Kassel Die Weltkunstschau in Kassel in Fragen und Antworten
Die „Documenta“ in Kassel findet 2022 zum fünfzehnten Mal statt. Aber was ist die Documenta eigentlich? Ein Porträt der Weltkunstschau in Fragen und Antworten.
Was ist die Documenta? Die Documenta ist eine alle fünf Jahre in Kassel stattfindende Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Eine Findungskommission beruft für jede Ausgabe der Documenta einen Leiter oder eine Leiterin. Diese Person verantwortet gemeinsam mit weiteren Kuratoren und Experten für Kunstvermittlung die künstlerische Linie der jeweiligen Documenta. 2022 wird die Documenta von einer Gruppe verantwortet: Ruangrupa aus dem indonesischen Jakarta. Zentraler Ausstellungsort ist das Fridericianum, ein 1779 vollendeter Museumsbau in der Kasseler Stadtmitte. 1992 kam die benachbarte Documenta-Halle als zweiter Ausstellungsort hinzu. Die Documenta wird im Hinblick auf ihre Laufzeit auch „Museum der 100 Tage“ genannt.
Wie wichtig ist die Documenta? Die Documenta gilt als das weltweit wichtigste Ausstellungsformat für Gegenwartskunst. Jede Ausgabe der Kasseler Ausstellung wird deshalb mit großer Spannung erwartet. Die Documenta gilt als Gradmesser für aktuelle Entwicklungen der zeitgenössischen Kunst und zugleich als Statement zu zentralen Themen von Politik und Gesellschaft. Jede Ausgabe präsentiert die Werke von mehreren hundert Künstlern. Mit der Documenta sind viele zunächst ungewohnte Kunstformen wie Installation, Video und Performance populär geworden. Die Documenta gilt als wichtigster Ort für den Start von Künstlerkarrieren.
Wie ist die Documenta entstanden? Der Kasseler Akademieprofessor Arnold Bode hat die erste Documenta 1955 als Beiprogramm zu einer Bundesgartenschau veranstaltet. Damals kamen 135000 Besucher zu der Ausstellung im Fridericianum. Arnold Bode leitete noch weitere zwei Ausgaben 1959 und 1964, bevor 1968 ein Documenta-Rat die Leitung übernahm. Erst mit Harald Szeemann, dem Leiter der fünften Ausgabe von 1972, erhielt die Ausstellung ihre bis heute gültige Struktur im Hinblick auf Leitung und zeitlichen Rhythmus. Die Zahl der Besucher ist übrigens mit jeder Ausgabe gestiegen. 2012 kamen fast 900000 Besucher, 2017 rund 1,3 Millionen.
Welche Documenta-Ausgaben ragen heraus? Die erste Documenta setzte 1955 nicht nur den Startschuss. Arnold Bode rehabilitierte mit dieser Ausstellung auch von den Nationalsozialisten verfemte Künstler der Moderne. Die Documenta 1 stellte für Deutschland den Anschluss an das internationale Kunstgeschehen wieder her. Einen großen Wendepunkt der Documenta-Geschichte markierte Harald Szeemann 1972. Seine Documenta-Ausgabe etablierte mit zentralen Werken von Joseph Beuys und vielen Rauminstallationen einen völlig neuen Kunstbegriff. Als erster, nicht aus Europa stammender Leiter öffnete Okwui Enwezor die Documenta mit seiner Ausgabe von 2002 für die Globalisierung. Adam Szymczyk hat 2017 mit Athen erstmals einen zweiten, gleichberechtigten Standort neben Kassel etabliert. Erste Frau an der Spitze der Documenta war Catherine David. Die Französin leitete die Ausgabe von 1997.
Welche Exponate wurden zu Legenden? Als 2007 der von Ai Weiwei aus alten Türen aufgetürmte Skulptur in der Kasseler Karlsaue im Sturm einstürzte, lachte die ganze Kunstwelt. Ai Weiweis kollabierte Skulptur avancierte zur Documenta-Legende. Andere Exponate sind aber als Marksteine der Gegenwartskunst viel wichtiger. Joseph Beuys installierte 1977 in der Rotunde des Fridericianums seine „Honigpumpe“ als Symbol zirkulierender Energie. Mit seinem Projekt „7000 Eichen“ brachte Beuys 1982 Kunst und Ökologie zusammen. Sichtbares Wahrzeichen der Documenta sind bis heute Jonathan Borofskys „Man walking to the sky“ am Kulturbahnhof und Claes Oldenburgs „Spitzhacke“ am Ufer der Fulda.
Was hat die Documenta bewirkt? Noch nie in der Geschichte haben sich so viele Menschen mit aktueller Kunst beschäftigt wie gerade heute. Das ist zu einem großen Teil das Verdienst der Documenta. Die Kasseler Ausstellung hat der Gegenwartskunst - trotz der schon 1895 gestarteten Biennale von Venedig - das größte Schaufenster geboten. Der Rhythmus von fünf Jahren zwischen den einzelnen Ausgaben sorgt für einen nie abreißenden Spannungsbogen. Mit der Documenta ist zeitgenössische Kunst endgültig zum Spektakel avanciert - und zum Barometer für den Zeitgeist.
Was ist an der 15. Documenta besonders? Die aktuelle Ausgabe der Weltkunstschau wird nicht von einer einzelnen Person, sondern von einer Gruppe verantwortet, dem Künstlerkollektiv Ruangrupa aus Jakarta in Indonesien. Ruangrupa wird den Kunstbegriff umkrempeln. Auf der Künstlerliste finden sich viele Gruppen und Initiativen, aber praktisch keine Namen des etablierten Kunstbetriebes. Vor fünf Jahren expandierte die Documenta erstmals über Kassel hinaus. Adam Szymczyk, Chef der Documenta 14 zeigte einen Teil seiner Schau in Athen unter dem Titel „Von Athen lernen“. 2012 hatte die Leiterin der Documenta 13, Carolyn Christov-Bakargiev bereits in Kabul, Kairo und dem kanadischen Banff erstmals Außenstandorte der Documenta etabliert.
Wer finanziert die Documenta? Nach Angaben der Geschäftsführung stehen für die documenta 15 - zusammengerechnet für fünf Jahre - rund 42 Millionen Euro zur Verfügung. In die Finanzierung teilen sich Stadt Kassel und Land Hessen, die Kulturstiftung des Bundes und Sponsoren. Einen erheblichen Teil des Budgets will die Documenta wieder über eigene Einnahmen finanzieren. Für Kassel lohnt sich das Kunstformat auf jeden Fall. Die Documenta löst in der Stadt durch ihre Besucher und ihre Produktion nach Untersuchungen einen Umsatz von 200 Millionen Euro aus.