Windenergie
Enercon: Meilenstein in der Anlagen-Entwicklung
Enercon will neue Windkraftanlagen schneller und günstiger auf den Markt bringen. Gemeinsam mit Forschern haben sie nun einen Weg gefunden, Prototypen deutlich rascher zur Marktreife zu bringen.
Aurich/Bremerhaven/Aachen - Nicht nur beim Aufbau von Windkraftanlagen hat das Wetter dem Auricher Hersteller Enercon immer wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht und Projekte verzögert: Schon bei der Entwicklung konnte das passieren. „Bestimmte Messreihen und Prüfnachweise konnten wir nur im Feld erfolgreich umsetzen. Das heißt: Wir haben einen Prototypen aufgebaut – und dann mussten wir im Zweifel warten, bis die für die Tests nötigen Wind- und Wetterbedingungen eingetroffen sind“, sagt Sprecher Felix Rehwald. Das ist aufwendig, kostet Zeit und Geld. Unnötig viel davon. Nun will Enercon an dieser Stelle Kosten sparen und Prozesse beschleunigen.
Was und warum
Darum geht es: Enercon will Feldversuche für neue Anlagen künftig in Prüfständen erledigen.
Vor allem interessant für: wirtschaftlich Interessierte und Mitarbeiter des Konzerns
Deshalb berichten wir: Enercon hat gemeinsam mit Forschern und Zertifizierungslaboren neue Testverfahren für Großprüfstände entwickelt. Die Autorin erreichen Sie unter: o.cordsen@zgo.de
Deshalb haben die Auricher sich mit Forschern zusammengetan mit dem Ziel, dieselben Mess-Ergebnisse stattdessen zuverlässig, aber unabhängig vom Wetter in einem Prüfstand zu gewinnen. Dabei waren Forscher der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen ebenso eingebunden wie das Institut für Windenergie-Systeme (IWES) der Fraunhofer-Gesellschaft mit seinem Prüfstand in Bremerhaven, das Messinstitut UL International sowie die Zertifizierungsstelle der Forschungsgemeinschaft für Elektrische
Anlagen und Stromwirtschaft.
Wettbewerbsdruck treibt die Weiterentwicklung
Um unter dem hohen Wettbewerbsdruck Anlagen schneller marktreif zu bekommen, brauche man effiziente Test- und Nachweisverfahren für Windenergieanlagen unter Laborbedingungen, so Enercon. Das „Cert-Bench“ getaufte Vorhaben ist laut Enercon zumindest schon mal für eine Modellreihe geglückt. Der Konzern spricht von einem „Meilenstein“ für die Entwicklung und Zertifizierung von neuen Anlagentypen. Und als weltweit erste Anlage hat die Enercon-Anlage E-115 E2 ihr Zertifikat vor allem auf Basis von Prüfstand-Messungen bekommen. „Das war nicht das Forschungsziel, aber wir freuen uns natürlich über diesen Nebeneffekt der Kooperation, der gleichzeitig die Praxisrelevanz der Forschungsergebnisse unterstreicht“, heißt es vom zuständigen Projektleiter der Enercon-Sparte für Forschung und Entwicklung, Heiko Röttgers. Er gibt sich überzeugt: „Die Ergebnisse des Forschungsprojektes haben großen Nutzen für die anstehenden Entwicklungsaufgaben – sowohl für uns als Hersteller als auch für die gesamte Branche.“
Vom IWES heißt es: „Der zunehmende Wettbewerbsdruck auf dem globalen Markt und eine deutliche Professionalisierung der Branche haben die Anforderungen erhöht: Bei neuen Anlagendesigns wird heute vorausgesetzt, dass bereits die ersten ausgelieferten Anlagen eines Typs zuverlässig laufen. Vor der Finanzierungszusage für Projekte verlangen Investoren den Nachweis umfangreicher Betriebserfahrung.“ Deswegen stellten Neuentwicklungen, aber auch Veränderungen an bestehenden Produkten, „ein erhebliches wirtschaftliches Risiko dar“. Die Untersuchung von Prototypen auf Großprüfständen könne dieses Risiko verringern und mache die Entwicklungen schneller und besser planbar.
Weitere Forschungsarbeit steht noch an
Enercon steht unter besonderem Druck, seine Kosten zu senken: Seit 2018 hat der Konzern wiederholt Verluste im dreistelligen Millionenbereich erwirtschaftet. Weil der deutsche Markt zuletzt fast zusammengebrochen war, hat das Unternehmen sich stärker Auslandsmärkten zugewandt. Dort und generell auf dem Weltmarkt ist der Kostendruck aber noch deutlich höher als in Deutschland. Deswegen arbeitet Enercon seit Jahren daran, Strukturen zu verschlanken und wettbewerbsfähiger zu werden.
„In diesem Fall haben wir durch die Untersuchung in speziell dafür ausgerüsteten Prüfständen die Chance, genau die Bedingungen zu simulieren, die wir untersuchen wollen. Denn es geht ja darum zu schauen, ob sich die Entwicklung in der Praxis genauso verhält wie in den Modellrechnungen. Das hilft uns deutlich weiter“, sagt Rehwald. Allerdings: Inwiefern die Ergebnisse auch auf Windenergieanlagen anderer Klassen übertragbar sind, müssten weitere Forschungen zeigen. Darin wolle und werde man Testverfahren für einzelne Komponenten ausbauen, um sie in nationale und internationale Normen zu übertragen.
Diskussionen über Prüfstand in Aurich
Nun haben die Auricher selbst für ihre Forschung und Entwicklung ja einen eigenen Prüfstand errichtet. „Ob wir den auch so aufrüsten, dass wir die Tests für die Zertifizierung von Anlagen auch dort umsetzen können? Da laufen noch Überlegungen. Das ist ja auch mit entsprechenden Investitionen verbunden. Da gibt es noch keine Entscheidung“, sagt Rehwald.
Vorerst werde man die Möglichkeiten entsprechend ausgestatteter externer Prüfstände wie dem des IWES in Bremerhaven nutzen. In jedem Fall nutze man den eigenen Prüfstand unabhängig davon intensiv, begleitend zur Entwicklung. „So kann man schon vor dem Prototypen-Bau viele Erkenntnisse erzielen und das Produkt entsprechend verbessern.“