Artikel 1, GG
Puh, was für eine Vielfalt!
Auf unserer Internetseite veröffentlichen wir sechs Mal in der Woche eine Kolumne. Mittwochs geht es um die Vielfalt in Deutschland.
Nach langer Zeit war ich in Frankfurt mal wieder mit der Straßenbahn unterwegs – mit der Linie 11, die quer durch die Stadt fährt, von Fechenheim im Osten bis Hoechst im Westen. Öffentliche Verkehrsmittel allgemein und die Strecke der Linie 11 im Besonderen sind Super für Sozialstudien, denn „die Elf“ fährt durch Stadtteile mit unterschiedlicher sozio-ökonomischer Struktur.
Ich stieg ein im Osten, im Viertel mit hohem Anteil von sozialschwachen Bewohnern, fuhr durch das Quartier, in dem seit ein paar Jahren die Europäische Zentralbank ihren Sitzt hat, und stieg im Zentrum aus. Während der etwa 40 Minuten langen Fahrt wurde ich des wechselnden Stimmengewirrs gewahr und begann, meine Aufmerksamkeit den Gesprächen zu widmen. Vor, neben und hinter mir standen oder saßen Menschen und unterhielten sich in so vielen unterschiedlichen Sprachen. Herausgehört habe ich außer Deutsch mit unterschiedlichem Akzent und in unterschiedlichen Dialekten unter anderem Französisch, Englisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Ungarisch und Türkisch; es waren auch Sprachen zu hören, bei denen ich auf Farsi, Russisch, Finnisch, Arabisch tippte.
Ohne dass ich es bewusst steuerte, muss ich meine Aufmerksamkeit von den Stimmen auf die Fahrgäste selbst gerichtet haben. Puh, was für eine Vielfalt. Hautfarben von ganz hell bis ganz dunkel, Haarfarben von Grau bis Grün, frischfrisierte Haare und solche, die erkennbar lange nicht gewaschen wurden. Frauen mit Kopftüchern, Männer in Anzügen, mit Turbanen und/oder langen Gewändern; Mädchen mit bauchfreier Bekleidung, Jugendliche mit Käppi oder Kapuze … Falls Sie jetzt denken, ich übertreibe es mit der Auflistung der Vielfalt: Wenn Sie mal in Frankfurt sind, dann fahren Sie mal mit der „Elf“.
Deutschland ist ein Land geworden, in dem Menschen unterschiedlicher Herkunft und Sprache und unterschiedlichem Aussehen ihr Zuhause haben. In der Provinz ist sie vielleicht nicht so auf Anhieb sichtbar, diese Realität, mit der sich bedauerlicherweise so manche schwer tun.
Zur Person
Canan Topçu (56) ist als Tochter türkischer Arbeitsmigranten in Hannover aufgewachsen. Nach der Ausbildung bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wechselte die Journalistin zur Frankfurter Rundschau. Seit 2012 ist die Hanauerin freiberuflich als Autorin sowie als Referentin und Dozentin tätig.
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