Auswertung für Ostfriesland Mieten und Gehalt im Vergleich – Von Schwachstellen der Statistik
Einer Erhebung zufolge sollen die Mieten in Ostfriesland nicht so stark gestiegen sein, wie die Gehälter. Doch die Erhebung hat gravierende Schwächen. Eine Analyse.
Ostfriesland - Eigentlich haben fast alle mehr Geld zum Leben. Das zumindest suggeriert eine Erhebung des Eigentümerverbands Haus und Grund. Dieser hat vor kurzem eine Statistik veröffentlicht, die sich mit den Mietkosten auseinandersetzt. Im Kern vergleichen sie die Löhne mit den Mieten und kommen zu dem Schluss: Nur in vier Kreisen Deutschlands müsse man mehr für Miete zahlen als 2015.
Was und warum
Darum geht es: Eine Erhebung besagt, dass Ostfriesen mehr Geld zum Leben haben. Das gilt es zu prüfen.
Vor allem interessant für: Mieter und alle, die sich für Statistik interessieren.
Deshalb berichten wir: Der Eigentümerverband Haus und Grund gab die Erhebung heraus. Den Autoren erreichen Sie unter: m.kierstein@zgo.de
Im Kreis Leer habe man bei Bestandsmieten beispielsweise 3,2 Prozent mehr Geld übrig als früher. Generell hätten die Menschen in den meisten Fällen mehr Geld zum Leben. Doch gerade solche Erhebungen gilt es kritisch zu hinterfragen.
Lage in Ostfriesland
Hier zeigt sich in der Erhebung ein differenziertes Bild. Schaut man auf die Bestandsmieten, so hätten die Leute in den Kreisen Aurich und Leer und Wittmund sowie in der Stadt Emden im Jahr 2020 mehr Geld zur freien Verfügung als noch 2015. Als Grund gibt der Eigentumsverband an, dass die Bruttolöhne in den Kreisen stärker gestiegen seien als die Mieten. Die Erhebung sagt, dass in Emden und im Kreis Leer 1,2 Prozent mehr Geld übrig sei. In Wittmund seien es 2,7 Prozent und im Kreis Leer gar 3,2 Prozent
Bei Neuvertragsmieten zeigt sich ein anderes Bild: Im Vergleich von 2015 zu 2020 würden so nur die Bewohner im Landkreis Leer profitieren. Im Kreis Aurich ist das Verhältnis gleich geblieben. Nur in Emden habe es sich zum Nachteil der Mieter verändert. Hier hätten die Menschen 1,7 Prozent weniger von ihrem Geld, In Aurich immerhin noch 0,9 Prozent mehr. Im Kreis Leer 2,8 Prozent und in Wittmund sogar 4 Prozent mehr vom Geld. Doch wie belastbar sind diese Daten?
Die Quelle
Der erste Blick dabei fällt auf die Quelle: Der Eigentümerverband Haus und Grund, in dem neben Hausbesitzern auch Vermieter organisiert sind, hat diese Erhebung in Auftrag gegeben. Hier könnte man eine Intention herauslesen. Doch der Verband bezieht sich auf Daten anderer.
So haben sie die Daten zur Lohnentwicklung der Bruttoarbeitsentgelte von der Bundesagentur für Arbeit, also einer seriösen Quelle. Bei der Statistik beziehen sie sich zudem auf den Median. Das heißt: 50 Prozent verdienen mehr und 50 Prozent weniger als der Median angibt. Für die Mietpreisentwicklung wurden Daten der Mietpreise bei Neuvertrag und Bestand von F+B (2021). Dahinter verbirgt sich ein unabhängiges Forschungsunternehmen. Die Daten an sich sind also belastbar. Es geht hier um die Interpretation.
Lage in Ostfriesland
Beim Blick auf die Zahlen zeigt sich vor allem eins: Emden als einzige Stadt in der ostfriesischen Erhebung ist teurer geworden für Mieter. Die Flächenkreise günstiger. Das kann schon daran liegen, dass es in den ländlichen Regionen einfach weniger Mieter gibt als in einer Stadt wie Emden. Hier wären Daten zu den Städten Aurich und Leer im Vergleich zu den Kreisen interessant. Hypothese: Auch hier wurden die Mieten stärker angehoben als die Löhne stiegen. Diese Daten liegen aber nicht vor. Und so kann es dazu kommen, dass die Umgebungen der Städte einen deutlichen Abfall in der Miethöhe aufweisen und so die Statistik beschönigen.
Es ist zumindest auffällig, dass die einzige ostfriesische Stadt in der Untersuchung ein negatives Ergebnis aufzeigt. Hinzu kommt ein weiterer Umstand. „Ostfriesen haben Eigentum“, sagte Nicole Netthöfel vor einiger Zeit. Sie ist bei der Sparkasse Leer-Wittmund als Maklerin für das Rheiderland und Westoverledingen zuständig. Ein Großteil der Ostfriesen scheint also in der Erhebung nur bei den gestiegenen Löhnen reinzuspielen. Miete zahlen sie hingegen keine. Sauber wäre es, die Bruttolöhne von Mietern mit den gestiegenen Mieten zu vergleichen. Nur so kann man eine Aussage darüber treffen, ob Mieter wirklich weniger zahlen müssen.
Die finanzielle Situation
„Da wo Tarifverträge angewandt werden, sind die Löhne eh gestiegen. Alles andere wird frei verhandelt. Der Faktor Mensch ist so wertvoll geworden, dass darum gekämpft wird. Es kam auch dadurch zu Lohnsteigerungen“, sagt Johann Doden, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands für Ostfriesland und Papenburg. Er vermutet, dass die Gehälter auch weiter steigen werden. „Es fehlen an allen Ecken und Enden Leute. Man muss dann auch entsprechend zahlen“, sagt er.
Doden sieht die Erhebung generell kritisch: „Das ist etwas einfach gedacht. Das Empfinden der Miethöhe wird in den einzelnen Gemeinden ein anderes sein. Ich wäre da sehr vorsichtig.“ Er kritisiert beispielsweise, dass sich in den letzten Jahren einiges getan hat. „Die Inflation war beispielsweise 2020 noch kein Thema. Heute ist sie bei über sieben Prozent. Da hat sich gewaltig etwas verschoben.“
Der Zeitraum
Auffällig ist auch der untersuchte Zeitraum. Die Erhebung ist quasi zwei Jahre alt, hat also die Auswirkungen der Coronapandemie sowohl auf den Wohnungs- als auch den Arbeitsmarkt ignoriert. In der Pandemie erlebte das Homeoffice beispielsweise einen Boom. Auswärtige kamen nach Ostfriesland, da sie von hier arbeiten konnten. Sie konkurrierten also auf einmal mit den Einheimischen um Miet- und Kaufobjekte. Die Folge: steigende Kosten.
Gleichzeitig war ein Großteil der Deutschen von Kurzarbeit betroffen, hatte also deutliche Gehaltseinbußen hinzunehmen. Firmenpleiten, die geschahen und teilweise noch ausstehen, da man sich mit staatlichen Mitteln über Wasser halten konnte, verschärften die finanzielle Situation der Menschen. Hier muss gesagt werden: In den letzten zwei Jahren hat sich derart viel geändert, dass die Statistik aktualisiert werden müsste.
Fazit
Mehr Geld zum Leben wäre für jeden eine gute Nachricht. Doch die Realität ist eine andere. Schon wegen der hohen Inflation. So sollen Mieter im Landkreis Leer zwar über 3 Prozent mehr Lohn übrighaben, das wird jedoch durch die Geldentwertung von über sieben Prozent aufgefressen. Hinzu kommt, dass auch die Gehälter von Wohnungsbesitzern, die im Schnitt eh mehr Geld haben als Mieter, in die Statistik einfließen. So wird das Verhältnis verfälscht.
Zudem muss bedacht werden: Wenn im Schnitt im Landkreis die Mieten um sechs Prozent steigen, sagt das wenig über die einzelnen Gemeinden aus. Außerdem ist Ostfriesland als Landstrich eh eher von Immobilienbesitzern als von Mietern geprägt. Auffällig ist in der Statistik, dass die einzig untersuchte Stadt im Nordwesten auch ein negatives Verhältnis aufweist.