Kassel  Sabine Schormann: Documenta gegen Antisemitismus

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 26.05.2022 15:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Sabine Schormann Foto: dpa
Sabine Schormann Foto: dpa
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Die Documenta distanziert sich von Antisemitismus. Generaldirektorin Sabine Schormann will Kontroversen im Vorfeld der Weltkunstschau beruhigen - und macht ein Angebot.

Frage: Frau Schormann, in einem knappen Monat wird die fünfzehnte documenta eröffnet. Mit welchen Gefühlen schauen Sie auf die Vernissage voraus?

Ich bin gespannt, erfreut und hoffnungsvoll. Ich bin optimistisch, dass wir einen von Corona freien Sommer erleben werden und es Freude machen wird, sich in Kassel zu begegnen.

Frage: Von der Idee der Begegnung lebt ja auch das Konzept der documenta-Leiter, der Gruppe ruangrupa, nicht?

Genau. Deshalb wäre es schade, wenn die documenta von der Pandemie beeinträchtigt wäre. Das betraf ja schon die Zeit der Vorbereitung, die digital stattgefunden hat. ruangrupa hat es trotzdem geschafft, ein Miteinander zu ermöglichen und alle Künstlerinnen und Künstler einzubeziehen, die sie bei ihren sogenannten regional visits gefunden haben. In den Videokonferenzen wurden Konzepte vorgestellt und Wissen geteilt. Daraus hat sich eine ganz besondere Gemeinschaft entwickelt. Der Künstler Dan Perjovschi, der die Säulen des Fridericianums neugestaltet hat, sprach von einer einzigartigen Erfahrung, im Vorfeld der documenta die Ideen so vieler anderer Künstler kennengelernt zu haben. Daraus ergibt sich eine Dynamik, die sich auch dem Publikum mitteilen soll. 

Frage: Wie läuft der Ticketverkauf? Liegt die documenta im Plan?

Wir liegen im Augenblick bei dem Doppelten der Verkäufe, die zum gleichen Zeitpunkt bei der letzten documenta erzielt worden waren. Im Augenblick sind das über 40.000 Tickets plus der Führungen, die sich auch sehr gut verkaufen. Man muss aber kein Ticket vorab buchen. Wir halten viele freie Tickets für den spontanen Besuch vor. Momentan werden offenbar viele Tickets als Geschenke verkauft. Es läuft besser als wir im Hinblick auf die Unsicherheiten der Corona-Lage gedacht hatten. 

Frage: Die letzte, von Adam Szymczyk verantwortete documenta ging mit einem saftigen Minus im Etat in die Geschichte der Weltkunstschau ein. Mit welchen Maßnahmen halten Sie jetzt das Budget im Lot?  

Wir haben aus den Erfahrungen der letzten documenta gelernt und ein verstärktes Controlling aufgebaut. Das betrifft auch ein modernisiertes Rechnungswesen. Wir haben bei all dem jetzt ein gutes Gefühl. Wir können einige Faktoren aber nicht vollständig vorab kalkulieren. Die Entwicklung der Pandemie kann zu Mindereinnahmen bei Eintrittsgeldern führen. Gerade Besuche aus dem asiatischen Raum sind deshalb erschwert. Auch mögliche Corona bedingte Mehraufwendungen sind schwer vorherzusehen. Hierfür haben uns die Gesellschafter dankenswerterweise Unterstützung zugesagt. Aktuell liegen wir aber im Plan.

Frage: Wie hoch ist denn der Etat der documenta fifteen?  

Der Etat liegt bei 42,2 Millionen Euro. Die Summe setzt sich zusammen aus 12,5 Millionen Euro, die wir über Eintrittsgelder erzielen wollen, 4,7 Millionen aus Drittmitteln. Hinzu kommen jeweils 10,75 Millionen Euro von der Stadt Kassel und dem Land Hessen sowie 3,5 Millionen von der Kulturstiftung des Bundes. Das genehmigte Budget der letzten documenta 2017 lag bei 39 Millionen Euro. Der Zuwachs, der zu unserem Budget hinzugekommen ist, liegt unterhalb der Inflationsgrenze. Insofern liegen wir mit unserem Haushalt nicht zu hoch. Der Etat ist für fünf Jahre angesetzt. Er beinhaltet alle Kosten der documenta von Personal bis Produktion.  

Frage: Mit dem Begriff lumbung, der die gemeinsam genutzte Reisscheune bezeichnet, hat die documenta fifteen bereits ihren zentralen Begriff. Welche weiteren Begriffe sind wichtig, um die neue documenta zu verstehen?

Wir haben in der Tat viele neue Begriffe. Das Handbuch wird ein Glossar enthalten, das die Begriffe aufschlüsselt. Es gibt dabei Begriffe wie Ekosistem, die sich von allein erklären. Besonderen Zuspruch wird sicher das nongkrong erfahren. Dabei geht es darum, sich zu treffen oder einfach gemeinsam abzuhängen. Das Wort majelis meint Versammlungen. Ganz besonders wichtig: sobat-sobat. Sobat meint den einzelnen Begleiter, sobat-sobat sind die Begleiter, die Besucherinnen und Besucher über die documenta begleiten. Zuerst klingen diese Begriffe etwas fremd. Wir merken aber, dass sie sich schnell im Ohr festsetzen.

Frage: In einem Leitartikel der „Kunstzeitung“ war bereits zu lesen, dass die documenta fifteen den Abschied von der Kunst einläute. Ist es so – löst sich Kunst in sozialer Arbeit auf?

 

Das empfinde ich als ein Vorurteil. Wir sollten schauen, wie die documenta fifteen tatsächlich wird. Es gehört zu jeder neuen Künstlerischen Leitung, dass sie den Blick auf die Kunst verändert hat. Den jeweiligen Konzepten ist zunächst immer mit einer gewissen Skepsis entgegengeblickt worden. Oft genug wurde erst nachträglich erkannt, wie wegweisend diese Konzepte wirklich waren. Das Besondere an der documenta ist es ja, im Vergleich zu anderen Kunstformaten, dass hier solche Experimente gewagt werden können. In Kassel können neue Formen der Kunst in absoluter künstlerischer Freiheit erprobt werden. Aber keine Sorge. Es wird viel Kunst auch im ganz klassischen Sinn zu sehen sein, also auch Gemälde, Skulpturen, Filme, Fotos oder Performances. Sie sind aber aus einer besonderen Haltungkonzipiert worden. Bezugspunkt für alle ist immer wieder das Gemeinsame. Es geht auch darum, mit Kunst die Dinge im praktischen Leben zu verändern und voranzubringen. Es geht aber nicht nur um Soziokultur. 

Frage: Die documenta und der Vorwurf des Antisemitismus – diese Debatte um das Leitungsteam von ruangrupa und seine Künstlerliste belastet. Wie gehen Sie und das documenta-Team mit diesem Vorwurf um? Ein eigens angesetzte Gesprächsreihe ist ja abgesagt worden.

Wir haben dieses Format nicht abgesagt, nur verschoben. Wir sind im Gespräch mit vielen Partnerinnen und Partnern, angefangen bei der jüdischen Gemeinde in Kassel und vielen Expertinnen unde Experten, die an dieser Reihe beteiligt gewesen wären und die weiter beteiligt sein wollen. Wir hatten nur den Eindruck, dass viele Erläuterungen nicht dazu beigetragen haben, die Diskussion zu beruhigen. Deshalb finden wir, dass man die documenta erst einmal eröffnen sollte. Alle Künstlerinnen und Künstler, die künstlerische Leitung ruangrupa, die Träger und die Geschäftsführung distanzieren sich eindeutig von Antisemitismus. Es ging auch nie darum, aus der documenta eine Veranstaltung im Sinn des israelkritischen Bündnisses BDS (Boycott, Divestment and Sanctions) zu machen. 

Frage: Das wäre ja auch heikel. Der Bundestag hat BDS ja in einem Beschluss als antisemitisch eingestuft. 

Ja, das wäre heikel. Allerdings hat ruangrupa auch ein ganz anderes Konzept und entsprechend zur Teilnahme an der documenta fifteen eingeladen. Es ging nicht um Nationalitäten, religiöse oder andere Zugehörigkeiten. Leitend ist der Prozess als Konzeption. Also inwieweit verfolgen die Kollektive eine Praxis, die für lumbung bereichernd ist. Was können wir voneinander lernen? Es geht unter anderem um Themen des 21. Jahrhunderts wie Klimawandel, Nachhaltigkeit und Gemeinschaft. 

Frage: Aber Rassismus und Antisemitismus stehen doch auch auf der Themenagenda des 21. Jahrhunderts, nicht?

Genau. Denken wir dabei auch an das Erbe des Kolonialismus oder den Umgang mit indigenen Völkern. Die meisten der Kollektive und Künstlergruppen, die in Kassel präsent sein werden, haben sich um das Jahr 2000 zusammengefunden. Das ist ein Indiz für bestimmte Fragestellungen, die behandelt werden sollen. Es wird der Versuch unternommen, Fragen wie denen nach Klimawandel, Fluchterfahrungen oder Krieg auf eine gemeinsame und neue Weise zu begegnen.

Frage: Gibt es Formate, die diese Themen im Verlauf der documenta aufnehmen werden?

Es wird während der documenta hunderte von Veranstaltungen geben. Der Oberbegriff ist lumbung-Programm. Darin wird es viele entsprechende Formate geben. Fast alle künstlerischen Formate werden von sogenannten Aktivierungen begleitet. Ein Großteil der Künstlerinnen und Künstler wird während der documenta vor Ort sein und seine Beiträge vor Ort entwickeln oder weiterführen. 

Frage: Mit der Berufung von ruangrupa als Leitungsteam der documenta verbindet sich der Anspruch, neue Vorstellungen von Zusammenarbeit und Gerechtigkeit zu erschließen. Wie wird das auf der documenta erlebbar gemacht werden?

Das Publikum ist ausdrücklich eingeladen, teilzunehmen und teilzuhaben. Man kann die documenta fifteen als ganz klassischen Ausstellungsbesuch erleben oder sich tiefer darauf einlassen. Dieser Zug geht durch alle Bereiche der documenta. Es geht nicht nur darum, fertige Kunst aus dem Atelier zu zeigen. ruangrupa macht an alle ein offenes Angebot. Man muss nicht partizipieren, die Besucher sind aber eingeladen, genau das zu tun.

Frage: Steht die documenta damit in einem bewussten Gegensatz zu einem Kunstbetrieb, der auf Kunstauktionen gerade wieder Rekordpreise feiert, etwa für ein Werk von Andy Warhol?

Absolut. ruangrupa geht es um eine bewusste Distanzierung vom Kunstmarkt. Die Gruppe fragt deshalb häufig nach Fragen der Ökonomie, danach, wie man autark und autonom sein kann, auch jenseits von staatlichen Mitteln oder jenseits des Kunstmarktes. Vor diesem Hintergrund wirken andere Mechanismen der Nachhaltigkeit. Prägend ist die Idee eines Zirkels der gegenseitigen Austauschbeziehungen.  

Frage: Werden denn das Fridericianum oder die documenta Halle wieder das Zentrum der documenta bilden?

Die documenta weist dieses Mal mehrere Zentren auf. Die Ausstellung hat insgesamt 32 Orte. Der Friedrichsplatz bildet sicher ein Zentrum, gerade auch mit dem ruruHaus, mit Fridericianum und Documenta-Halle. Hinzu kommen in der Nähe weitere Orte wie die Grimm-Welt. Viele Projekte gruppieren sich aber auch um die Fulda. Die documenta geht auf den Fluss. Auch der Osten der Stadt wird erstmals eine Rolle spielen, etwa die Kirche St. Kunigundis oder das Hallenbad Ost. ruangrupa hat sich früh mit Kassel vertraut gemacht. Die Gruppe interessiert sich vor allem für Bereiche der Stadt, die eine Veränderung durchmachen. Das klingt weitläufig, ist für Besucher aber gut erschließbar. Die längste Erstreckung bemisst sich auf vier Kilometer. 

Frage: Ist das für die Besucher zu bewältigen?

Es wäre natürlich ideal, der documenta zwei Tage zu widmen. Man kann sich dann gut erst das eine und dann das andere Zentrum vornehmen. Die Strecken sind zu Fuß machbar. Der öffentliche Personennahverkehr steht aber auch bereit und dann gibt es noch recycelte Fahrräder, die verliehen werden. 

Frage: Die documenta fifteen wird ungewöhnlich viele Orte in der Stadt Kassel bespielen. Sie sollen nach der Ausstellung weiter genutzt werden. Wird mit der documenta Kunst endlich nachhaltig?

So ist es geplant. Viele Bereiche werden weiter genutzt werden. Das Areal der Firma Hübner etwa soll nach der documenta von den Kasseler Verkehrsbetrieben weiter genutzt werden. Dieses Beispiel gilt auch für weitere Orte der documenta.

Frage: Kein anderes Thema beschäftigt die Weltöffentlichkeit gerade so wie der Krieg in der Ukraine. Wird die documenta dazu ein Statement bereithalten oder eine Lesart?

Es ist natürlich schwierig, zu einem so späten Zeitpunkt Beiträge der documenta entsprechend umzuarbeiten. Es gibt aber Künstlerinnen und Künstler, die sich mit dem Thema direkt auseinandersetzen. Dan Perjovschi etwa hat sich bereits mit seinen „Anti War Drawings“ an der Fassade des Fridericianums damit beschäftigt. Viele weitere Beiträge werden sich direkt oder indirekt mit den Erfahrungen von Krieg, Flucht und Gewalt auseinandersetzen. Viele der Künstlerinnen und Künstler kommen aus Gebieten der Welt, in denen sie solchen Erfahrungen permanent ausgesetzt sind. Dieser Ausstellung wird man anmerken, dass diese Themen präsent sind. 

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