Perspektive
Hier geht es in Ostfriesland besonders weit hoch
Mit dem Campener Leuchtturm kann man jetzt wieder einen von Ostfrieslands höchsten Aussichtspunkten besichtigen – und sogar Diplome machen. Es gibt aber noch weitere Orte mit einem guten Überblick.
Ostfriesland - Flach, flacher, Ostfriesland: Wenn Deutschlands Nordwest-Zipfel für eines nicht bekannt ist, dann sind es Erhöhungen. In Ermangelung von Aussichtspunkten müssen daher schon mal die Deiche herhalten, um einen etwas besseren Überblick zu bekommen. Allerdings gibt es auch hierzulande ein paar Ausnahmen. Die größte davon sind die acht Langwellen-Funktürme der Marinefunk-Sendestelle Rhauderfehn, die in der benachbarten Esterweger Dose stehen und mit Fahrstühlen ausgestattet sind. Mit ihren jeweils 352,8 Metern sind sie mit Abstand die höchsten Bauwerke im ganzen Umkreis. Es gibt aber auch weitere hohe Punkte, auf denen auch die Öffentlichkeit die Aussicht genießen kann. In diesem Artikel stellen wir einige von ihnen vor.
Was und warum
Darum geht es: um eine Reihe von Aussichtspunkten im sonst flachen Ostfriesland
Vor allem interessant für: Bewohner und Besucher von Ostfriesland, die die Gegend mal aus einer anderen Perspektive betrachten möchten
Deshalb berichten wir: Als kürzlich der Campener Leuchtturm wieder für Besucher öffnete, erinnerten wir uns daran, dass es dort Höhendiplome gibt. Das nahmen wir zum Anlass für diesen Bericht. Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de
Eines der höchsten und gleichzeitig wohl bekanntesten Beispiele ist der Campener Leuchtturm in der Gemeinde Krummhörn. Mit seinen 65,3 Metern ist er der deutschlandweit höchste seiner Art. Hochsteigen können Besucher aber erst seit dem 1. April wieder. Dann endete die coronabedingte Pause, in der auch Instandsetzungsarbeiten durchgeführt wurden. Rainer-Jörg Oldewurtel vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt (WSA) Ems-Nordsee in Emden ist als leitender Ingenieur zuständig für das Bauwerk, das laut ihm 300 Tonnen schwer ist und auf vier Fundamenten steht, die bis zu 17 Meter tief ins Erdreich langen. Gebaut wurde es zwischen 1889 und 1890. Der Leitstrahl des Campener Leuchtturmes, der sich nicht bewegt, sondern stets in eine Richtung leuchtet, ist bei besten Wetterverhältnissen rund 30 Seemeilen weit zu sehen. Das sind ungefähr 55 Kilometer. Wer auf seine in 55 Metern Höhe liegende Besucherplattform will, muss zunächst 312 Stufen hinter sich bringen.
Windkraftanlage von oben
Dafür wird man dann nicht nur mit einem guten Ausblick belohnt, sondern kann auch ein Höhendiplom bekommen, wie Nicole Ukena von der Marketingabteilung der Tourismus GmbH Krummhörn-Greetsiel auf Nachfrage unserer Redaktion bestätigt. Es heißt offiziell „Versuchs-doch-mal-Diplom“ und richtet sich an Erwachsene und Kinder mit Höhenangst. „Es haben sich schon Gäste überwunden und sind nach oben gelaufen“, so Ukena. Manche der Besucher sogar besonders oft. So gibt es auch ein Leuchtturm-Stürmer-Diplom für Kinder. Dabei wird gezählt, wie oft sie von unten nach oben und zurücklaufen. Und dann ist da noch ein Leuchtturm-Diplom, bei dem Köpfchen gefragt ist. Dafür müssen die Kinder Fragen rund um das Bauwerk beantworten, erklärt Ukena.
Die Besucherplattform der begehbaren Windkraftanlage in Westerholt ist sogar noch ein Stückchen höher als die in Campen. Nach 297 Stufen auf einer innen gelegenen Wendeltreppe gelangt man in etwa 60 Metern auf die geschlossene Aussichtsplattform der Windkraftanlage vom Typ Enercon E-66. „Oben erwarten Sie ein grandioser Ausblick über die ostfriesische Landschaft und das Rauschen der 30 Meter langen Rotoren“, schreibt die Ostfriesland Tourismus GmbH mit Sitz in Leer auf ihrer Website. Besichtet werden kann die Anlage demnach nur in Verbindung mit einer Führung.
Aussicht vom Kirchturm soll Kind gerettet haben
In Sachen Höhe kann sich zudem der Turm der Hoffnungskirche in Westrhauderfehn sehen lassen. Erbaut wurde er in den Jahren 1885/86 und kostete damals einschließlich des Geläuts und des Uhrwerks 48.000 Goldmark. Zwar gelangen die Besucher, die heute ab und an mit raufgenommen werden, nicht ganz bis zur Spitze in 53,5 Metern, aber zumindest auf einen balkonartigen Umlauf in schätzungsweise etwa 40 Metern Höhe. Der Ausblick oben, so erzählte man sich früher, soll vor 136 Jahren auch schon mal einem Kind das Leben gerettet haben: Als der Handwerker Heyo Kluin in luftiger Höhe die Wetterfahne anbringen wollte, habe er zufällig gesehen, wie das Kind in Rhaudermoor in einen tiefen Graben fiel. Kluin schlug Alarm, so dass es gerettet werden konnte.
In fast exakt derselben Höhe, in 38 Metern, befindet sich auch die Aussichtsplattform des Emder Rathauses. „Die Besteigung des Turms ist jederzeit möglich als Höhepunkt Ihres Besuchs im Ostfriesischen Landesmuseum Emden“, schreibt die Einrichtung auf Ihrer Website. Auf dem Rathausturm wachten über Jahrhunderte hinweg die „Türmer“, dessen wichtigste Aufgabe es war, nachts Alarm zu schlagen, wenn sie irgendwo in der Stadt ein Feuer entdeckten.
3,5-Meter-Turm als Schlusslicht
Vom Störtebekerturm an der Marienkirche in Marienhafe können Besucher aus einer Höhe von 32 Metern hinabblicken. Im ersten Stockwerk des Turms befindet sich zudem die Kammer, in der der berühmte Seeräuber Klaus Störtebeker während seiner Aufenthalte in Marienhafe um das Jahr 1400 gewohnt haben soll. Heute beherbergt sie das Turmmuseum mit einer Dokumentation der Baugeschichte.
Es folgen viele weitere, kleinere Punkte und der wohl allerkleinste Aussichtsturm Ostfrieslands. Er liegt im Nortmoorer Hammrich direkt an der Jümme und misst nur etwa 3,5 Meter. Die Plattform ist so gestaltet, dass sich Radfahrer im Turm unterstellen können und es gibt Sitzgelegenheiten. Die Gemeinde Nortmoor hat in die Realisierung des Projektes rund 33 000 Euro investiert. Eröffnet wurde der Turm im Mai 2015.
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