Berlin Militärhistoriker kritisiert Kanzler: „Scholz zeigt Putin seine Angst“
Schwarze Prognose: Der Ukraine-Krieg könnte „noch Jahre fortdauern“, sagt Deutschlands einziger Professor für Militärgeschichte, Sönke Neitzel. Die Hoffnung auf eine Waffenruhe sei „Wunschdenken“ des Westens.
Der Kriegsspezialist rechnet hart mit der Ukraine-Politik von Kanzler Olaf Scholz ab. Hätte sich Kiew auf Deutschland verlassen, „wäre die Ukraine längst russisch“, sagt er beim einstündigen Interview in seinem Universitätsbüro in Potsdam. Er fordert den Kanzler auf, rasch nach Kiew zu reisen, „um endlich ein klares Signal zu senden“.
Wie geht es weiter im Krieg? Das Interview im Wortlaut:
Frage: Herr Professor Neitzel, Panzer gegen Panzer mitten in Europa: Wie um Himmels willen konnte es so weit kommen?
Antwort: Das fragen wir uns alle. Kaum jemand hatte ein solches Kriegsbild vor Augen. Es ging um hybride Kriege, Cyber-Kriege. Ich habe zwar immer gewarnt, nicht zu vergessen, dass Kriege auch mit konventionellen Mitteln geführt werden. Aber auch ich konnte mir nicht vorstellen, dass Russlands Präsident Wladimir Putin einen offenen, großen Krieg startet; mit dem schlichten Argument, dass er damit für die Stärkung seines Landes und seiner eigenen Position nichts erreichen könnte. Die ökonomischen, militärischen, menschlichen und moralischen Kosten sind gewaltig.
Frage: Gibt es aus historischer Perspektive eine Mitverantwortung der Ukraine?
Antwort: Die sehe ich nicht. Die Forschung wird einordnen, wie sich der Westen, die EU, die Ukraine verhalten haben, welche Signale ausgesendet wurden. Eine Rolle spielte womöglich, dass 2019 das Ziel einer Nato-Mitgliedschaft in die ukrainische Verfassung geschrieben wurde. Bis 2014 hat das Land alles getan, was es machen konnte, um Spannungen abzubauen: Seine Atomwaffen abgegeben, die Armee quasi aufgelöst, ein Neutralitätsgebot. Kurzum, sie war keine Gefahr für Moskau.
Frage: Das sah der Kreml-Chef anders…
Antwort: Zum Problem für Putin wurde, als Kiew begann kraftvoll nach Europa zu streben. Damit drohte dem Kreml die Kontrolle zu entgleiten. Zu dem Zeitpunkt endeten alle Versuche, Putin in das europäische Haus einzubinden. Seine Antwort war die Okkupation der Krim und der Krieg in der Ostukraine, also offene Gewalt. Dass die Ukraine darauf mit der Anlehnung an die USA und Großbritannien reagierte, sich auf einen Krieg vorbereitete: Ja was denn sonst? Nein, es steht historisch außer Frage: Nichts rechtfertigt den russischen Angriffskrieg!
Frage: Kanzler Olaf Scholz soll dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj kurz vor Kriegsbeginn Sicherheitsgarantien auch der USA und Frankreichs angeboten haben, um den Frieden zu retten. Selenskyj soll das abgelehnt haben…
Antwort: Es kursieren vieler solcher Gerüchte. Dazu gehört, Putin habe Kiew im Gegenzug für eine Abtretung von Krim und Donbass und den Nato-Verzicht ewigen Frieden angeboten, aber die USA hätten das abgelehnt. Die Quellenlage für solche Behauptungen ist dünn. Solche Vermutungen halten dem Realitätstest nicht stand. Wäre der Krieg durch Zugeständnisse welcher Art auch immer abzuwenden gewesen? Ich sehe das nicht. Meine Überzeugung: Putin wollte und will den Weg der Ukraine nach Westen aufhalten. Denn dadurch würde direkt vor seiner Haustür ein attraktiveres Lebensmodell etabliert. Damit war der Weg in den Krieg vorgezeichnet. Die Nato war 2014 abgerüstet bis auf die Schlacke. Eine Bedrohung für Russland ist sie bis heute definitiv nicht. Putins Argument der Selbstverteidigung hat keine Grundlage.
Frage: Nach knapp drei Monaten hat Putin militärisch wenig erreicht. Ukrainische Truppen sind sogar bis an Russlands Grenze vorgestoßen. Erleben wir gerade eine Kriegswende? Verliert Putin?
Antwort: Ich halte es für unwahrscheinlich, dass die ukrainischen Truppen die Landbrücke zur Krim im Süden vollständig zurückerobern und sich im Osten wieder bis zur Demarkationslinie vorkämpfen. Die Ukraine hat es geschafft, russische Offensiven zu stoppen. Die anderen militärischen Erfolge ergaben sich durch russische Teilrückzüge. Jetzt graben sich Moskaus Truppen entlang der Landbrücke ein. Um die Front zu verschieben, russische Verbände einzukesseln, müsste die Ukraine eine Überlegenheit von mindestens 3:1 herstellen, bräuchte auch Luftüberlegenheit, um russische Nachschublinien zu kappen. Die Militärhistorie zeigt: Eine Offensive zu führen ist die hohe Kunst des Kriegshandwerks. Dazu fehlen der Ukraine auch schlicht die Waffen. Wir wissen sehr wenig über die echte Stärke des ukrainischen Militärs, aber das traue ich ihm nicht zu. Auch die Ukraine hat ja schon erhebliche Verluste hinnehmen müssen, von denen wir nur nichts erfahren.
Frage: Und im Osten?
Antwort: Dort wird Putin alles daransetzen, die beiden Oblaste komplett einzunehmen und dann zu halten. Auch wenn ihm das nicht vollständig gelingen wird, dürfte die Intensität der Kämpfe nachlassen. In einigen Wochen erwarte ich ein Abflauen, dann stehen die Frontverläufe erstmal fest. Putin hat die Landbrücke zur Krim und immerhin 20 Prozent der Ukraine erobert. Das könnte ihm vorerst ausreichen. Es könnte Putins Strategie sein, den Gegner dann auf die russischen Stellungen anrennen und langsam ausbluten zu lassen.
Frage: Warum geht Putin militärisch nicht „all in“?
Antwort: Das tut er nicht, richtig. Er hätte die Luftwaffe viel stärker einsetzen, mit schweren Bombern Kiew zerstören können. Seitdem die sogenannte Spezialoperation – also die blitzartige Attacke und der Sturz Kiews – gescheitert ist, konzentriert er sich auf den Süden und den Donbass. Das Militär nimmt sich Ziele, passt diese dann aber den Möglichkeiten an und legt die Ukraine nicht in Schutt und Asche, obwohl es das könnte. An Mariupol hat Putin ein grausames Exempel statuiert. Aber er wirft bislang auch keine taktische Nuklearwaffe ab. Es ist – bei allen Grausamkeiten – also zumindest eine gewisse Zurückhaltung zu beobachten.
Frage: Aber was will er denn jetzt noch erreichen?
Antwort: Die Landbrücke zur Krim halten, die Oblaste im Osten erobern und den Feind im Donbass einkesseln. Dort standen schon immer die besten ukrainischen Verbände. Gelingt ihm das, könnte er Kiews Militär das Rückgrat brechen. Er wäre dann in einer Position, eine Waffenruhe auszurufen. Das brächte die Ukraine in eine sehr schwierige Lage. Würde sie dann weiter russische Stellungen attackieren, würde das Putins Propaganda stützen, aus dem Angegriffenen den Aggressor zu machen.
Frage: Die Offensive im Donbass stockt. Wird er eine Atombombe einsetzen, um die Gebiete zu erobern?
Antwort: Nein, dafür nicht. Aber ich halte den Abwurf einer taktischen Nuklearwaffe für möglich, wenn Putin die Gefahr sieht, den Donbass an die Ukraine zu verlieren. Der Präsident kann seinem Volk nicht mehr gegenübertreten, wenn er die Oblaste im Osten, die er ja schon als unabhängig von Kiew anerkannt hat, verliert. Aber als Historiker weiß ich nur eins mit Gewissheit zu sagen: Es kann auch immer anders kommen. Den Zusammenbruch der Sowjetunion hat auch niemand vorausgesagt. Und zur Atombombe: China könnte Putin warnen, beim Einsatz einer Nuklearwaffe würde er eine Grenze überschreiten, dann wäre die Peking-Moskau-Allianz dahin. Das könnte ihn selbst dann vom Einsatz solch einer Waffe abschrecken, wenn das russische Militär kollabiert.
Frage: Wie geht es weiter, wenn die Oblaste in russischer Hand sind?
Antwort: Dann kommt der Westen ins Spiel: Werden die Nato-Staaten die Ukraine militärisch so aufbauen, dass sie eine Offensive starten kann, etwa zur Rückeroberung der Landbrücke? Die Deutschen werden es bestimmt nicht tun, aber vielleicht die Amerikaner. Aber wie gesagt: Ob die Ukraine überhaupt in die Lage versetzt werden könnte, einen modernen Angriffskrieg zu führen? Es wäre auch zu erwarten, dass die Moral der russischen Truppen gestärkt würde, wenn es für sie darum geht, „ihre“ Gebiete, die sie ja als Vaterland betrachten, zu verteidigen.
Frage: Olaf Scholz verlangt wieder und wieder eine sofortige Waffenruhe. Hat er den Status quo damit schon irgendwie akzeptiert?
Antwort: Der Ruf nach einer Waffenruhe ist verständlich, aber Wunschdenken. Wir wollen alle, dass dieser Krieg sofort aufhört. Aber die Ukrainer wollen natürlich ihr Land zurückhaben. Ich halte einen Waffenstillstand gefolgt von Verhandlungen für unrealistisch. Die Vorstellungen beider Kriegsparteien liegen viel zu weit auseinander. Und keine Seite ist militärisch so geschwächt, dass sie verhandeln muss, um eine totale Niederlage abzuwenden. Eine Waffenruhe könnte Moskau sogar in die Hände spielen. Die russische Kalkulation wird sein, in einer Feuerpause Kraft zu schöpfen und dann wieder anzugreifen. Der Friede von Amiens 1802 kommt mir in den Sinn. Der Friedensvertrag zwischen Frankreich und Großbritannien führte nur zu einer Pause, es war aber klar, dass der Krieg weitergehen wird. Bei einer Waffenruhe würde in Berlin vielleicht frohlockt, aber ein Ende des militärischen Konfliktes wäre mitnichten in Sicht. Die Geschichte ist reich an Beispielen für endlose Kriege. Der Wunsch nach Frieden vernebelt vielen den Blick auf die Realität. Meine Befürchtung: Der russisch-ukrainische Krieg wird noch viele Jahre fortdauern.
Frage: Ist die Haltung der Bundesregierung dann klug, vor einer Eskalation zu warnen und sich möglichst rauszuhalten?
Antwort: Die Warnung vor einer Eskalation mag für Olaf Scholz innenpolitisch klug sein, um den pazifistischen Flügel in seiner Fraktion nicht gegen sich aufzubringen. Außenpolitisch ist diese Haltung unklug, ja riskant. Scholz zeigt Putin seine Angst. Das fördert das Bild eines schwachen Westens. Genau das hat dazu beigetragen, dass Putin den Krieg überhaupt gewagt hat. Außenpolitisch müsste Scholz auf eine Sprache der Stärke gegenüber Russland setzen. Ich war kürzlich in Warschau und London. Dort ist von Angst wenig die Rede, beide Länder sind viel klarer gegenüber Moskau. Dabei ist Polen viel näher dran an dem Krieg. Das Zögerliche, Ängstliche in der Sicherheitspolitik ist typisch deutsch.
Frage: Das scheint für Worte wie für Waffen zu gelten. Wie wichtig wären deutsche Panzer für den Krieg wirklich?
Antwort: Wenn sich die Ukraine auf Deutschland und die EU verlassen hätte, wäre sie jetzt russisch. Das muss man schonungslos so aussprechen. Der Anteil deutscher Militärhilfe war bis zum 24. Februar gleich null und läuft nun doch eher schleppend. Das Überleben der Ukraine hängt von den USA ab.
Frage: Kann und sollte Deutschland mehr tun, obwohl die Bundeswehr mit heruntergelassenen Hosen dasteht?
Antwort: Davon bin ich überzeugt. Trotz Mangel in Depots und Magazinen haben wir Panzer und Flugzeuge. Was davon an die Ukraine geliefert wird, ist eine politische Entscheidung. Die fünf Panzerhaubitzen, die an Kiew gehen, fehlen der eigenen Truppe. Aber sie sind gerade in der Ukraine viel sinnvoller eingesetzt, um auch die deutsche Sicherheit zu gewährleisten. Es ist nicht zu erwarten, dass die deutsche Artillerie morgen selbst in die Schlacht ziehen muss. Es braucht meines Erachtens mehr Bereitschaft, die Ukraine militärisch auszurüsten, auch wenn das die eigene Verteidigungsfähigkeit vorübergehend etwas schwächen könnte. Ob Briten, Niederländer, Esten oder Polen: Alle gehen diesen Weg, und deswegen kann sich die Ukraine verteidigen. Dass Berlin nicht willens ist, mehr Panzerhaubitzen zu liefern als die Niederlande, das ist schwach.
Frage: Reist Olaf Scholz deswegen nicht nach Kiew?
Antwort: Ich finde, der Bundeskanzler sollte rasch in die Ukraine reisen. Es stimmt, das wäre „nur“ ein Fototermin. Aber das Symbolische ist gerade immens wichtig. Scholz hat mehrfach gesagt, dass Deutschland ganz fest an der Seite des angegriffenen Landes steht. Aber es braucht endlich das Bild zu seinen Worten, es braucht dieses Zeichen. Auch wenn alle wissen, dass es um Inszenierung geht, ginge davon eine große Wirkung aus.