Ungewöhnlicher Arbeitsplatz

Offshore-Windparks: Im Notfall kommen Emder Rettungsflieger

Gordon Päschel
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Von Gordon Päschel
| 27.04.2022 18:34 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Herbert Janssen war viele Jahre Betriebsleiter für die Rettungsfliegersparte des Emder Unternehmens NHC. Foto: Ortgies
Herbert Janssen war viele Jahre Betriebsleiter für die Rettungsfliegersparte des Emder Unternehmens NHC. Foto: Ortgies
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Nahezu täglich passieren auf den Ostfriesischen Inseln oder in Windparks auf hoher See Unfälle. Der fliegende Emder Rettungsdienst NHC ist darauf spezialisiert – und bekommt bald noch mehr zu tun.

Emden - An Land ist die Situation klar geregelt: In Niedersachsen dürfen im Notfall – bis auf wenige Ausnahmen – maximal 15 Minuten bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes vergehen. Aber was passiert in den Offshore-Windparks auf hoher See, in denen im Schnitt täglich Hunderte Arbeiter beschäftigt sind? Woher und wie schnell kommt Hilfe, wenn sich jemand in einer der Windenergieanlagen lebensgefährlich verletzt oder an Bord eines der Crew-Schiffe kollabiert? Dann gehen die Rettungsflieger des Emder Unternehmens Northern Helicopter (NHC) binnen weniger Minuten in die Luft. Spätestens eine Stunde nach der Alarmierung müssen sie vor Ort sein – auch wenn der Notfall 100 Kilometer weit draußen in der rauen Nordsee ist.

Was und warum

Darum geht es: Fliegender Rettungsdienst auf hoher See: Im Windschatten der Offshore-Windenergie in der Deutschen Bucht entstehen neue Arbeitsplätze in Ostfriesland.

Vor allem interessant für: Leute, die sich für spannende und ungewöhnliche Berufe interessieren sowie alle, die die Entwicklung der Offshore-Wirtschaft in der Nordsee verfolgen.

Deshalb berichten wir: Die Redaktion hatte den Flugplatz Emden als Offshore-Jobmotor vorgestellt. Nachfolgend wollen wir eines der am Aufschwung beteiligten Unternehmen und deren Dienstleistung noch einmal separat näher vorstellen.

Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de

Herbert Janssen weiß, was es bedeutet, unter extremen Bedingungen in der Deutschen Bucht Leben zu retten und Schwerverletzte aus den engen Gondeln der Windenergieanlagen zu bergen. Der drahtige und durchtrainierte 63-Jährige hat den fliegenden Notfalldienst für die riesigen Windfelder in der Deutschen Bucht mit aufgebaut und saß selbst lange Zeit als Ersthelfer an Bord der Maschinen, die zur Hilfe gerufen werden. Mittlerweile hat der gebürtige Esenser sein Büro in Emden. Seit 2008 hat das Unternehmen dort seinen Sitz und betreibt den Rettungs- und Ambulanzflugdienst über der Nordsee. NHC ist der Marktführer für die Offshore-Luftrettung in der Deutschen Bucht und der Ostsee.

Die Rettungskräfte werden vom Hubschrauber über eine Winde zum Einsatzort abgeseilt. Foto: Privat
Die Rettungskräfte werden vom Hubschrauber über eine Winde zum Einsatzort abgeseilt. Foto: Privat

Unglaubliche Ausmaße

An seinen ersten Flug raus zu den gigantischen Kraftwerken nord-nordwestlich hinter den Ostfriesischen Inseln kann Janssen sich noch gut erinnern. Er kennt das Datum noch genau: 15. Juli 2011. „Wow sind diese Dinger hoch“, habe er damals gestaunt. Noch mehr beeindruckten ihn die räumlichen Dimensionen der Windparks: „Das sind Riesenbaustellen mit unglaublichen Ausmaßen“, sagt der frühere Betriebsleiter für den Rettungsdienst bei NHC.

Arbeitsplatz Helikopter: Philip Lauffer übernimmt als Notfallsanitäter an der Seite des Piloten im Cockpit Navigationsaufgaben. Foto: Ortgies
Arbeitsplatz Helikopter: Philip Lauffer übernimmt als Notfallsanitäter an der Seite des Piloten im Cockpit Navigationsaufgaben. Foto: Ortgies

Als Beispiel nennt er den Windpark DanTysk. Rund 70 Kilometer vor Sylt an der deutsch-dänischen Grenze erstreckt sich dieses Feld über ein 70 Quadratkilometer großes Gebiet. DanTysk ist einer der ersten großen Offshore-Windparks in der Nordsee, er ging 2014 ans Netz. 80 Anlagen liefern Strom, der rechnerisch für etwa 400.000 Haushalte reicht. Die Firma Vattenfall, die die Mehrheit der Anteile am Park hält, zeigt in einem eindrucksvollen 360°-Film bei Youtube, wie es dort aussieht (https://link.zgo.de/DanTysk).

Im Rettungssack zum Helikopter

Janssen und seine Kollegen haben noch einen anderen Blick auf die Kraftwerke. Für sie sind die Windfarmen auf hoher See eine Herausforderung, auf die sie sich in vielen Trainingsstunden vorbereiten. Regelmäßige Testeinsätze finden unter anderem an einem Übungsturm an der Knock statt. Dort simulieren die Retter das Abwinschen, also das Abseilen, vom Helikopter und das Bergen von Verletzten. „Es ist verdammt eng“, sagt Janssen über die Windkraftanlagen. Und es könne verdammt anstrengend werden, in voller Kälteschutzmontur einen 100 Kilogramm schweren Bewusstlosen in der engen Röhre auf einer Trage runter- oder hinaufzubefördern.

Durch die geöffnete Seitentür hält ein Crewmitglied Sichtkontakt zu dem Kollegen, der zum Unfallort abgeseilt wird. Foto: Privat
Durch die geöffnete Seitentür hält ein Crewmitglied Sichtkontakt zu dem Kollegen, der zum Unfallort abgeseilt wird. Foto: Privat

Um zu spüren, wie es denen im Rettungssack auf der Trage ergeht, hat Herbert Janssen sich selbst bergen lassen: „Dann weißt du, wie es sich anfühlt, wenn du über das Geländer gebracht wirst.“ Denn Offshore in den Parks führt der einzige Rettungsweg in der Regel über ein dünnes, langes Seil zu dem Helikopter, der über der Gondel oder schräg seitlich einer Arbeitsplattform am Fuß der Anlagen wartet.

Weil die Helikopter einen Sicherheitsabstand zu den Windenergieanlagen einhalten müssen, werden die Notfallsanitäter über eine schräge Seilverbindung zu der Plattform am Fuß der Bauwerke gebracht. Foto: Privat
Weil die Helikopter einen Sicherheitsabstand zu den Windenergieanlagen einhalten müssen, werden die Notfallsanitäter über eine schräge Seilverbindung zu der Plattform am Fuß der Bauwerke gebracht. Foto: Privat

Risikoquellen auf hoher See

Die meisten Unfälle passieren allerdings nicht bei der Arbeit in den Windenergieanlagen – „die Leute sind sehr gut ausgebildet“, sagt Janssen. Das Berufsgenossenschaftliche Klinikum Hamburg hat die Risikoquellen für Notfälle in Windparks untersucht. Die 2016 präsentierten Ergebnisse zeigen, dass lediglich knapp ein Viertel aller im Erfassungszeitraum gemeldeten Einsätze aus Vorfällen in den Anlagen resultierte. Mehr als zwei Drittel der Unfälle entfielen auf die Hotel- und Begleitschiffe und deren Besatzung. Während die kletternden Techniker fit und körperlich belastbar sind, fahren an Bord der Schiffe viele ältere Seeleute mit. Durch sie steigt die Wahrscheinlichkeit für Komplikationen wie Schlaganfälle oder Infarkte.

Philip Lauffer leitet bei NHC in Emden den Ambulanzflugdienst. Der Helikopter steht einsatzbereit auf einem Podest am Flugplatz. Foto: Ortgies
Philip Lauffer leitet bei NHC in Emden den Ambulanzflugdienst. Der Helikopter steht einsatzbereit auf einem Podest am Flugplatz. Foto: Ortgies

Die Rettungsflieger müssen entsprechend gerüstet sein. Wie in einem Rettungswagen können Patienten intensivmedizinisch behandelt werden. An Bord befindet sich immer ein Notarzt. Denn im Gegensatz zu den fahrenden Kollegen an Land, könnten die Piloten ja schlecht „einfach den Blinker setzen und rechts ranfahren“, damit ein Notarzt dazukommen könne, so Janssen.

Der Radius der in St Peter Ording stationierten NHC-Rettungsflieger ist begrenzt. Sie müssen spätestens binnen einer Stunde nach der Alarmierung bei den in der Nordsee liegenden Windparks sein. Grafik: Jan Fischer
Der Radius der in St Peter Ording stationierten NHC-Rettungsflieger ist begrenzt. Sie müssen spätestens binnen einer Stunde nach der Alarmierung bei den in der Nordsee liegenden Windparks sein. Grafik: Jan Fischer

Neue Rettungsstation Norddeich

Früher starteten die Notärzte des NHC von Emden aus. Mittlerweile sind die Nordsee-Rettungsflieger in St. Peter Ording stationiert. Wegen der Vorgabe, spätestens innerhalb einer Stunde „on scene“ zu sein, also im Einsatzgebiet, plant das Unternehmen den Aufbau einer weiteren Station in Norddeich. Voraussichtlich spätestens in einem Jahr soll das neue Notfall-Team einsatzfähig sein. Die Zeit drängt. Denn mit ihren Ausbauzielen für die Deutsche Bucht treibt die Bundesregierung die Errichtung immer neuer und immer weiter vom Festland entfernter Windparks voran. St. Peter Ording wird perspektivisch nicht mehr reichen, um im Bedarfsfall rechtzeitig zu den neuen Feldern zu gelangen.

Fliegender Krankenwagen: Philip Lauffer gibt einen Einblick in die Ausstattung des Ambulanz-Helis in Emden. Foto: Ortgies
Fliegender Krankenwagen: Philip Lauffer gibt einen Einblick in die Ausstattung des Ambulanz-Helis in Emden. Foto: Ortgies

An seinem Unternehmenssitz in Emden betreibt NHC ein zweites Standbein: den Ambulanzflugdienst von und zu den Ostfriesischen Inseln. Philip Lauffer leitet diesen Geschäftsbereich, der eine Lücke unterhalb der medizinischen Notfälle, zu denen in der Regel der ADAC-Rettungshubschrauber Christopher 26 von Sanderbusch gerufen wird, schließt. Manche Patienten seien so schwer verletzt oder unbeweglich, dass sie die Insel nicht im Krankenwagen oder mit der Fähre verlassen können, erklärt der 27-Jährige.

In 15 Minuten vom Boden

Als Beispiel nennt Lauffer einen E-Bike-Sturz, bei dem sich der Fahrer oder die Fahrerin einen Oberschenkelhalsbruch oder eine Wirbelsäulenverletzung zuzieht. Für solche Fälle wird tagsüber der Ambulanzflieger aus Emden alarmiert und angefordert. „Spätestens innerhalb von 15 Minuten müssen wir in der Luft sein“, sagt der Notfallsanitäter, der früher bei der Feuerwehr Bochum im Rettungsdienst gearbeitet hat.

An Bord des fliegenden Krankenwagens bringen Philip Lauffer und seine Kollegen die Patienten von den Inseln zu Kliniken an Land: „Aurich, Leer, Emden, Westerstede, Oldenburg, Wilhelmshaven und Sanderbusch“, listet der Flugdienstleiter auf, manchmal gehe es aber auch in weiter entfernte Spezialkliniken. Im Gegensatz zu seinen Kollegen im Rettungsdienst, deren Teams rund um die Uhr in Alarmbereitschaft sein müssen, hat er planbare Arbeitszeiten. Für die Ambulanzflieger endet die Rufbereitschaft am Emder Flugplatz in den Abendstunden und im Winter mit dem Einbruch der Dunkelheit.

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