Lingen Rochelle Goldberg und ihr Rendezvous mit Marilyn Monroe
Ist das Kunst der neuen Nachhaltigkeit? Die Kunsthalle Lingen präsentiert Rochelle Goldberg und ihren Zaubergarten einer Zukunft, die gerade erst begonnen hat.
Wer schnurrt denn da? Aus dem Nebenraum dringt der sonore Laut. Es klingt nach ruhender Katze - oder schlafendem Ungeheuer. Das klingt mal entspannt, mal drohend. Solche Doppeldeutigkeit passt zu Rochelle Goldbergs Präsentation in der Kunsthalle Lingen. Sie kann als melancholische Rückschau auf ein gelebtes Leben gesehen werden - oder als Abgesang auf eine Konsumwelt, die spürbar an ihr Ende gekommen ist. Goldberg inszeniert diese Unsicherheit gekonnt, auch mit ihrem Objekt "fuzzy motor". In eine Decke gehüllt liegt da ein Flachbildschirm auf dem Boden. Von Zeit zu Zeit huscht schemenhaft die Kontur eines Lebewesens über die Mattscheibe. Von dort kommt auch das unheimlich laute Schnurren wie aus einer fernen Unterwelt.
So kompakt dieser Laut klingen mag, so traumhaft verloren wirken die Objekte die die 1984 im kanadischen Vancouver geborene Künstlerin in der Kunsthalle Lingen gemeinsam mit Leiterin Meike Behm arrangiert hat. Hier der Kranz aus Glühbirnen, der wohl von einem Schminkspiegel übrig geblieben ist, dort die Bronzeobjekte an einer Leine, die wie die Reste geplatzter Ballons aussehen, oder zwei ebenfalls in Bronze gegossene Hände, die etwas zu modellieren scheinen. Rochelle Goldbergs Welt ist, so scheint es, ein Kosmos aus lauter Flüchtigkeiten. Wo sich nichts zum Ganzen fügt, ist der Betrachter gefragt, eine Geschichte zu ergänzen. Sie handelt von einer Gegenwart, die in dieser Kunst als bereits vergangen dargestellt wird. Eine Ausstellung als Traum, ein wenig melancholisch, unbedingt surreal: So wirkt diese Schau.
Rochelle Goldberg umgeht mit ihrer Strategie die knallharte, aber auch didaktische Zivilisationskritik, um die es hier geht. Goldberg hebt den Zeigefinger, allerdings nicht, um zu belehren, sondern um auf etwas zu weisen. Da wäre die schrundige Bronzeskulptur einer Frau, die an Marilyn Monroe erinnert, oder der "Brotgarten", eine Installation aus Drähten, an denen das Brot zu wachsen scheint. Hier die Konsumkultur mit ihren falschen Fetischen, dort die Vision einer neuen Zivilisation der Nachhaltigkeit: In diesem Gegensatz liegt das, was als Botschaft dieser Schau zu bezeichnen wäre. Goldbergs Kunst handelt von jener Zeitenwende, die sich nach Ansicht vieler Beobachter gerade vollzieht.
Die Kanadierin Rochelle Goldberg entwickelt dafür ein geradezu defensives Verständnis von Skulptur. Sicher, sie arbeitet unablässig mit Materialien von Skulptur und Objektkunst von Bronze bis Gips, von Stahl bis Aluminium. Aber sie wuchtet keine schweren Körper in den Raum, sondern baut mit ihren Objekten Situationen, die so fragil sind wie ein Leben, das auf der Kippe steht. Gewissheiten sind in dieser Welt bereits Vergangenheit. Wer weiterleben will, baut sich eine Zukunft in die Leere, als Improvisation und neuen Anfang.
Keine Werk dieser Schau verkörpert diese Idee so präzis wie der „Bread Garden“, der „Brotgarten“, den Goldberg so installiert, als könnte er auch in einem Gewächshaus wachsen und wuchern. An Seilen hängen Fäden, die am Boden von Konservendosen gehalten werden. An diesen Fäden hängen Reste von Wurzelgemüsen, die so aussehen, als wüchse hier gerade etwas. Die Installation wirkt wie ein Bild für eine Welt der neuen Nachhaltigkeit, wie das Symbol für eine Selbstversorgung, die an die Stelle rasanten Konsums getreten ist. Rochelle Goldbergs Kunst hat eine utopische Dimension, die ohne aufdringliche Botschaften auskommt.
Die Kunsthalle Lingen stellt mit Rochelle Goldberg nicht nur eine hierzulande bislang eher wenig gezeigte Künstlerin vor, sie präsentiert auch Kunst zu Themen der Zeit. Diese Präsentation bietet Stoff für ein Nachdenken über Gesellschaft und Konsum, über Geschlechterklischees und Zukunftsaussichten. Wer sie parallel zu der neuen Documenta 15 in Kassel sieht, wird wohl einige Parallelen entdecken. Eine gute Ausstellung also? Ja, wenn man ihren kompliziert verschlüsselten Titel beiseite lässt und sich darauf versteht, eine Kunst zu genießen, die sich erst mit einiger Gedankenarbeit ihrer Betrachter wirklich erschließt. Aber auch das liegt voll im Trend der Zeit und ihrer Kunst.
Lingen, Kunsthalle: Rochelle Goldberg: Intralocutors: CLICK. Bis 3. Juli 2022. Di.-Fr., 10-17 Uhr, Sa., So., 11-17 Uhr. Zur Information über die Ausstellung geht es hier.