Streitigkeiten

Rhauderfehner Schiedsmann ist da, wenn zwei sich streiten

Clarissa Scherzer
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Von Clarissa Scherzer
| 05.05.2022 07:57 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Achim Schneider hat als Schiedsmann viel zu tun. Zuhause hat er dafür einen Bürobereich eingerichtet. Foto: Scherzer
Achim Schneider hat als Schiedsmann viel zu tun. Zuhause hat er dafür einen Bürobereich eingerichtet. Foto: Scherzer
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Seit November ist Achim Schneider Schiedsmann in Rhauderfehn. Seitdem hatte er schon ein gutes Dutzend Fälle. Der Ehrenamtler hat Erfahrung in dem Metier.

Rhauderfehn - Die Hecke wurde zu dicht an der Grenze gepflanzt. Äste wachsen herüber. Und im Herbst weht der Wind wie jedes Jahr Nachbars Blätter in den eigenen Garten. Achim Schneider (65) kennt derartige Fälle von nachbarschaftlichen Grenzverletzungen sehr gut und weiß, wie schnell daraus ein Streit entstehen kann. Er hilft, den zerstrittenen Parteien, außergerichtlich eine gute Lösung für beide Seiten zu finden. Das ist sein Job. Achim Schneider ist Schiedsmann. Er wurde im November 2021 einstimmig vom Gemeinderat Rhauderfehn gewählt und ist seitdem zuständig für die Ortschaften Westrhauderfehn, Klostermoor, Langholt und Burlage.

Bis heute hatte er schon mehr als zwölf Fälle von Nachbarschaftsstreitereien auf dem Tisch und konnte erfolgreich schlichten. „Alle sind bis jetzt positiv ausgegangen, ohne den Amtsschimmel galoppieren lassen zu müssen“, sagt Schneider zufrieden. „Die Beteiligten sind meist sehr dankbar zum Schluss. Es gibt Fakten. Die müssen berücksichtigt werden.“ Seine Handlungsmaxime ist: Schlichten statt richten. Das steht auch auf seiner Visitenkarte, die er als frisch gewählter Schiedsmann immer dabei hat.

Nicht mit Kanonen auf Spatzen schießen

Schneider setzt sich mit den Menschen auseinander, hört ihnen zu und geht respektvoll mit ihnen um. „Der liebe Gott hat uns einen Mund gegeben, ohne reden klappt es nicht. Man muss ja nicht gleich mit Kanonen auf Spatzen schießen“, findet er und weiß, wovon er redet. Vor seinem Ruhestand und seinem Umzug nach Rhauderfehn in 2018 arbeitete der ausgebildete Schlossermeister und Werkstattleiter 20 Jahre lang bei der Stadtentwässerung Frankfurt. 30 Jahre war er als ehrenamtlicher Innungsmeister der IHK sowie fast 20 Jahre als Ehrenrichter am Landgericht und Amtsgericht Frankfurt tätig. Während dieser Zeit arbeitete Schneider als Chef und im Ehrenamt stets mit den Menschen eng zusammen und versuchte so, starre Hierarchien aufzubrechen. „Ich bin Chef, ihr macht, was ich sage - das gab es bei mir nicht. Damit habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht. Privat hatte ich für alle auch immer ein offenes Ohr“, erläutert er. Diese Erfahrungen setzt er nun in seinem neuen Ehrenamt als Schiedsmann in Ostfriesland ein.

Seine Arbeit ist nicht nur wichtig, sondern auch gesetzlich vorgeschrieben. Seit Januar 2010 gilt das Niedersächsische Gesetz zur obligatorischen außergerichtlichen Streitschlichtung. Es schreibt vor, dass Klagen in Nachbarschaftsstreitigkeiten erst zulässig sind, nachdem versucht wurde, die Streitigkeit vor einem Schiedsamt einvernehmlich beizulegen. Das Amt des Schiedsmanns und der Schiedsfrau erfordert viel Erfahrung im Umgang mit Menschen und bringt Bürokratie mit sich. „Es ist ja mit viel Arbeit verbunden. Ich schreibe Einladungen für Schlichtungssitzungen, telefoniere viel, schreibe Anwesenheitslisten und führe bei jeder Sitzung ein Protokoll. Das Kassenbuch und alle anderen Unterlagen muss ich jährlich zur Kontrolle einreichen“, erläutert der Schiedsmann das Prozedere.

Das Schiedsamt beinhaltet auch viel Bürokratie. Zum Beispiel muss Achim Schneider Protokolle führen. Foto: Scherzer
Das Schiedsamt beinhaltet auch viel Bürokratie. Zum Beispiel muss Achim Schneider Protokolle führen. Foto: Scherzer

Das BGB ist immer dabei

In einer Ecke des Wohnzimmers hat Schneider sein Büro mit Telefon und Laptop eingerichtet. Ein Regal ist voll von Stehsammlern mit Fallakten, Gesetzesbüchern, Fachliteratur und -zeitschriften. „Ich habe das BGB, das Bürgerliche Gesetzbuch, immer dabei. In der Schiedsmannverordnung steht alles drin.“ Schneider hat ein Abo der Schiedsamtszeitung vom BDS (Bund Deutscher Schiedsmänner und Schiedsfrauen e.V.) und informiert sich regelmäßig online über aktuelle Urteile vom Bundes- und Landesgericht.

Fortbildungen sind vorgeschrieben, da sich Gesetze auch ändern. Im Mai 2022 findet der Fortbildungslehrgang „Nachbarrecht“ vom BDS statt. Dabei geht es neben der Vermittlung von aktuellen rechtlichen Grundlagen auch um das Erlernen von mediativen Techniken. „Da machen wir Rollenspiele und üben Fälle. Zum Beispiel was ist, wenn jemand aggressiv wird. Wie geht man damit um? Das trainieren wir“, weiß Schneider. „Ich bin froh, wenn ich helfen kann. Das Leben ist viel zu kurz zum Streiten.“

Zwei Gewinner und eine Lösung

Er sagt von sich, er hat ein dickes Fell, doch im Fall von Beleidigungen reagiert er resolut. „Bei Beleidigungen meiner Person kann ich die Schlichtung auch beenden, oder der Person, die beleidigend war, ein Ordnungsgeld aufbrummen. Das wird dann von der Gemeinde eingefordert, aber das war bisher noch nicht nötig.“ Die Vorteile des Schiedsverfahrens liegen auf der Hand, erklärt der Schiedsmann: „Bei einer Verhandlung gibt es am Ende durch das Amtsgericht einen Gewinner und einen Verlierer, beim Schiedsverfahren zwei Gewinner und eine gute Lösung für beide. Und der Streit ist nicht öffentlich. Der geschlossene Vergleich ist 30 Jahre gültig und rechtlich einklagbar. Mit Porto und Schreibkram kommen maximal 60 Euro an Kosten zusammen. Im Gegensatz zu einer amtlichen Geschichte ist das sehr günstig.“ Kommt es trotz Bemühungen zu keiner Einigung, stellt er für beide Parteien eine Erfolglosigkeitsbescheinigung aus, mit der beim Amtsgericht Klage eingereicht werden kann.

Um sich und seine ehrenamtliche Tätigkeit in Rhauderfehn und Umgebung bekannt zu machen, entwirft Achim Schneider derzeit einen Flyer mit allen wichtigen Infos rund um das Schiedsverfahren, den er bei der Polizei, im Rathaus und an weiteren öffentlichen Stellen auslegen wird. Zusätzlich möchte er im Rathaus Rhauderfehn regelmäßig Gesprächsstunden anbieten.

Schiedsmann Achim Schneider ist erreichbar unter Tel. 0151/68135164 oder per E-Mail an achim.schneider@schiedsmann.de

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