Notfallversorgung
Blutsturz in der Nacht und eine Irrfahrt bis nach Oldenburg
Ein 76-Jähriger aus Moormerland hat bei Ohr-Problemen am Wochenende am eigenen Leib erfahren, wie schwierig eine Erstversorgung sein kann. Jetzt denkt er an andere in ähnlichen Situationen.
Ostfriesland - Einen Abend vor wenigen Wochen wird ein 76-Jähriger aus Moormerland so schnell nicht vergessen. Kurz vor dem Zubettgehen erlitt der Mann plötzlich einen heftigen Blutsturz aus beiden Nasenlöchern. Sein Blutdruck schnellte auf 190/110 hoch. „Ich bin Herzrisikopatient und deshalb besonders vorsichtig“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Sein erster Impuls: ein Anruf im Borromäus-Hospital in Leer. Dort erfuhr er, dass er sich an das Notfallzentrum Oldenburg im dortigen Klinikum wenden müsse. Dort sind alle Fachabteilungen für die Versorgung außerhalb der regulären Zeiten gebündelt.
Weil ihm die Fahrt dorthin im eigenen Auto zu riskant erschien, wählte er die Notrufnummer 112. Die Sanitäter brachten ihn ins Klinikum Leer zur Notaufnahme. „Dort wurde mir ohne weitere Kontrolle des gesundheitlichen Zustandes eine Tamponade in beide Nasenlöcher gesteckt, die die Blutung zunächst stoppte. Danach entließ man mich wieder nach Hause“, berichtet der Moormerländer. Dort habe er festgestellt, das die Blutung zwar schwächer geworden, der Blutdruck aber bei einem Wert von 215/151 angekommen sei.
Mit wackligen Beinen entlassen
Der Moormerländer zog die Reißleine. Mitten in der Nacht ließ er sich von seinem Sohn ins Klinikum nach Oldenburg fahren. Dort habe man ihn gegen 2.25 Uhr aufgenommen und versorgt: „Man hat sich um meinen gesundheitlichen Zustand gekümmert und mir blutdrucksenkende Mittel gegeben.“ Gegen 5 Uhr habe ihm ein HNO-Arzt die Gefäße verödet. Dadurch sei die Blutung zum Stillstand gekommen. Danach sei er noch rund zwei Stunden unter Beobachtung dort geblieben und gegen 7 Uhr noch etwas wacklig auf den Beinen entlassen worden.
Im Nachhinein möchte der 76-Jährige wissen, warum ein HNO-Notfallpatient in Ostfriesland zwischen 18 Uhr und 8 Uhr keine ärztliche Hilfe erwarten könne. Er müsse sich offenbar direkt an die Notfall-Klinik in Oldenburg wenden. Wenn er vom Rettungsdienst in die nächstgelegene Klinik gebracht werde, bestehe das Risiko einer nicht-fachgerechten Behandlung. Im Leeraner Klinikum habe man ihm weder Blut abgenommen noch den Blutdruck gemessen.
Notdienst wurde abgeschafft
Dieter Krott von der Kassenärztlichen Vereinigung in Aurich verweist darauf, dass es in Niedersachsen seit fast zehn Jahren keine HNO-Notdienste mehr gibt.
Patienten mit Beschwerden im Hals-Nasen-Ohren-Bereich könnten sich außerhalb der regulären Praxisöffnungszeiten an den allgemeinen Ärztlichen Notdienst unter der zentralen Rufnummer 116117 wenden. 2013 sei der der HNO-Notdienst auf Beschluss der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen abgeschafft worden. „Es gab einfach nur eine sehr geringe Nachfrage, deshalb wollte man das nicht mehr aufrechterhalten“, sagte Dieter Krott. Niedergelassene Fachärzte müssten seither keine Notdienste mehr in ihren Praxen leisten. Regulär gebe es diesen Service in Niedersachsen auf Facharztebene noch bei Augen- und Kinderärzten.
Das Klinikum Leer erklärte auf Anfrage dieser Zeitung, dass es keine eigene HNO-Abteilung für die Patienten vorhalte. Es gebe allerdings ein exakt festgelegtes, abgestuftes Verfahren bei der Erstversorgung eines HNO-Notfallpatienten, sagte Klinikum-Sprecherin Tina Schmidt. Bei jedem Patienten würden die Vitalwerte bestimmt, also der Puls gemessen und der Blutdruck kontrolliert. Eine Blutung stille man mit einer Tamponade. Tagsüber vermittle man den Patienten direkt an eine HNO-Praxis zur Weiterbehandlung. Außerhalb der Praxiszeiten werde der Patient zur Weiterbehandlung an die HNO-Notfallambulanz im Klinikum Oldenburg verwiesen. Tina Schmidt ist folgender Hinweis wichtig: „Eine Tamponade sollte nicht länger als einige Stunden in der Nase verbleiben. Daher wird kein Patient ohne die nötige Aufklärung zur Weiterbehandlung oder einer noch nicht gestillten Blutung nach Hause geschickt.“