Onsabrück Darf man Mitleid mit dem Mörder Wadim S. haben?
Mit dem Krieg in der Ukraine beraubt Wladimir Putin viele Menschen auch in seinem Land ihrer Zukunft. Dafür steht exemplarisch der junge Soldat, der sich in Kiew wegen Mordes an einem Zivilisten verantworten muss.
Mit den kindlichen Zügen des 21-jährigen russischen Soldaten, der wegen der Ermordung eines Zivilisten in Kiew vor Gericht steht, bekommt das Elend, die Bitterkeit, der ganze Wahnsinn von Krieg einmal mehr ein Gesicht.
Ein junger Mann, der sein Leben mit allen Chancen und Möglichkeiten noch vor sich hatte, wurde von einem Regime in den Krieg geschickt, das anstatt aufgeklärte Bürger zu fördern auf deren Gleichschaltung setzt und junge Männer wie Wadim S. auf dem Schlachtfeld imperialer Machtpolitik verheizt. Darf, ja muss man nicht Mitleid mit ihnen haben?
Es ist gut, dass ukrainische Staatsanwälte und Richter versuchen, das Verbrechen nüchtern aufzuarbeiten. Die ukrainische Justiz muss allen Anschein vermeiden, einen gegnerischen Soldaten aus Rache ins Gefängnis zu schicken. Wer als Ziel ausgegeben hat, ein Mitglied der EU werden zu wollen, muss die Unabhängigkeit der Rechtsprechung garantieren. Alles andere hätte zwangsläufig einen schweren Ansehensverlust im Westen zur Folge.
Dass der Angeklagte gestanden hat, auf Befehl gehandelt zu haben, und für seine Tat um Verzeihung gebeten hat, macht es einfacher. Der konkrete Mord liegt in der Verantwortung des Einzelnen; dafür muss er eine gerechte Strafe bekommen. Dass er als Befehlsempfänger überhaupt erst in diese Lage gekommen ist, hat er seinem Präsidenten zu verdanken.
Wladimir Putin darf sich zu einer Machtpolitik gratulieren, für die das Wohlergehen der Menschen im Land längst keine Rolle mehr spielt. Anstatt der jungen Generation Perspektiven zu ermöglichen, beraubt der Kreml Männer wie Wadim S. ihrer Zukunft. Bleibt zu hoffen, dass Putin sich dereinst nicht nur dafür, sondern auch für die in seinem Namen begangenen Kriegsverbrechen verantworten muss.