Berlin  Grünen-Politiker Sven Lehmann: Queer-Beauftragter – oder Querdenker?

Burkhard Ewert
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Von Burkhard Ewert
| 19.05.2022 10:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der Queerbeauftragte der Bundesregierung, Sven Lehmann, irritiert mit seinen Ansichten zu Geschlechterfragen. Foto: dpa/Britta Pedersen
Der Queerbeauftragte der Bundesregierung, Sven Lehmann, irritiert mit seinen Ansichten zu Geschlechterfragen. Foto: dpa/Britta Pedersen
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Der Queer-Beauftragte der Bundesregierung findet, dass niemand das Geschlecht eines Menschen von außen erkennen kann. Stolze Feministinnen sehen das anders. Auch NOZ-Vize Burkhard Ewert zeigt sich irritiert von den Äußerungen.

Es gibt einen Queer-Beauftragten der Bundesregierung. Ich habe das erst in dieser Woche erfahren. Zwar hatte ich den Namen Sven Lehmann schon einmal gehört. Aber dass es einen Staatssekretär im Bundesministerium für Familie, Frauen und Jugend gibt, der sich hochrangig und hauptberuflich mit geschlechtlichen Dingen befasst, die nicht die üblichen sind, war bisher an mir vorüber gegangen. 

Nun kann man sagen, dann hat sein Amt ja einen Teil seines Zweckes erfüllt. Dass andere und ich von ihm erfahren, macht sexuelle Vielfalt sichtbarer, als es das lange Zeit war. Das ist gut so. Ein jeder möge nach seiner eigenen Façon selig werden, auch sexuell.

Nur erfuhr ich diese Woche ebenfalls: Wer so denkt wie ich, ist nicht etwa tolerant. Er ist von gestern. Das gilt auch für viele Feministinnen aus dem Rest der Republik, findet jedenfalls Regierungsbeauftragter Lehmann. Er ließ die Welt wissen, dass niemand das Geschlecht eines Menschen von außen erkennen könne. Kein Arzt, kein Elternteil könne in den Körper, in die Seele, in das Gefühl eines Kindes hineingucken. Dort aber entscheide sich auch kraft eigenen Bekundens, welches Geschlecht es hat. Sexualorgane hätten in dieser Hinsicht keine Bedeutung.

Ich halte das für schwierig. Wie ich es als Stand der Wissenschaft betrachte, gibt es sehr wohl eindeutige Geschlechter und in sehr, sehr seltenen Fällen biologisch bedingte Abweichungen davon. Eine andere Sache ist die soziale Dimension, wenn man so will: Jemand findet sich in Rollen wieder, die ihm nicht entsprechen. Hierzu gehören Gender-Klischees, letztlich auch Trans-Themen bis hin zu Operationen.

Mit Sexualität im Sinne von Sex hat das zunächst nichts zu tun. Dies, die sexuelle Orientierung, ist erst die dritte Frage. Sie ist tatsächlich unabhängig vom Geschlecht, außer dass sich neumodische Kürzel für Menschen aus der jeweiligen Kombination von Merkmalen ableiten.

Davon abgesehen sollte man meinen: Ein homosexueller Mann ist trotzdem ein Mann, jede bisexuelle Frau eine Frau und so weiter. Jede andere Betrachtung könnte man durchaus als diskriminierend betrachten. 

Lehmanns Lehre erfährt deshalb massiv Gegenwind. Gar nicht mal von Leuten wie mir, die sich primär wundern. Auch nicht von Idioten, die in Stadt und Land und Kirche Schwule notorisch abwerten und manchmal selbst welche sind. Nein, es sind Feministinnen, die Lehmann Contra geben und die er eigentlich ebenfalls zu vertreten berufen ist. Sie sagen, sie sind Frauen und stolz darauf. Sie sagen, man kann sich zur Frau nicht einfach erklären. Frau zu sein, ließe sich auch nicht ohne weiteres nachempfinden von jemandem, der es biologisch nicht ist. Kurz: Sie wollen keinen Menschen mit Penis in ihrer Frauensauna, sei er ein Mann oder auch nicht.

Lehmann und seine Leute sagen, sie liegen grundlegend falsch. Digital und gedruckt arbeitet der Grünen-Politiker im staatlichen Auftrag daran, namentlich junge Menschen zu informieren – zu missionieren. Ich habe da Fragen. Zumindest waren sich doch bei Corona alle einig, man sollte auf die Wissenschaft hören. Und in den Standardwerken der Naturwissenschaft und in den Schulbüchern für Biologie werden sehr wohl die Geschlechter anhand weiblicher und männlicher Körpermerkmale unterschieden. Es geht dabei nicht nur um die Sexualorgane. Das Herz von Frauen und Männern unterscheidet sich, der Haarwuchs, der Hormonhaushalt und andere Dinge. Die Unterschiede sind messbar. Sie zu leugnen, kommt mir eher merkwürdig als modern vor. 

In letzter Konsequenz frage ich mich daher, ob es sich bei dem Amt weniger um einen Queer-Beauftragten als um einen Beauftragten für Querdenkerei handelt.

Ein schwieriges Thema – auch ein sehr persönliches. Vielleicht sehe ich etwas falsch, mache einen Denkfehler, dann schreiben Sie mir gerne. Aber bis auf weiteres bedauere ich es nur bedingt, von Lehmanns Wirken bisher nichts gewusst zu haben.

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