Beerdigung
Sekt, Särge, Seifenblasen
Aufregung auf dem Friedhof: Bei einer Beerdigung wurden Stehtische aufgebaut und nach der Beisetzung gab es Sekt. Skandal? Oder sind das einfach die neuen Zeiten?
Ostfriesland/Ammerland - Es muss ein ungewohntes Bild gewesen sein: Mitte April standen auf einem Friedhof in Bad Zwischenahn Stehtische, rund 25 Menschen standen an diesen, tranken Sekt. Kinder spielten und pusteten Seifenblasen. Alle waren Gäste einer Beerdigung. Während der Bestatter laut Medienberichten darin kein Problem sah, war die zuständige Kirchengemeinde wenig amüsiert.
Was und warum
Darum geht es: Auf Friedhöfen gibt es (ungeschriebene) Regeln, an die man sich halten muss – trotz Veränderungen in der Bestattungskultur.
Vor allem interessant für: diejenigen, die sich für Bestattungskultur interessieren oder darüber nachdenken, wie sie sich ihre eigene Beisetzung wünschen würden.
Deshalb berichten wir: Im Ammerland gab es laut Medienberichten Aufregung darüber, dass bei einer Beerdigung nach der Beisetzung noch an Stehtischen am Grab Sekt gereicht wurde. Den Autor erreichen Sie unter: c.hock@zgo.de
Doch wurde hier eine Grenze überschritten oder ist es nicht jedem selbst überlassen, wie er oder sie um Angehörige und Freunde trauert? Ein Gläschen zum Abschied, nur in direkter Nähe zum Beigesetzten statt irgendwo in einer Gaststätte bei der Teetafel – was halten Bestatter und Pastoren in Ostfriesland von der Sache?
Geschriebene und ungeschriebene Regeln
Unsere Zeitung hat mit dem Auricher Bestatter Andree Emkes (39) und der evangelisch-lutherischen Pastorin Cathrin Meenken (41) über das Thema gesprochen. Der Tenor: Auch in Deutschland ändert sich die Bestattungskultur, was früher verpönt war, ist heute normal. Aber es gibt weiterhin Grenzen.
„Der Wunsch nach Stehtischen direkt am Grab wurde auch schon an mich herangetragen“, sagt Emkes. Aber da Friedhöfe öffentliche Plätze sind, würden hier bestimmte – geschriebene und ungeschriebene – Regeln gelten. Beim Fall in Bad Zwischenahn war es zum Beispiel eine Urnenbeisetzung. „Auf Urnenfeldern steht man de facto auf Gräbern. Da stellt sich wirklich die Frage, ob man da Sekt trinken muss.“
Luftballons und Rockmusik
Was auf Friedhöfen erlaubt und was nicht erlaubt ist, regeln die geltenden Friedhofssatzungen. Daran muss man sich halten oder in Grenzfällen Rücksprache mit den Zuständigen in der Kirchengemeinde halten. „Die Satzungen sind ja in der Regel auch schon älter und können nicht alles abdecken, was heute möglich ist“, so Emkes.
„In Bad Zwischenahn wäre es wahrscheinlich besser gewesen, wenn man vorher das Gespräch gesucht hätte“, vermutet auch Cathrin Meenken. Laut Medienbericht fehlte diese Absprache tatsächlich. Grundsätzlich, so beobachtet die Pastorin der Lambertigemeinde in Aurich, „können Beerdigungen heute auch lockerer sein als früher“. Vor allem in der Stadt und bei jüngeren Hinterbliebenen komme das vor. „Da werden auch Luftballons steigen gelassen oder in der Kapelle spielt Rockmusik“, sagt Meenken. „Man muss sich immer fragen: Was passt zum Menschen, sowohl zum Verstorbenen als auch zu den Hinterbliebenen?“
Auch an andere Besucher denken
Allerdings, da sind sich Emkes und Meenken einig, müsse alles im Rahmen bleiben und zum Ort passen. Egal, was sich die Hinterbliebenen wünschen, „man muss sich immer fragen: Wie geht es den Menschen, die in der Nähe am Grab stehen und trauern, wenn meine Beerdigung anders ist als die Norm“, gibt die Pastorin zu bedenken. Der Friedhof sei kein Ort für ausufernde Feste, das sei auch kulturell bedingt. Aber auch ein längeres Verweilen an Stehtischen am Grab, wie in Bad Zwischenahn, sieht Emkes grundsätzlich kritisch – Sekt hin oder her. Es sei ein ungeschriebenes Gesetz, dass man Beerdigungsgesellschaften nicht stört. „Solange die Trauergesellschaft nicht weggeht, geht fast niemand zu den Gräbern in der direkten Umgebung. Auch wenn man dort Verstorbene besuchen will“, sagt Emkes. Ein langes Verweilen würde also gegebenenfalls auch Menschen vom Besuch von Gräbern abhalten.
Und wie ist das mit Alkohol am Grab? Da sind sowohl Meenken als auch Emkes ehrlich: Es kommt vor, allerdings meist nur im kleinen Rahmen. „Ein letztes Anstoßen und einen kleinen Schluck Jägermeister oder Bier am Urnengrab habe ich schon erlebt“, sagt Meenken. Und auch Emkes hatte das schon, auch nach der Beerdigung. „Wenn die Freunde am Todestag zum Grab gehen und mit einem Schnaps anstoßen, dann stört das in der Regel niemanden“, sagt der Bestatter. Solange es in gebotener Stille und Kürze geschieht.
Nicht alle Traditionen über Bord werfen
Dennoch verändern sich auch in Deutschland Beerdigungen, was auch daran liegt, dass man hier immer mehr von den Begräbnisriten in anderen Ländern mitbekommt. Sei es durch die Medien oder durch Zugewanderte oder auch Geflüchtete. „Früher wurden bei Beerdigungen nie Fotos der Verstorbenen aufgestellt. Heute ist das fast normal“, sagt Emkes. Ein Trend, der aus Amerika nach Deutschland gekommen sei. Auch Musikeinspielungen in der Kapelle von modernen Liedern habe es früher nie gegeben. „Ich habe auch schon eine Mischform aus einer christlichen und muslimischen Beerdigung erlebt.“
Dennoch sei es wichtig, nicht alle „Grenzen“ der Tradition sofort völlig einzureißen. „Wir können uns sicher in anderen Länder Dinge abschauen“, sagt Meenken. Auch die Kirche beharre nicht auf durchgehend schwermütigen Bestattungen. „Wir sind da auch moderner und offener, als manche denken“, ist sich die Pastorin sicher. Aber: „Manche Traditionen und Gepflogenheiten sollte man einhalten“, so Emkes. „Friedhöfe sind in Deutschland ein Ort der Stille und Ruhe.“ An Traditionen festhalten, würde auch den Hinterbliebenen oft helfen. „Was die Menschen kennen, damit können sie besser umgehen und das gibt ihnen Halt“, so der Bestatter.