür, von Israel zu lernen, und verweist auf das Technion. „Wir haben auch in Niedersachsen drei technische Universitäten: in Clausthal, Braunschweig und Hannover. Was wir zusätzlich brauchen, ist eine deutlich engere Zusammenarbeit mit der Wirtschaft, ohne dass man immer gleich dem Vorwurf ausgesetzt wird, die Wirtschaft wolle die Hochschulen kaufen und beeinflussen.“
Es sollte nach Worten von Thümler ein normaler Vorgang werden, Geld aus der Wirtschaft zu nehmen, um damit Forschungsprojekte zu finanzieren, „die dazu dienen, das Leben der Menschen zu verbessern“. Das könne man in Israel sehr gut lernen. Thümler: „In Israel gibt es ein spezielles Ökosystem, das von der Idee bis zur Ausgründung aus der Universität heraus reicht. Das machen die Israelis super. Da müssen wir in Deutschland besser werden, rechtliche Fragen klären und Hemmnisse abbauen.“
Und was ist mit der Freiheit der Wissenschaft? Sie sei „unantastbar“, versichert der Minister. Es müsse an den Hochschulen immer auch die Freiheit geben, Forschungsprojekte abzulehnen. „Das ist aber eine Selbstverständlichkeit und muss nicht jedes Mal durch irgendwelche Gremien überprüft werden.“
Auch Sabine Johannsen, Staatsekretärin im Niedersächsischen Wissenschaftsministerium, wirbt dafür, Forschungsergebnisse schnell in die Anwendung zu bringen. „Das Technion in Haifa lebt einen solchen Prozess“, sagt Johannsen und betont: „Das, was in Israel seit Jahrzehnten so erfolgreich funktioniert, wollen wir auch in Niedersachsen einführen.“
Und wie? Johannsen verweist auf das 2019 an der Leibniz Universität Hannover (LUH) gegründete Institut für Innovations-Förderung, Technologie-Management und Entrepreneurship. Aus dem ITE ist auch ein „High-Tech-Inkubator“ hervorgegangen, so die Staatsekretärin; umgangssprachlich würde man von einem „Brutkasten“ für Hochtechnologie sprechen. Beide Einrichtungen unterstützen Ausgründungen von Unternehmen und begleiten diese gemeinsam mit der Industrie solange, bis sie erfolgreich auf dem Markt agieren können.
Das ITE soll laut Johannsen jetzt so ausgeweitet werden, „dass alle Fakultäten der LUH dieses Innovationssystem nutzen können“. Es ist der israelische Weg, auf dem schon so manche Erfolgsgeschichte begann. Spektakulärstes Beispiel ist das 1999 in Israel gegründete Unternehmen Mobileye, heute ein weltweit führender Anbieter von Software für Fahrassistenzsysteme. 2017 hat der US-amerikanische Intel-Konzern Mobileye übernommen. Kaufpreis: 15,3 Milliarden US-Dollar.