Osnabrück  Frage an Osnabrücker Protestanten: Warum sollten Kirchen Altenheime und Kitas betreiben?

Stefanie Witte
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Von Stefanie Witte
| 16.05.2022 11:08 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Joachim Jeska vertritt als Superintendent den evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Osnabrück in der Öffentlichkeit. Zum Kirchenkreis gehören 18 Gemeinden mit insgesamt 54.200 Gemeindegliedern. Foto: Jörn Martens
Joachim Jeska vertritt als Superintendent den evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Osnabrück in der Öffentlichkeit. Zum Kirchenkreis gehören 18 Gemeinden mit insgesamt 54.200 Gemeindegliedern. Foto: Jörn Martens
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Immer weniger Menschen sind Mitglied einer der beiden großen christlichen Kirchen. Warum sollten dann Altenheime, Krankenhäuser und Kitas weiterhin von Kirchen betrieben werden?

Joachim Jeska ist Superintendent des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Osnabrück und Vorsitzender der Gesellschafterversammlung der DIOS-Diakonie Osnabrück Stadt und Land. Im Interview geht er auf die Frage ein, was evangelische Kirche und Wohlfahrtspflege verbindet und er reagiert auf Kritik an den Arbeitnehmerrechten, die innerhalb kirchlicher Organisationen vom normalen staatlichen Arbeitsrecht abweichen.

Frage: Herr Jeska, immer weniger Menschen sind Mitglied einer Kirche. Warum sollten Kirchen dennoch einen großen Teil der Altenheime, Krankenhäuser und Kindergärten hierzulande betreiben?

Antwort: Unser Glaube führt uns dahin. Neben der persönlichen Verbindung zu Gott ist da der Impetus, etwas für den Nächsten zu tun. Wir wollen kein Geld damit verdienen, für uns steht der Mensch im Mittelpunkt. Insofern glaube ich, dass es der Gesellschaft gut tut, dass sich Kirchen hier engagieren. Im Markt sind immer mehr Investoren unterwegs, die auf Rendite setzen. Wir setzen dieser zunehmenden Kommerzialisierung des Gesundheitssystems etwas entgegen. Dazu kommt: Wir werden von den Kommunen bewusst angefragt, ob wir bestimmte Aufgaben wie das Betreiben von Kitas oder Friedhöfen übernehmen können. Einrichtungen des Staates sind in der Regel teurer als unsere, weil wir selbst Geld ins System geben und hier viel Arbeit dankenswerterweise durch unsere zahlreichen Ehrenamtlichen geleistet wird.

Frage: Sie sprechen über die Gemeinnützigkeit der Einrichtungen. Es gibt auch andere Akteure, die gemeinnützig organisiert sind, aber keine Kirchen - wo ist da der Unterschied?

Antwort: Prinzipiell gibt es da keine Unterschiede. Wir stehen natürlich insbesondere für unsere christlichen Werte, für den Einsatz für die Schwächsten. Außerdem treten wir für vernünftige Löhne ein. Die diakonischen Einrichtungen sind definitiv nicht im unteren Lohnsegment unterwegs.

Frage: Die Aushandlung der Löhne steht allerdings immer wieder in der Kritik - in evangelischen Einrichtungen darf zum Beispiel nicht gestreikt werden. Arbeitnehmervertreter kritisieren: So lassen sich Interessen von Arbeitnehmern schlechter durchsetzen.

Antwort: In der Tat gibt es ein eigenes Arbeits- und Dienstrecht. Aber das Bild in der Öffentlichkeit scheint mir hier etwas verzerrt. Die arbeits- und dienstrechtliche Kommission, die für die Aushandlung von Verträgen zuständig ist, ist paritätisch besetzt. Dort sitzen je zur Hälfte Arbeitnehmer und Arbeitgeber, die gemeinsam entscheiden. Im Konfliktfall muss diese Kommission eine Lösung finden. Wenn das nicht funktioniert, geht es vor einen Schlichtungsausschuss, der ebenfalls paritätisch besetzt ist. Die Arbeitgeber können die Arbeitnehmer nicht überstimmen. Das ist in Betrieben, in denen gestreikt werden kann, nicht so.

Frage: Sie haben auch das Ehrenamt angesprochen. Aber kann Ehrenamt nicht auch ohne Kirche funktionieren?

Antwort: Ich glaube, es braucht einen Rahmen, innerhalb dessen Engagement stattfinden kann. Besuchsdienste für Altenheime, Kinder- und Jugendarbeit, Chorarbeit - all das ist verknüpft mit kirchlicher Arbeit. Natürlich gibt es auch andere Zugänge. Aber wir erreichen sehr viele Menschen über das Gemeinschaftserlebnis in der Kirchengemeinde. Mir war immer wichtig, Ehrenamtliche ordentlich in ihre Aufgaben einzuführen und auch wieder zu verabschieden. Mittlerweile gibt es Ehrenamtskoordinatoren, die neben den Hauptamtlichen Ansprechpartner sein können für Gewinnung und Motivation von Ehrenamtlichen. Das läuft sehr gut.

Frage: Ein großes Problem mit Blick auf die Kirchen als Arbeitgeber ist Diskriminierung. Auf katholischer Seite etwa darf man die Glaubwürdigkeit der Kirche nicht gefährden. Als homosexueller Angestellter kann man unter Umständen gefeuert werden. Ist so etwas nicht überholt?

Antwort: An der Stelle unterscheiden wir uns deutlich von unseren katholischen Geschwistern. Uns ist nicht wichtig, in welchem ehelichen Verhältnis jemand steht. Für uns ist die sexuelle Orientierung nicht wichtig. Frauen können bei uns alle Ämter innehaben und verdienen immer das Gleiche wie Männer. Übrig bleiben leitende Funktionen oder verkündigende Positionen. Da muss man natürlich Mitglied der Kirche sein. Für alle anderen Bereiche ist das nicht mehr so. Wir haben zum Beispiel im Kirchenkreis mittlerweile eine jüdische Kita-Erzieherin, wir haben Kitas mit einem Migrationsanteil von 90 Prozent bei den Kindern.

Frage: Inwieweit werden Kirchenmitglieder bevorzugt? Etwa in der Kita ein evangelisches Kind vor einem konfessionslosen?

Antwort: Nein, das ist für die Kitas in Trägerschaft des Kirchenkreises kein Kriterium. Es gibt ein Punktsystem, in dem Geschwisterkinder oder soziale Hintergründe eine Rolle spielen. Das Konfessionskriterium ist keines.

Frage: Auch auf evangelischer Seite gibt es Beispiele für Diskriminierung. Da war etwa der Koch einer evangelischen Kita, dem gekündigt worden war, weil er aus der Kirche ausgetreten ist. Das Landesarbeitsgericht Stuttgart hat entschieden, dass das nicht rechtens war. Wo zieht denn die Kirche die Grenze?

Antwort: Das Beispiel stammt nicht aus unserer Landeskirche, offensichtlich werden die Vorgaben unterschiedlich gehandhabt. Für mich wäre das kein Kriterium. Wenn ein Pastor aus der Kirche austritt, hätte ich damit ein Problem. Ähnlich sieht es bei Führungspersonal aus. Gleichzeitig verändern wir uns auch immer wieder. Luther hat uns ins Stammbuch geschrieben: Ecclesia semper reformanda. Also: Die Kirche muss immer reformierbar sein und muss sich immer wieder verändern; sie darf nicht stillstehen. Genau das leitet auch uns in unserem Kirchenkreis, vor 15 Jahren wäre eine jüdische Erzieherin wahrscheinlich noch nicht vorstellbar gewesen.

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