Frankfurt  Die Entzauberung der RB-Trainer

Udo Muras
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Von Udo Muras
| 26.05.2022 14:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
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Kolumnist Udo Muras über Trends und Dogmen bei Fußballlehrern.

Nun ist auch der letzte Titel hierzulande vergeben, wir haben einen neuen Pokalsieger, wenn auch keinen der Herzen. RB Leipzig wird damit leben müssen, hinter den Stadtgrenzen keine Freunde zu haben, bestenfalls Respekt hat der Dosenklub zu erwarten. Anständig gratuliert hat aus der Bundesliga angeblich nur die SAP Hoffenheim – Aussätzige unter sich sozusagen.

Ich will mich am RB-Bashing nicht beteiligen, darin sind andere geübter und ich finde es eigentlich ganz gut, dass auch der Osten mal was zu feiern hat. Die anderen Leipziger Vereine kommen ja nicht zu Potte und pflegen ihre Tradition, auch die der tiefen gegenseitigen Abneigung, in unteren Ligen. Allerdings kommen die RB-Macher auch bei mir nicht ganz ungeschoren davon, denn ein anderer Aspekt, der nichts mit dem Sponsoring zu tun hat, ist evident: die Entzauberung der RB-Trainer.

Es gibt ja immer mal Wellen, Modeerscheinungen und Spleens im Fußball. In den Siebzigern musste jeder Klub einen Jugoslawen oder Schweden haben, später ging es nicht ohne Brasilianer, heute darf keiner ohne Franzosen vor die Tür – sonst ist man ja out. Bei den Trainern ging die Entwicklung vom harten Hund der Marke Feldwebel über die vergötterten Ex-Profis und die Hintermänner aus dem eigenen Stall hin zum Laptoptrainer ohne jede Bundesligaerfahrung.

Zuletzt holte man mit Vorliebe einen Trainer aus der RB-Schule. Die Männer aus Salzburg, New York oder Leipzig hatten den Ruf von Cambridge-Absolventen, schienen alles zu wissen und zu können. Dass sie keiner kannte, war völlig egal. Und so zogen sie in die Bundesliga ein und wollten wenn nicht heute, dann halt morgen Deutscher Meister sein. Oder so. Die Erwartung besserer Zeiten grenzte an Gewissheit. Und doch erlitten alle früher oder später Schiffbruch. Alexander Zorniger in Stuttgart, Achim Beierlorzer in Mainz, Roger Schmidt in Leverkusen, später Adi Hütter in Frankfurt und Marco Rose in Gladbach, in der 2. Liga Tomas Oral (Ingolstadt, FSV Frankfurt) und ein gewisser Thomas Letsch, den sie in Aue schon nach drei Spielen wieder entließen. „Es hat nicht gepasst, so ehrlich sollte man sein“, sagte der FCE-Präsident.

Etwas länger als im Erzgebirge hatten sie diese Saison in Leipzig Geduld mit Jesse Marsch, der vom Schwesterklub aus New York kam, aber noch im Advent war Schluss. Er wollte nicht von seinem System abrücken, dass sie bei allen RB-Teams bis runter zur F-Jugend spielen, bloß hatte sich Leipzigs Bundesligaelf unter Julian Nagelsmann vom Konterteam zu Ballbesitzfans gemausert und kam mit der Retronummer nicht klar. Domenico Tedesco, keiner aus dem Brause-Imperium, brachte sie wieder auf Kurs.

Jüngst erhielten Männer mit RB-Ausbildung in Salzburg, deren Klubs teures Geld für ihre Abwerbung bezahlt hatten, ihre Papiere: Dortmunds Marco Rose, der schon im zweiten Gladbacher Jahr leichte Zweifel an seiner Eignung aufkommen ließ, und Adi Hütter, der nach drei meist guten Frankfurter Jahren in Gladbach kolossal floppte. Sie eint das Festhalten an ihren Prinzipien, was im Erfolg als konsequent und im Misserfolg als stur bezeichnet wird. Sie eint auch eine Gegentor-Flut, die schon Alexander Zorniger beim VfB aus dem Amt spülte und von eigenen Toren nicht aufgewogen wurde.

Der Vorwurf, dass RB Vereine am Reißbrett entwirft und alles einem Plan folgt, findet seine Bestätigung in dieser Entwicklung: nicht jede Philosophie passt zu jedem Verein, denn alle sind unterschiedlich. Nur nicht im Streben nach Erfolg. Erfahrene Trainer wissen, dass sie nur das System spielen lassen können, zu denen ihre Spieler passen. Wer allzu dogmatisch an die Sache ran geht, den bestraft das Leben oder eben der Vorstand.

Die Entwicklung wird RB-Übervater Ralf Rangnick, ein überaus kluger Kopf, gewiss nicht gefallen. Er hat die Richtlinien festgezurrt und hatte als junger Trainer selbst überragende Erfolge. Bei Manchester United erfuhr er nun, dass Fußball ein unberechenbares Spiel bleibt – und das ist auch gut so. Die RB-Schule muss deshalb nicht zu machen, aber vielleicht sollten sie den Lehrplan an der einen oder anderen Stelle ändern.

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