Kolumne: Digital total

Das digitale Streben nach dem Analogen

Fabian Scherschel
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Eine Kolumne von Fabian Scherschel
| 10.05.2022 09:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Fabian Scherschel
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Auf unserer Internetseite veröffentlichen wir sechs Mal pro Woche eine Kolumne. Dienstags geht es um Digitales.

Ich denke viel darüber nach, wie digitalisiert unser Leben mittlerweile geworden ist. Unser Geld liegt mittlerweile fast komplett als digitale Größe in irgendwelchen Computern vor. Viele von uns verbringen ihre Zeit beim Lernen, Arbeiten und in der Freizeit zu einem signifikanten Anteil vor digitalen Geräten – vor allem vor dem Bildschirm. Fast unsere gesamte Kommunikation findet über digitale Datenleitungen oder digitale Funkübertragungen statt. Unsere Autos steuern wir inzwischen mithilfe von Chips und Computern. Man könnte diese Liste fast beliebig lang fortführen.

Zur Person

Fabian Scherschel (37), geboren in Duisburg und nun in Düsseldorf lebend, arbeitete bis 2019 als Redakteur für das Tech-Portal Heise-Online und für die Tech-Newsseite „The H“ in London. Als Freiberufler schreibt er unter anderem für das Magazin „c’t“. Mittlerweile hat der begeisterte Podcaster sein eigenes Projekt: fab.industries. Fernseh- und Radiosender schätzen ihn als Experten.

Trotz der Tatsache, dass unser Leben stark von digitalen Systemen beeinflusst wird – oder vielleicht gerade, weil das so ist –, sehnt sich der Mensch aber immer wieder nach dem Gefühl analoger Technik. Und so verbringen wir viel Zeit und Aufwand damit, dafür zu sorgen, dass sich digitale Systeme möglichst analog anfühlen. Zwar ist die Lenkung in modernen Autos komplett digital, Autohersteller geben sich aber viel Mühe, dass sie sich die chipgesteuerten Elektro-Servos möglichst genauso anfühlen wie damals, als noch Kraft direkt vom Lenkrad auf die Vorderachse des Autos übertragen wurde.

Und viele Autos wandeln digitale Geschwindigkeitswerte immer noch in analoge Tacho-Anzeigen um. Auch Software-Entwickler, sei es von Messenger-Apps oder KI-Sprachassistenten, geben sich sehr viel Mühe, dass ihre Programme die Gefühlswelt eines menschlichen Benutzers widerspiegeln und nicht die kalte Logik eines Computers.

Vielleicht ist das menschliche Hirn an sich einfach nicht für das kühle „Ja und „Nein“ eines digitalen Signals gemacht, sondern es braucht die stufenlose Unschärfe der analogen Darstellung. Schließlich bilden unsere Sinne die Welt um uns herum auch nie einseitig schwarz oder weiß ab und wir sehen, wo wir auch hinblicken, nur Grautöne. Mir ist nicht klar, ob das auch heißt, dass digitale Technik dem Menschen an sich nicht guttut. Aber es regt zum Nachdenken an, finde ich.

Kontakt: kolumne@zgo.de

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