Esbjerg Wie die Nordsee zum Kraftwerk werden soll
Beim Ringen für mehr Klimaschutz und schnelle Unabhängigkeit von russischem Gas sehen Spitzenpolitiker die Nordsee in einer Schlüsselrolle.
Die Energiewende holt hochrangige europäische Politiker aus ihren Hauptstädten an die Küste: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und die Regierungschefs von Deutschland, Dänemark, den Niederlanden und Belgien kommen an diesem Mittwoch zu einem Energie-Gipfel in der dänischen Hafenstadt Esbjerg zusammen. Ihr Ziel: Eine schnelle gemeinsame Strategie, die alle Potenziale der Offshore-Windenergie in der Nordsee heben soll.
Eingeladen dazu hat die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen. „Europa muss schnellstmöglich unabhängig von russischem Gas werden“, sagte die Sozialdemokratin in einer vor dem Gipfeltreffen verbreiteten Erklärung. „Dänemark möchte vorangehen und den Weg dafür bahnen, dass die Nordsee ein grünes Kraftwerk für ganz Europa wird.“
Das bezieht sich nicht allein auf die ohnehin ehrgeizigen, vor wenigen Wochen erneut erhöhten Ausbauziele Dänemarks für Meeres-Windkraft. Das Königreich plant zudem mitten in der Nordsee eine künstliche Energie-Insel. Sie soll Dreh- und Angelpunkt für die Einspeisung und Weiterverteilung des Öko-Stroms in verschiedene Anrainerstaaten werden. Zugleich soll die Insel als Basis für die technische Wartung von Meereswindparks fungieren.
Der dänische Energieminister Dan Joergensen hatte bereits im vergangenen Oktober gegenüber einer deutschen Journalistengruppe, darunter auch shz.de, die Absicht bekräftigt, Nachbarländer in die Nutzung der Energieinsel einzubeziehen. Durch den Krieg in der Ukraine hat die Überlegung nun an Dringlichkeit gewonnen.
Frederiksen möchte am Mittwoch in Esbjerg „das grüne Potenzial der Nordsee zeigen“. Sie will „darüber diskutieren, wie wir das Ambitionsniveau erhöhen und das Tempo für den Ausbau von Offshore-Windkraft und die dazugehörige Infrastruktur steigern“. Es ist geplant, dass die Regierungschefs und von der Leyen dazu am frühen Abend eine Abschlusserklärung unterzeichnen.
In Esbjerg mit dabei sind die Fachminister für Energie und Klimaschutz, aus der Bundesrepublik Robert Habeck. Auch EU-Energiekommissarin Kadri Simson ist vor Ort.
Esbjerg hat sich bereits jetzt zum führenden Hafen für die Verschiffung der Bauteile von Meereswindparks gemausert: Drei Viertel aller bisher in der Nordsee stehenden Anlagen sind von dort aus hinaus auf See transportiert worden.
Im März hatte die EU einen neuen Entwurf vorgestellt, wie die Staatengemeinschaft koordinierter vorgehen kann, um den Ausbau erneuerbarer Energien zu forcieren und zugleich kostengünstiger zu machen. Voraussichtlich ebenfalls an diesem Mittwoch wird Brüssel dazu einen genauer ausgearbeiteten Plan vorlegen.