Volkslauf  Krankenwagen-Konvoi beim Ossiloop-Horrorfinale 1996

| | 18.05.2022 19:17 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ein Jahr nach den dramatischen Szenen von 1996 ließen es die Spitzenläufer bei der Schlussetappe nach Bensersiel ruhig angehen. Hans-Joachim Metzler (3. Platz), Sieger Enno Heidergott (Mitte) und Peter Steinke liefen Hand in Hand ins Ziel.
Ein Jahr nach den dramatischen Szenen von 1996 ließen es die Spitzenläufer bei der Schlussetappe nach Bensersiel ruhig angehen. Hans-Joachim Metzler (3. Platz), Sieger Enno Heidergott (Mitte) und Peter Steinke liefen Hand in Hand ins Ziel.
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Dramatische Szenen gab es bei der Schlussetappe des Ossiloops vor 26 Jahren. Bei 31 Grad Hitze am Abend kollabierten etliche Läufer kurz vor dem Ziel.

Ostfriesland - Neben zahlreichen Erfolgsgeschichten schrieb der Ossiloop in nunmehr 40 Jahren auch ein Horror-Kapitel. Es war am 7. Juni 1996, als die Schlussetappe von Dunum nach Bensersiel nicht mit Konfettiregen, Beifall klatschenden Zuschauermassen und strahlenden Siegern endete. Nein, das Blaulicht und die Sirenen der Krankenwagen blieben den Läufern von damals bis heute im Gedächtnis haften. Ein Rettungswagen nach dem anderen steuerte damals den Zielbereich in Bensersiel an, um kollabierte Läufer abzutransportieren. Selbst der führende Athlet Peter Steinke sackte kurz vor dem Ziel zusammen und beendete den Lauf nicht ohne fremde Hilfe.

Die Ursache für das dramatische Ende von Ossiloop Nummer 15 war sengende Hitze gepaart mit unerträglicher Schwüle und fast völliger Windstille. Bei der heißesten Etappe der Ossiloop-Geschichte zeigte das Thermometer beim Start um 19 Uhr in Dunum 31 Grad an. Dieser Wert ist bis heute der Hitzerekord des Ostfrieslandlaufs.

Drama auf dem letzten Kilometer

Auch der heutige Ossiloop-Organisator Edzard Wirtjes gehörte damals zum Läuferfeld. „Auf dem Deich von Esens nach Bensersiel sah man die Kulisse mit den Krankenwagen“, schilderte er die gespenstischen Eindrücke. Neben zahllosen Menschen mit kleineren Kreislaufbeschwerden gab es auch fünf schwere Zusammenbrüche – kurioserweise ereigneten sich sämtliche Kollapse auf dem letzten Kilometer.

Theo Gerken aus Südbrookmerland lief damals in der hinteren Hälfte des Teilnehmerfeldes und war geschockt, als er dem Ziel nahe kam. „Überall lagen am Deich im Gras die Läufer herum – alle nicht weit voneinander entfernt.“

Auch Siegläufer sackte zusammen

Zum Glück waren schnell Zuschauer und Helfer zur Stelle. „Nur die Krankenwagen konnten dort nicht hinfahren“, erinnert sich Gerken. „Uns kamen die Sanitäter mit Tragen in der Hand auf dem Deich entgegengelaufen.“ Sie mussten vier Sportler einige Hundert Meter weit bis zu den Rettungswagen tragen.

Einen Athleten erwischte es ein paar Meter vor der Ziellinie. Peter Steinke verließen auf den letzten Metern die Kräfte. Der Kreislauf machte nicht mehr mit. Ein paar Zuschauer und Helfer eilten herbei, stützten den Mann im Gelben Führungstrikot und gingen mit ihm über die Ziellinie. Weil Steinke Hilfe benötigt hatte, wurde der Sieg bei den Männern 1996 geteilt. So tauchen nun die Namen Walter Kaderhardt und Peter Steinke als gemeinsame Sieger von 1996 auf.

Auf dem Deich fehlte der Wind

„So etwas ist mir zum Glück nie wieder passiert“, sagt Peter Steinke heute. „Es haben wohl mehrere Faktoren zu den Beschwerden geführt.“ Steinke nennt die Hitze, den Kräfteverschleiß durch die vorherigen Etappen und den fehlenden Gegenwind aus Nordwest, auf den sich die Läufer sonst auf dem Deich zwischen Esens und Bensersiel verlassen konnten. „Auf dem Deich stand die Hitze regelrecht. Und vielleicht bin ich etwas zu ehrgeizig gewesen und zu schnell gelaufen“, sagt er. Da kam wohl vieles zusammen.“ Nach diesen Ereignissen ließen es die Läufer ein Jahr später bei der Schlussetappe ruhiger angehen. Sieger Enno Heidergott und seine Verfolger Peter Steinke und Hans-Joachim Metzler liefen Hand in Hand gemeinsam über die Ziellinie.

Die Szenen von 1996 haben auch Edzard Wirtjes lange Zeit beschäftigt. „Einige Läufer sind offenbar dehydriert“, glaubt er. Sie haben wohl zu wenig getrunken. „Dann kam noch der Staub vom Schotterweg auf dem Deich hinzu. Und es fehlte der erfrischende Gegenwind.“

Organisator war geschockt

Damals war der mittlerweile verstorbene Ossiloop-Erfinder Klaus Beyer noch Organisator des Rennens. Völlig fassungslos stand er im Zielbereich. „Ich bin erschrocken von den Bildern, die ich hier gesehen habe“, wurde Beyer vor 26 Jahren in unserer Zeitung zitiert.

Sein Nachfolger als Organisator kann das Entsetzen des damaligen Ossiloop-Chefs nachvollziehen. „Das ist das Schlimmste, das einem als Verantwortlichen passieren kann“, sagt Wirtjes. Deshalb schickt er die Läufer immer mit Warnungen auf die Strecke, sobald sich die Temperaturen sommerlichen Werten nähern. Mittlerweile bittet er oftmals auch die Anwohner darum, den Läufern mit Gartenschläuchen ein bisschen Erfrischung zu bieten.

Der erfahrene Klaus Beyer hatte 1996 beim Start der Hitze-Etappe schon eine böse Vorahnung. „Hoffentlich kommen alle heile ins Ziel“, wurde er zitiert. Der Wunsch ging nicht in Erfüllung. Aber der Schock war nach einem Tag verdaut. Denn alle fünf kollabierten Läufer konnten gesund und munter das Krankenhaus verlassen.

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